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Gernot L. Geise
Die Gizeh-Pyramiden und der Mars

EFODON e.V.
2002
283 Seiten


Von Klaus Richter am 13.10.2002

  Gernot L. Geise beschäftigt sich in seinem Buch "Die Pyramiden von Gizeh und der Mars" mit Pseudoarchäologie und -astronomie, beabsichtigt, diese über die ernsthafte wissenschaftliche Forschung zu erheben. Somit wundert sich der Leser seines Buches auch nicht, wenn der Autor zwischen den drei Pyramiden und der roten Pyramide in Dahschur auf der einen und dem Planeten Mars auf der anderen Seite eine enge Beziehung herstellen möchte: Nicht die alten Ägyptern, nur Menschen vom Mars können diese Pyramiden erbaut haben, die dann von den alten Ägyptern mehr schlecht als recht kopiert worden sein sollen.
  Um diese Behauptung zu belegen, trägt der Autor, so der Text auf dem rückseitigen Umschlag des Buches, mühsam Puzzlesteinchen zusammen. Wer das Buch mit kritischem Verstand liest, merkt schnell, dass die Puzzlesteinchen nicht zusammenpassen, dass manche auf Fehlinformationen beruhen, andere wiederum das Ergebnis reiner Fiktion sind. Der Autor zeigt, dass er weder aktuelle Forschungsergebnisse in der Ägyptologie nicht zur Kenntnis genommen oder verstanden hat, noch scheinen ihm durch die astronomische Forschung allgemein bekannte Fakten bekannt zu sein. Diese Mängel sind derart auffällig und gravierend, dass nur der hartgesottenste Pseudowissenschaftler hier noch mit Gewinn zu arbeiten vermag.
  Auffallend ist, wie bei allen pseudowissenschaftlichen Büchern, die wissenschaftsfeindliche Einstellung des Autors, die hier ausgesprochen deutlich zu Tage tritt. Dies beispielsweise in der abfälligen Bezeichnung als "Schulwissenschaft", die alles geklärt habe und dabei das Mysterium der Pyramiden nicht begriffen habe. Man könne über ihre Erklärungen, so heißt es beispielsweise auf S: 10, bei "unvoreingenommener" Betrachtung nur den Kopf schütteln, oder auf S. 221, die Ägyptologie erfinde moderne Märchen. Doch es ist der Autor, der uns mit seinem Buch ein modernes Märchen auf Kosten des "Pechvogels Pyramide" (so ein Buchtitel) liefert.
  Schauen wir uns exemplarisch einige Behauptungen aus diesem modernen Märchen an. Auf S. 13 finden wir die Geschichte von der angeblich gefälschten Cheops-Kartusche in einer der Entlastungskammern über der Königskammer der Cheops-Pyramide, eine Story, die sich der amerikanische Journalist Zecharia Sitchin für sein Buch "Stufen zum Kosmos" ausgedacht hat und die sich, obwohl längst widerlegt, zu einem festen Glaubensgrundsatz der pseudoarchäologischen Gemeinde etabliert hat und von den Autoren, die Mysteriöses hinter den Pyramiden suchen, eifrig weitergetragen wird. Warum? Pseudoarchäologen weisen immer wieder darauf hin, dass es keine Inschriften in der Pyramide gebe, die auf Cheops als ihren Erbauer hinwiesen. Nur eine Kartusche mit dem Namen des Cheops hat man gefunden, doch diese soll, so Sitchin, eine Fälschung sein. Sitchins Behauptungen wurden Michael Haase in der Zeitschrift G.R.A.L. 1996 nachdrücklich widerlegt, doch das scheint nicht bis zum Verfasser dieses Buches vorgedrungen zu sein. Im übrigen gibt es, auch ohne diese Kartusche, genug Hinweise auf Cheops als Bauherren der Cheops-Pyramide. Diese Hinweise findet man im Umfeld der Pyramide, das von Pseudoarchäologen stets ignoriert wird. In der unmittelbaren Nachbarschaft der Pyramide finden wir die Gräber der Familienangehörigen von Cheops, seiner Beamten und Priester westlich und östlich der Cheops-Pyramide. Hier finden wir diverse authentische und zeitgenössische schriftliche Zeugnisse, die die Zuordnung der Verstorbenen zum Pharao belegen. Auch wenn es in der Cheops-Pyramide selbst keine Inschriften mit dem Namen des Cheops gibt, die Inschriften in den Gräbern geben genug Hinweise, wer die Pyramide bauen ließ und in ihr bestattet war. Neueste Hinweise auf Cheops ergeben sich übrigens auch aus der Arbeitersiedlung und den dazugehörigen Gräbern, ebenfalls ganz in der Nähe der Cheops-Pyramide. Hier ist der endgültige Beleg dafür, dass die alten Ägypter und keine Außerirdischen vom Mars an der Pyramide gearbeitet haben.
  Auf S. 71 fragt sich der Autor, warum die Ägyptologie den "Altägyptern" immer noch unterstelle, dass sie höchstens Kupferwerkzeuge gekannt hätten, obwohl es durchaus hochwertige Stahlgeräte aus jener Zeit gäbe. Auf S. 72 finden wir das Bild dazu: Einen Eisendolch aus dem Grab des Tut-Anch-Amun. Was auch hier dem Leser nicht mitgeteilt wird: Tut-Anch-Amun war ein Pharao der 19. Dynastie, er regierte in der Epoche, die als "Neues Reich" bekannt ist (um 1330 v. Chr.). Zu dieser Zeit war die Eisenbearbeitung bereits bekannt, zumindest bei den Hethitern in Kleinasien, mit denen die Ägypter mal friedlichen, mal kriegerischen Kontakt hatten. Die Cheops-Pyramide dagegen wurde im "Alten Reich" errichtet, etwa zwischen 2580 und 2560 v. Chr: Das sind mehr als tausend Jahre Unterschied, in denen die Metallverarbeitung von Kupfer über Bronze zu Eisen große Fortschritte gemacht hat.
  Ab S. 187 f. widmet sich Geise der Beziehung zwischen den Pyramiden von Giza und dem Planeten Mars. Auch hier offenbaren sich zahlreiche Mängel. Auffallend ist, dass Geise trotz der hochauflösenden Bilder der Sonde "Mars Global Surveyor" nach wie vor behauptet, jene gar nicht mehr seltsam anmutenden Strukturen in der Cydonia-Region des Mars - "Gesicht" und "Pyramiden" - seien nicht natürlichen Ursprungs. Und das, obgleich die neuen Bilder gerade belegen, dass es sich um natürlich entstandene, von der Marserosion geformte Berge und -so das "Gesicht" - einen zu einem Tafelberg erodierten Lava-Dom handelt.
  Auf S. 224 f. und S. 228 ff. mutieren ganz natürliche Erscheinungsformen auf Himmelskörpern des Sonnensystems - Eisbruchkanten auf Europa, zentrale Kraterberge auf Ganymed und Merkur und eine riesige Klippe auf Neptunmond Miranda zu Pyramiden. Das offenbart dann doch erhebliche Unkenntnis des Autors über einfache astronomische Gegebenheiten. Doch vielleicht möchte der Autor diese Gegebenheiten gar nicht sehen, da es sein Ziel ist, Pyramiden nicht nur für die Erde, sondern das ganze Sonnensystem nachzuweisen. Und diesen Bezug findet er in einer angeblichen Parallele zwischen der Lage der drei Pyramiden von Giza und den Marsvulkanen des Tharsis Plateaus.
  Hat sich Robert Bauval, der eine Beziehung zwischen den drei Pyramiden und den Gürtelsternen des Orion herstellen wollte, wenigstens noch die Mühe gemacht, den Bauzeitpunkt der Pyramiden mit den Konstellationen zum fraglichen Zeitpunkt abzugleichen, arbeitet Geise gezielt nach dem Muster "Es sieht aus wie, also ist es auch." Dabei offenbart die Darstellung des Autors auf S. 204 und S. 211 bereits erhebliche Unstimmigkeiten: Die vom Autor behauptete Passgenauigkeit zwischen Pyramiden und Vulkanen besteht nicht. Bauvals These, obwohl ebenfalls längst widerlegt (Krauss, Sterne und Weltraum 3/1999), erscheint in diesem Zusammenhang plausibler. Da es einen Konflikt zwischen den Behauptungen Bauvals und denen Geises gibt, versucht Geise, Bauval zu widerlegen. Seine Widerlegung ist jedoch, da sie der Untermauerung einer ebenso unfundierten Behauptung dient, ohne jeden Wert.

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