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Klaus Theweleit
der knall. 11. September, das Verschwinden der Realität und ein Kriegsmodell.

Stroemfeld/Roter Stern
2002
279 Seiten


Von Volker Frick am 18.11.2002

 Leben ist das, was dir passiert,
 wenn du eifrig dabei bist
 andere Pläne zu machen.
 John Lennon
 
  Von Heraklit stammt das überlieferte Wort: "Viel Wissen bedeutet noch nicht Verstand." Die Lektüre des neuen Buches von Klaus Theweleit lässt einen erneut wieder ein wenig mehr und besser durchblicken, denn Klaus Theweleit schaut genau hin, und fragt, was haben wir denn gesehen am 11. 09. 01? Bilder? Wir sind angeschlossen. Das System schlägt zurück. Das sind keine Bilder, das ist die ständige Wiederholung. Wir alle auf stand by. Buy Buy: Happiness. Die Wirklichkeit ist durch diese bildhafte Permanentinfusion nicht einzufangen. Tausende Tote. Theweleit befragt die Bilder, die Journalisten, die Berichterstatter, die Kommentatoren, die Philosophen, viel mehr noch liest er, schaut genau hin. Und er erzählt Dinge, die ich so nicht wusste, nicht wahrgenommen habe (können). Am 16. September 2001 sendete CNN einen Clip, Bilder des unbeschreiblichen [sic!] Ereignisses, untermalt [sic!] von dem Song New York von U2. Ein Musikvideo. Videotenclip fünf Tage danach. Seiten weiter eine kurze Erwähnung von Don DeLillo, allerdings scheint In den Ruinen der Zukunft zuerst im Dezember 2001 im Harper's Magazine erschienen, Klaus Theweleit nicht unter die Augen gekommen zu sein. "Vor den Südfenstern zeichneten sich ungeheuer geballt und nah die Trade-Türme vom Nachthimmel ab. Verkörperung des Wortes >auftürmen< in seiner ganzen beharrlichen und drohenden Gewalt." Ebenfalls Don DeLillo, der Roman heisst "MAO II". Zitat 2 daraus: "Beckett ist der letzte Schriftsteller, der unsere Art zu denken und zu sehen dargestellt hat. Die bedeutenderen Werke nach ihm befassen sich mit der Sprengung von Flugzeugen und Gebäuden. Das ist die neue tragische Erzählkunst."
 
  Susan Sontag erinnere ich in Sarajevo, Warten auf Godot – inszeniert bei Kerzenschein. Und ich erinnere Gustave Flaubert: "Ich habe immer versucht, in einem Elfenbeinturm zu leben, aber es brandet eine solche Flut von Scheiße gegen seine Mauern, daß er einzustürzen droht."
 
  Das Buch beinhaltet 2 Essays ("zur Lage"). Der erste ist überschrieben ‚PlayStation Cordoba/ Yugoslavia/ Afghanistan etc. Ein Kriegsmodell', und überzeugt durch eine bestechende Theorie der Entmischung. Danach sieht man nicht nur klarer, sondern auch genauer hin. Der zweite Essay ist trefflich kurz betitelt "Das Verschwinden der Realität". Dort werden verhandelt Äusserungen von Georg Seeßlen, Kathrin Röggla (überflüssigerweise), Karl-Heinz Stockhausen, Elisabeth Bronfen (Der unsagbare Kern), Alexander Kluge, Susan Sontag & der Mut, Groys, Baudrillard, Luhmann, Žižek, Sloterdijk. Eins ist klar. Das Genre des Katastrophenfilms ist von der Realität des Mediums TV aquiriert worden. Doch, die Frage stellt sich, ist dies alles nur eine Inszenierung von Interessen, öliges Hegemonialstreben, und Ruanda ist dann nur ein still: Leichen treiben vorrüber. Pantha rhei, The Big Apple, Terror, error, sinnlose Gewalt ist ein Widerspruch in sich. Naturgemäß macht Gewalt keinen Sinn. Die amerikanischen Städte sind Angstterminals. "They say that heaven is like T.V." lautete die Unterzeile eines memento mori, welches ich vor Jahren der letzten Nummer einer Literaturzeitschrift unterjubelte, welches galt: Kathy Acker; da in Gänsefüßchen ein Zitat: Laurie Anderson.
  Vom Zitat zu Artaud, seinem Theater der Grausamkeit: "Sinnlose Begehr von Grauen zu Grauen, unstillbares Kreisen im Leeren. Gebären ohne Geburt, Sonnensturz, wankender Raum." Von Artaud zu Arundhati Roy findet sich kein Übergang, aber sie taucht in diesem Buch auch nicht auf, merkwürdigerweise wickert aber Wickert, der anchorman der Tagesthemen, ein wenig unverstanden herum in diesem Buch. Am 28. September 2001 veröffentlichte die FAZ "Wut ist der Schlüssel" von Arundhati Roy, einer indischen Schriftstellerin. Der anchorman zitierte sie, entschuldigte sich aber für das mögliche Mißverständnis kurze Zeit später. Arundhati Roy schrieb (in Klammern): "(Da gerade über die Auslieferung von Vorstandsvorsitzenden gesprochen wird – dürfte Indien ganz nebenbei um die Auslieferung von Warren Anderson bitten? Der Mann war als Chef von Union Carbide verantwortlich für die Katastrophe von Bhopal, bei der sechzehntausend Menschen umkamen. Wir haben die nötigen Beweise zusammengetragen, alle Dokumente liegen vor. Also gebt ihn uns bitte!)"
  Klaus Theweleit nun hat einiges zusammengetragen. So kennt man ihn und deswegen schätzt man ihn. Text- und Bildverarbeitung. Als Annotation meinerseits noch die Schlußszene des Filmes "Fight Club" von David Fincher, ein 30 Jahre altes Zitat von Jim Morrison, "I've got a splitting headache from which the future's made", und Songzeilen von Laurie Anderson: "Here come the planes. They're American planes": O Superman.

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