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Will Self
Spaß
Eine Moritat

Rowohlt
1998
€ 8,50 [D]


Von Robert Kerber am 10.12.2002

  Als "mitreißend herzlosen und erschreckend geistvollen" Autor lobte Martin Amis ("The Rachael Papers") einmal Will Self und umschreibt dabei treffend dessen großes Manko: Seine Arbeiten sind sprachlich zu überladen, um zu schockieren, zu gefühllos, um Anteil nehmen zu können. Wie bei Selfs Vorbild J.G. Ballard sind die Protagonisten nur neuronische Muster in den mathematisch präzise erfassten Seelenlandschaften, die mit den realen Schauplätzen nur noch wenig gemein haben. Aber wo Ballard surreale Bilder zu evozieren vermag, schafft Self lediglich abstrakte - statt in das Geschehen hineingezogen zu werden, bleibt man außenstehender Betrachter eines psychopathischen Satyrspiels auf dem Fernsehschirm in einem Schaufenster. Im Format einer Kurzgeschichte mag dies funktionieren, auf Romanlänge stellt sich dagegen schnell Ermüdung ein.
 
  Selfs Romandebüt beginnt recht vielversprechend: Ian Wharton, ein halbwegs erfolgreicher Marketing-Manager, sitzt in der Küche seiner Wohnung und räsoniert, ob er nach oben ins eheliche Schlafzimmer gehen und seine schwangere Frau töten soll. Dann wendet er sich an den Leser und fordert ihn auf, das Urteil über ihn zu fällen, aber erst, wenn er seine Vorgeschichte ausgebreitet habe.
  Ian kehrt zurück in seine Kindheit, geprägt vom abwesenden Vater, der die Familie verlassen hat, und der erotisch aggressiven Mutter. Ian ist Eidetiker und lebt in seinen quasi-realen, plastischen Phantasien, in denen der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Einbildung aufgehoben ist. Eines Tages zieht Mr. Broadhurst auf das Wohnwagengelände vor dem mütterlichen Bungalow. Broadhurst erkennt Ians Talent, nimmt ihn unter seine Fittiche und fördert dessen mentale Fähigkeiten. Der Preis jedoch ist hoch: Broadhurst ist Mephistoteles, Svengali, der allgegenwärtige, unsterbliche Böse, der den höchsten Genuss in epikuräischen Mahlzeiten und sadistischen Ausschweifungen findet und sich als "Der Dicke Kontrolleur" anreden lässt. Ian erwirbt vielfache Fertigkeiten, doch ein Wunschtraum bleibt ihm verwehrt. Broadhurst droht ihm, dass er mit seinem ersten Geschlechtsverkehr nicht nur seine Begabung verlieren, sondern sich zudem seinen "Schwanz abbrechen" werde. Mit diesen wirkungsvollen Worten tritt Broadhurst aus Ians Leben.
  Jahre später. Ian hat seine Ausbildung beendet, arbeitet in einer Marketing-Agentur und steht in Behandlung bei dem zwielichtigen Psychiater Gyggle, der ihn mittels einer Schlaftherapie vom Albdruck seines eingebildeten Inkubus Broadhurst befreien will. Die Schreckensphantasien während dieser Sitzungen mit scheußlich zu umschreiben ist noch geschmeichelt, aber Gyggle beharrt auf deren Fortsetzung. Auf einer Presseveranstaltung begegnet Ian Jane, begleitet sie nach Hause und hat Sex mit ihr. Wenig überraschend tritt Broadhurst alias Mr. Northcliff wieder auf den Plan, gibt jedoch dem im Handumdrehen verheirateten und Nachwuchs erwartenden Paar seinen Segen und klärt Ian bei der Gelegenheit über dessen wahre Persönlichkeit auf: Ian ist ein schizophrener Mörder, ein Lehrling, auf den jeder Sadist vom Schlage eines Broadhurst/Northcliff stolz sein kann. Kurz darauf wird Broadhurst in einem surrealen Szenario, zu dem sich reale wie fiktive Figuren einfinden, ermordet, aber Ian ist überzeugt, dass Jane seine Inkarnation in ihrem Bauch trägt.
  Zurück zu Ian, der in der Küche sitzt, bereit, das Urteil des Lesers anzuhören, aber unschlüssig, ob er den Mord an seiner Frau durchführen soll. In einem kurzen Epilog begegnen wir dann in einem New Yorker Restaurant einem Engländer und seinem frühreifen Sohn, der alle physiognomischen Merkmale des "Dicken Kontrolleurs" trägt.
 
  Ob wir es mit der authentischen Biographie eines Mörders oder den durch Medikamente ausgelösten Phantasien eines in der Psychiatrie einsitzenden Schizophrenen zu tun haben, bleibt bewusst offen. Leider lässt Self dem Leser nur Spielraum in der Deutung des Geschehens, sprachlich gestattet er ihm keinen. Zwischen bizarren Sprachschöpfungen und kalter Sektion seiner Charaktere bleibt das menschliche Drama auf der Strecke. Der deutlich stärkere Teil von "Spaß" ist die Rückblende zu Ians Jugendjahren, für deren Schilderung Self sich eine Hälfte des Buchs Zeit nimmt und auch auf seine gewohnten Sprachkapriolen verzichtet. Mit dem Sprung von Rückblende zu Jetztzeit, unterstrichen durch den Wechsel der Erzählperspektive, kehrt er in vertrautes Terrain zurück - verbal ebenso brillant wie konstruiert und ziellos.

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