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Robert Kerber
Das ganzheitliche System

Verlag Robert Kerber
112 Seiten
€ 12,- [D]


Von Christine Bauer am 16.10.2002

  Eine Warnung an alle, die darüber nachdenken, sich das Rauchen abzugewöhnen: die Einnahme von Hilfsmitteln gegen den Nikotinentzug beeinträchtigt nicht nur Kreislauffunktionen und Wahrnehmungsvermögen! Im schlimmsten Fall erwacht man in einer Welt, in der ein überambitionierter Berufskollege die Fäden zieht, in der Personen urplötzlich Gestalt und Namen wechseln, spurlos verschwinden oder wiedergeboren werden und Telefonzellen sich als perfid getarnte Fallen entpuppen.
  So ergeht es zum Beispiel Kendred, Professor der Psychologie und Hauptfigur in Robert Kerbers Erzählung "Das ganzheitliche System". Kendred lebt in Scheidung und unterhält eine Affäre mit einer Ärztin seiner Klinik. Der Skandal, den eine von Patienten initiierte Foto-Ausstellung ausgelöst hat, gefährdet seine Stellung als Direktor umso mehr. Dann wird er unverschuldet wegen des Konsums illegaler Medikamente suspendiert. Sein Stellvertreter Harlan gibt sich als Drahtzieher des Komplotts zu erkennen: die als Hilfsmittel für ausstiegswillige Raucher getarnte Substanz "Anamnesol" soll ein totalitäres, von ihm kontrolliertes Gedankensystem schaffen. Kendreds vertraute Umgebung gerät aus den Fugen; Vergangenheit, Gegenwart, Fantasie und Wirklichkeit vereinen sich zu einem Pandämonium, in dem die Logik Kopf steht. Polizeilich gesucht wegen des gewaltsamen Todes seiner Frau, flieht Kendred zum Erfinder von Anamnesol, dem Biochemiker Milchik, dem "Einzigen, der uns hier rausbringen kann" ...
 
  Wer sich an ein Science-Fiction-Szenario erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. "Das ganzheitliche System" ist ein erkenntnistheoritscher Diskurs, eine "Meditation" über die Flüchtigkeit von Erinnerungen im Mantel einer phantastischen Erzählung. Nacheinander wird jede von den Personen geäußerte, scheinbar logische Erklärung demontiert. Was bleibt, ist das Gefühl, dass es keine allgemeingültige Wahrheit gibt. Trotz unzähliger Falltüren und, soviel sei verraten, fehlendem Happy End will sich aber kein Pessimismus breit machen. Alle Charaktere setzen ihren Weg unerschütterlich fort: "Was es auch ist, wir müssen darin zurechtkommen."
  "Das ganzheitliche System" ist keine leichte, aber keineswegs eine kopflastige Lektüre. Die Geschichte entwickelt sich temporeich, spannend und nicht ohne Humor, letzterer von sehr schwarzer Art. Die an Theaterstücke und Hörspiele erinnernde Form, fast ausschließlich auf Dialoge und sparsam eingestreute Beschreibungen reduziert, fordert das Vorstellungsvermögen heraus. So fügt der Leser dem Geschehen, in dem die unterschiedlichsten Sichtweisen aufeinander prallen, eine weitere, seine eigene, hinzu. Freunde von intelligent konstruierten Thrillern werden auf ihre Kosten kommen. Ob es ein Buch ist, mit dem man sich entspannt, die Zigarette im Mundwinkel, auf dem Sofa zurücklehnt, sei dahingestellt ...
 
  Das Buch ist vielleicht nicht überall erhältlich. Interessenten können sich per eMail an den Autor wenden (design@robertkerber.de)

Von Gerhard Moser am 09.02.2003

  Das ganzheitliche System von Robert Kerber ist eine phantastische Filmerzählung, in der der Protagonist Kendred, der Leiter einer Klinik für Psychiatrie und Neurologie, sich in einer aufoktroyierten und widersprüchlichen, vor allem aber feindseligen Realität wieder findet.
  Das Buch spielt virtuos mit Wahrheiten und Wahrnehmungen. Die handelnden Personen sind in einem Netz "konkurrierender Wirklichkeiten", selbst erschaffenen genauso wie fremden, gefangen; mit ihnen der Leser, der ganz in der Tradition z. B. eines UBIK von Philip K. Dick ständig Hinweise und Anhaltspunkte erhält, die ihn zu bestimmten Schlussfolgerungen, zu einer Theorie über das Geschehen verleiten. Dabei gelingt es dem Autor vorzüglich jeweils gerade soviel Information preiszugeben, dass ein (scheinbar) schlüssiges, wenn auch lückenhaftes, Bild entsteht. Mit dem Schließen dieser Lücken aber, durch die Einführung neuer Elemente und die Erweiterung der Erzählperspektive, wird die vermeintliche Lösung widerlegt und durch eine neue ersetzt. Somit wird alles, jeder zeitliche Ablauf, jede Begegnung, Leben und Sterben der Figuren, in Frage gestellt. Dies geschieht nicht ziellos: Kerber verfasste eine atemlose Geschichte, die den Leser nie verwirrt, sondern stets gespannt auf die nächste Wendung warten lässt, ihn in eine bestimmte Richtung treibt; er legt Wirklichkeitsschicht um Wirklichkeitsschicht frei, bis es zur glaubwürdigen Auflösung kommt.
 
  Der Ansatz, jede Realität als interpretierte und verhandelbare zu begreifen, zeigt sich bereits in einer frühen Szene, in der der Protagonist einer Befragung unterworfen wird, die auf clevere Art und Weise seinen Charakter dem "Publikum" näher bringt, die sich aber bald als ein zu Lehrzwecken inszeniertes Rollenspiel zwischen zwei Ärzten entpuppt. Später kehrt die Szene wieder, dieses Mal allerdings als Gespräch zwischen dem Patienten Kendred und seinem behandelnden Arzt, der ihn von seinen angeblich wahnhaften Vorstellungen heilen will.
  Es stellt sich heraus, dass die von Kendred erlebte Wirklichkeit, ein scheinbar subjektives System aus Erinnerungen und Empfindungen, längst zu einem fremden, zumindest teilweise assimilierten geworden ist. Möglich wird dies durch eine Droge, die das Bewusstsein in dem Sinne erweitert, dass sie das Individuum, das sich ja erst durch seine gesellschaftlichen Beziehungen konstituiert, in eben diesen, in der im Titel beschworenen Ganzheitlichkeit, auflöst. Ursprünglich als Mittel zur Rettung unserer Zivilisation konzipiert, wird die Substanz zur Bewusstseinskontrolle und –manipulation missbraucht.
  Kendreds Erleben setzt sich zusammen aus Vergangenem und Augenblicklichem, aus Geträumten und Tatsächlichem, aus Eigenem und Fremden, Verfälschtem und Interpretiertem, Gefühltem und Erfundenem (er begegnet seiner verunglückten Frau, erinnert sich nicht an ihrer Namen, findet sich in einer Sitcom wieder, deren Figuren Schauspieler sind, deren Figuren seine Verwandten sind, wird in die Brust geschossen, kehrt unverletzt wieder, wird verbrannt, kehrt unverletzt wieder und so fort).
  Das ganzheitliche System ist somit nicht nur eine spannende, intelligente und mit trockenem Humor angereicherte Erzählung, sondern auch eine Reflektion über Erinnerung und Verlust; eine visuelle Umsetzung wäre wünschenswert.

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