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Marcus Hammerschmitt
Polyplay

Argument Verlag
2002
187 Seiten
€ 12,- [D]


Von Till Westermayer am 10.11.2002

  Ein Buch, zu dem sich leider nicht allzuviel sagen lässt. Nicht, weil es nicht von Interesse wäre, sondern weil es zuviel vorwegnehmen würde. Auf den ersten Blick ist das Buch harmlos - so harmlos, dass die Frage aufkommt, ob es nicht etwas unter dem Niveau von Hammerschmitt angesiedelt ist. Eine Alternativweltgeschichte, in der im Setting »DDR hat die BRD nach der Wende übernommen« Kommissar - nein, Oberleutnant - Kramer in einem Mordfall ermittelt, bei dem Jugendszenen und Automatenspielgeräte plötzlich in Verbindung mit einer Stasi-Verschwörung geraten.
 
  Die Alternativwelt-DDR sieht plausibel aus, fast schon putzig, und auch die ab und zu hineinschneienden Lehrstunden über die Geschichte (im Schulunterricht, beim Zappen durchs Fernsehprogramm) wirken erst einmal so, als würde es hier darum gehen, sich vorzustellen, wie es denn hätte gewesen sein können, wenn im Jahr 2000 in einer größeren und für die Welt wirtschaftlich und politisch extrem wichtigen DDR stattgefunden hätte. Ob da Reklame hängt, wie die Wessis sich aufführen, etc. Warum sollte es so gewesen sein?
  Hammerschmitts Erklärung erweckt den Anschein, plausibel zu sein: wirtschaftliche Probleme im Westen, eine Abschottungspolitik in Ostasien, interne Streitigkeiten in den USA, und die - handgewedelte – Entdeckung einer ominösen neuen Technologie (der »Müller-Lohmann-Prozess«), die die DDR bald führend auf dem Gebiet der Mikroelektronik macht: Flachbildschirme, Mobilfunktelefone (»Mobis«), und wirtschaftlicher Erfolg.
  Das Leben im pluralistischen Sozialismus sieht gar nicht mal so übel aus - und auch die kleinen Fiesheiten (Joschka Fischer als Außenminister der DDR und Kronprinz des Staatsratsvorsitzenden, auch die Tageszeitung gibt's weiterhin) tragen eigentlich nur dazu bei, dass Bild abzurunden.
  Daneben dann noch ein zweiter Handlungsstrang auf einer Seefestung, hat auch irgendwas mit Daten und Computerkriminalität zu tun.
 
  Soweit, so gut. Aber irgendwann wird dann deutlich, dass Hammerschmitt den Leser oder die Leserin über etwas ganz anderes belehren möchte: über die Unmöglichkeit, in Science Fiction nicht nur plausible, sondern tatsächlich funktionsfähige Alternativwelten durchzuspielen, über die Fähigkeit des Menschen, überall Muster und Gestalten zu erkennen, und Widersprüche hinzunehmen.
  Das Ende ist überraschend, und wer zu lange mitspielt, mag es auch schockierend empfinden. Denn das Ziel des Experiments stellt sich als ein ganz anderes heraus - über das mehr zu sagen das Lesen des Romans doch beeinträchtigen würde. Und damit ist schon fast zuviel verraten.

Von Alfred Ohswald am 19.11.2002

  Die DDR hat sich, dank eines revolutionären Verfahrens zur Energiegewinnung, die wirtschaftlich und politisch zunehmend marode BRD einverleibt.
  In einer Spielhalle wird ein Jugendlicher ermordet aufgefunden. Bei den Ermittlungen stößt Kramer, Oberleutnant der Volkspolizei, zunehmend auf Widerstände und Ungereimtheiten. Die STASI scheint ihre Finger im Spiel zu haben und ein hypermoderner Computer, den Kramer im Zimmer des Ermordeten sieht, ist bei der darauf folgenden Untersuchung spurlos verschwunden.
 
  Zuerst ist es ein Alternativweltroman in dem Hammerschmitt die Wiedervereinigung umdreht. Die dadurch eröffnete Möglichkeit, manche heutige Reibungspunkte zwischen ehemaligen Osten und Westen von der anderen Seite zu betrachten und, nicht ohne Witz, zu konterkarieren, nutzt er zwar aus aber er erliegt nicht der Verlockung, hier zu übertreiben. Die Haupthandlung ist der Krimi rund um die Ermittlungen Kramers.
  Ein gleichzeitig auf einer ehemaligen Flakplattform aus dem zweiten Weltkrieg, die jetzt ein gewaltiges Computerzentrum ist, spielender Handlungsstrang lässt aber erahnen, dass es nicht beim Finden des Mörders bleiben wird.
  Diese Flakplattform als freies Fürstentum (nicht ganz unumstritten) und Anbieter für anderswo verbotene Inhalte im Internet existiert übrigens tatsächlich. Das, einen gestrichenen Abschnitt des Romans und einen Artikel zu dem Spiel Polyplay auf einem Emulator kann man auf der Webseite des Autors (http://www.cityinfonetz.de/homepages/hammerschmitt/) finden.

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