Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Paul Auster
Das Buch der Illusionen

Rowohlt
2002


Von Volker Frick am 03.10.2002

  In der “New-York-Trilogie” war zu lesen: “...ich will nur sagen, daß eine Zeit kam, in der es mich nicht mehr erschreckte, zu betrachten, was geschehen war. Wenn Worte folgten, so nur deshalb, weil ich keine andere Wahl hatte, als sie zu akzeptieren, sie auf mich zu nehmen und zu gehen, wohin sie wollten, daß ich ginge.” Das neueste Buch von Paul Auster, “Das Buch der Illusionen”, erinnert stark an “Die Erfindung der Einsamkeit”, dessen erster Teil den Titel “Portrait eines Unsichtbaren” trägt, wie der zweite Teil überschrieben ist “Das Buch der Erinnerung”. Es beginnt in den Romanen von Paul Auster, und das kennen wir schon (und auch nicht), mit dem Tod. Der Protagonist hat Frau und zwei Söhne bei einem Flugzeugabsturz verloren, suizidale Tendenzen. Licht eingefroren. Auf dem Sofa vor’m TV, schwarz-weiss, Stummfilm, was bleibt sind Komiker, doch da einer, der ein Lachen entlockt, ein eigenes in der Trauer, vor’m TV auf dem Sofa. Recherche: Schauspieler. Da die Filme existieren reist er, fliegt rezeptpflichtig narkotisiert, nach Europa (London, Paris). Sieht die Filme, schreibt eine Monographie über diesen Schauspieler, der, Regisseur seines Lebens, verschwand. Nach Jahrzehnten, daraufhin, ein Lebenszeichen einer Frau, einer Frau, die sagt, er lebt, bitte kommen sie. Und es existieren weitere Filme, die aber, so hat er verfügt, 24 Stunden nach seinem Tode vernichtet werden sollen. Filme, die für keinerlei Zuschauer gedreht wurden.
  Natürlich hat die Philosophie ihren Platz in diesem Roman, der ein Echo ist auf frühere Romane von Paul Auster, ein Echo, welches die Assoziation an den Roman “Bluthunde” von Don DeLillo ebenso erlaubt wie die recht naheliegende an den Film “Film” von Samuel Beckett, in der Hauptrolle Buster Keaton. Vielleicht ist auch noch die Erinnerung an Jonas Mekas erlaubt, der, auf der documenta11 u.a. mit seinem jüngsten Film ‘As I was Moving Ahead Occasionally I Saw Brief Glimpses of Beauty’ vertreten, 1970 in New York die ‘Anthology Film Archives’ gründete. Esse est percipi. Und was geschieht, wenn den Film niemand sieht? Das Buch niemand liest? Existieren sie dann? Verblassende Bilder, auflodernde Buchseiten. Autodafé. Alles verschwindet, nichts hat Bestand, und das, was war, war vielleicht gar nicht, und wenn doch, dann sicher ganz anders. Bilder der Erinnerung.
  Die Geburt der Schrift aus dem Tod. Tod und Wiedergeburt. Wenn die Romane Austers auch literarisch sind, allein durch den impliziten Rückgriff auf unterschiedliche literarische Traditionen, so berichten sie doch auch über das Leben. Die Aktivität des Schreibens ist im Œuvre Austers präsent um das Spiel des Austausches zwischen dem Leben und der Schrift zu unterstreichen. Die Bücher von Paul Auster sprechen zu uns nicht allein vom Schriftsteller, vom Schreiben, sie sprechen zu uns vom durch seine Bücher und seine Leser transformierten Schriftsteller. Wenn die Welt eine Bühne ist, ist das Leben ein Roman. In “Mr. Vertigo” zeigt sich diese typische Doppelstrategie des Romans. Gleichzeitig werden zwei Geschichten erzählt. Die Geschichte eines Lebens, erzählt von einem Mann in den Achtzigern. Und die Geschichte des Schreibens dieser Geschichten. Die Geschichten eines Mannes, der das Fliegen erlernt, währenddessen wir lernen, was es heißt zu schreiben, zu fliegen, zu lesen.
  Der Zufall will es so. Aber der Zufall ist keiner. Paul Auster hat versucht einen Roman zu schreiben, wie es Paul Auster vor Jahren nicht in den Sinn gekommen wäre. Die exciplit lyrics mögen als eine Art short-cut-Volte den Überfliegern der französischen Literatur gelten. Andererseits ist es erstaunlich, dem erzählerischen flow dieses Erzählers zu erliegen, allein, was erzählt er uns? Die Geschichte eines Literaturprofessors namens David Zimmer, der uns eine Geschichte erzählt, von Tisch, Stuhl und Bett. Von dem Raum der Schrift, von Briefen, die geschrieben, unbeantwortet bleiben, von Gesprächen, Gesten und Gegenschnitten.
  Der Film als Thema. Es sei erinnert an “Blue in the Face”, oder besser an “Smoke”, Filme denen Paul Auster Aufmerksamkeit verlieh durch Story und, wie es merkwürdig benannt wird: Drehbuch. Alles geht in Rauch auf. Autodafé. Aber in diesem Roman verbrennen nicht nur Filme, hier brennt ein Manuskript. Blätter die im und um das Feuer wirbeln, eine fast 600 Seiten starke Monographie über den eigentlichen Haupt- und Stummfilmdarsteller Hector Mann, dessen unerkanntes Leben uns nun durch die Erzählung David Zimmers erreicht, denn alle Zeugnisse sind vernichtet, so gilt es Zeugnis abzulegen, mit einem Buch, das wir lesen, bis uns klar wird (ganz schön am Ende), der Erzähler hat verfügt, das wir es erst nach seinem Tod lesen können. “Das Buch der Illusionen” ist a typical Paul Auster, auch da der Titel die Schrift als eine der wichtigsten Kulturtechniken apostrophiert. Was bleibt, wenn nichts mehr da ist? Ein weiterer Stein in der Mauer und gefällige Geräusche von Gänsefüßchen.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.