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Juan Filloy
Op Oloop

Tropen Verlag
2002


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Von Volker Frick am 03.10.2002

  Dem Nichts entgegen schrieb Borges 1935 die Besprechung eines Buches, welches angeblich 1932 in Bombay erschienen war. Literatur, und in dieser Falle Weltliteratur, in diesem Fall tatsächlich einen kaum bekannten Klassiker der Moderne schenkt der Tropen Verlag dem deutschsprachigen Leser. Weltliteratur, denn unser penibler Op Oloop aus Finnland gerät aus dem Takt seines Terminplanes. Stolpert samt Tremor in einen psychotischen Sturm. ’En ymmärra teitä‘ ruft die versammelte personage in diesem Roman eines Tages Op zu. Tumult des Hirnes, der Liebe, finn.: ich verstehe Sie nicht. Weder wußte ich nur um die Existenz dieses Autors, noch, folgerichtig, um seine 40 Bücher. Er verstarb im Jahre 2000 im Alter von 105 Jahren. Im Anhang dieses Romanes über einen Tag im Leben des finnischen Statistikers Op Oloop in Buenos Aires findet sich ein gar kurzes knapp einführendes Nachwort “Juan Filloy - Schriftsteller dreier Jahrhunderte” und ein Glossar, welches in den allermeisten Erläuterungen einer gewissen Notwendigkeit folgt, wenn aber cocktail fr., Cocktail zu lesen gegeben wird, bar jeder Logik, schlicht nur selbstreferentiell, dann ist’s wohl nonchalance fr., Lässigkeit.
  Dublin liegt nahe, aber wir befinden uns in Buenos Aires, wo dieser Roman 1934 in einer Privatedition erschien. So ist es nicht verwerflich ihn einen geheimen Klassiker zu nennen, der nun hoffentlich posthum (doch, mindestens) eine gewisse Aufmerksamkeit erheischt. Die annotierte Assoziation hin zu den einzelnen Protoparanoikern eines Emmanuel Bove (1898 – 1945), dessen lakonischer Sprachmodus nur die Penetranz der zum Scheitern verurteilten Rationalisierung der Psyche immer wiederkäut, sei erlaubt, zumal Filloy den Kampf zwischen logos und psyche eindeutig zugunsten des Sturmes einer zutiefst emotional motivierten Sprache, die sich nicht scheut den Wahnsinn der Liebe in Verwirrung und Sprachlosigkeit zu schmücken, und dies mit Worten, die erzückend kraftvoll und unbeirrbar der Liebe und der Sprache treu bleiben, entscheidet. Ein furibundes Spektakel möchte man meinen, fulminant übertragen von Silke Kleemann. Gleichsam anekdotisch wie die eingangs erwähnte Rezension von Borges erscheint jene Notiz von Freud, die sich im Nachwort findet: “Ich habe ihr Buch mit großem Vergnügen gelesen und möchte Ihnen meine Anerkennung für die behandelte Thematik aussprechen.”

Von Alemanno Partenopeo am 20.01.2007

  „Die Pyramiden haben mich gesehen“, notierte der „Schriftsteller der drei Jahrhunderte“ auf einer Reise nach Ägypten 1931 in sein Notizbuch. Juan Filloy war im 19. Jahrhundert geboren und starb kürzlich, im 21. Jahrhundert, was zum Anlass werden sollte ihn ausreichend zu würdigen. Emblematisch für seinen Sinn für Humor steht eines seiner Hauptwerke, Op Oloop, das hier – dank dem Tropenverlag - erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Wahrlich ein Meisterstück der Literatur an dem auch die deutschen Leser nicht vorbeigehen sollten. Bereits als Op Oloop 1934 erstmals in Argentinien erschien war klar, dass die Zensur der dortigen Behörden es nicht zulassen würde. So unterließ Juan Filloy die geplante Veröffentlichung und ließ es in Privatausgaben drucken. Eines dieser Exemplare ließ er übrigens auch Sigmund Freud zukommen, der ihm folgendes erwiderte: „Ich habe Ihr Buch mit großem Vergnügen gelesen und möchte Ihnen meine Anerkennung für die behandelte Thematik aussprechen.“ Noch viel mehr Bewunderung sticht aus den Worten Bernardo Verbitsky hervor: „Eine Sache ist es, die Freiheit zu benutzen, die Henry Miller oder Céline zeigten, und ein ganz andere, es wie Filloy bereits vor ihnen getan zu haben.“
 
  Und tatsächlich ist es unglaublich, was dieser 1934 veröffentlichte Roman alles in sich vereinigt: Liebe, Freundschaft, Philosophie, Politik, Sex und eine große Portion Humor und Selbstironie, vor allem aber eine unvergleichliche Gewähltheit der Sprache, die weiß, sich auf immer raffiniertere Weise auszudrücken.
  Der Protagonist, Op Oloop, führt den Leser durch einen Tag in seinem Leben. Aber dieser Tag ist ein ganz besondere, es gibt nämlich einiges zu feiern. Erst begibt sich Op Oloop auf eine kleine Verlobungsfeier zum finnischen Konsul in Buenos Aires: es ist die Tochter des Konsuls, Franziska Hoerée, die Op Oloop freit. Ein kleines Malheur auf der Avenida Callao, ein Verkehrsunfall mit seinem in der Eile genommenen Taxi, verzögert jedoch Oloops Ankunft und so verstrickt sich der Zukünftige in ein Lügengebäude aus unnötigen Ausreden und verwirrt die anwesenden Gäste zunehmend. Was diese nicht wissen: Op Oloop hat schon zuvor ein paar Runden um die Plaza del Congreso gedreht, offensichtlich um nachzudenken. Ein absolut absonderliches Verhalten: ist er von berufswegen doch Statistiker, der sowohl seine Zeit, als auch alles andere in seinem Leben genauestens bemisst und ausgerechnet zu spät zu seiner eigenen Verlobungsfeier kommt.
  „Der Instinkt scheint im Kreisringe eingeschlossen zu sein. Das Rundendrehen ist unumgänglich. Er kreist in sich selbst, wenn er eine offene Stelle findet, schlüpft er hinaus, um seine Rolle zu erfüllen.“
 
  Op Oloop sieht seine Welt aus dem Lot geraten und erregt sich beim Empfang anomal. Die anwesenden Herrschaften sehen ihn mit Befremden an und erklären ihn bald für verrückt. Einzig Franziska, seine zukünftige Verlobte, hält zu ihm und will mit ihm flüchten, doch ein grausamer und brutaler Stockhieb des Hausherrn schlägt das Liebespaar entzwei und damit auch ihre beiden Schicksale. Op Oloop fällt ihn Ohnmacht auf den Teppich und Franziska wird ihm entrissen, wenig später erwacht er und flüchtet. Der einzig anwesende Freund macht sich auf die Suche nach ihm, die die ganze Nacht dauern wird. Ebenso der Kommissar, der beim Verkehrsunfall dabei war, will Op Oloop finden. Er wurde von einem im Konsulat anwesenden Arzt angerufen, dass dort ein Mord geschehen sei. Und wo steckt Op Oloop derweilen?
 
  In aller Seelenruhe – wenn auch mit brummendem Schädel – gibt er im Plaza Hotel mit seinen engsten Freunden eine Junggesellenabschlussfeier. Der wahre Grund für diese Feier ist jedoch ein anderer, der so viel Geschmacklosigkeit (und Humor!) enthält, dass er hier ausgespart sei. Eine Feier, die die ganze Nacht dauern wird und gespickt ist mit süffisanten Dialogen und ketzerischen Reden auf die Natur des Mannes, die Politik, das Leben. Die anwesenden Gäste drängen Op Oloop darauf, endlich den wahren Anlass dieses Festessens bekanntzugeben, doch auch hier verstrickt er sich in Widersprüche oder lange Ausführungen über seine Jugend und die Liebe an und fuer sich. Was Sie bei diesen Tischgesprächen vernehmen werden, gehört zu einer der kultiviertesten Unterhaltungen, die man mit einem Chef der Leitung des Amtes für Wasserversorgung, einem Medizinstudenten, einem Toningenieur, einem U-Boot-Kapitän und einem Zuhälter führen kann.
 
  Mit seiner Vergangenheit als Rotgardist konfrontiert, versinkt Op Oloop zum Beispiel nachdenklich in den „Brunnen der Jugend“: „Mir gefällt es, von der Umrandung meines mechanischen Lebens aus in den Brunnen der Jugend hinabzublicken. Im Wasser wie Fische auf blitzende Ideen zu sehen, die ich selbst ausgesetzt habe… Im Wasser die Himmelsscheiben zu sehen, die ich früher als romantischer Diskuswerfer ins Blau des Ideals geschleudert habe.“
  Um wenige Zeilen später mit derselben Spitzfindigkeit zu verlautbaren: „Jawohl. Wissen Sie etwa nicht, dass die Rebellion der Gesetztheit, in der heroischen Bedeutung des Wortes, die würdigste und effizienteste ist? Sie sind ein ungestümer Mensch, Penaranda. Und als solcher wissen Sie nicht, dass das Ungestüm eine verbale Staubwolke ist, die sich im ersten Kugelhagel auflöst. Ich hätte Sie gerne an meiner Seite gesehen, in den Quartieren der Roten Garde im Januar 1919.“
 
  Die Wortwohl des Titelheroen, sein Leiden an der eigenen Existenz und die damit verbundenen unausweichlichen Entscheidungen ist so authentisch und nah am Leben, dass man sich bald als unsichtbaren Teilnehmer dieses Dinners sieht. „Der Wert dieses Dinners liegt in seiner substanzreichen Konversation und seiner pluralistischen Freundschaft“, lässt er einen seiner Protagonisten sagen und man möchte am liebsten einstimmen in diesen Kanon aus Gefühlen, Intelligenz und Pathos, ebenso seinen Esprit verspritzen und sich darstellen dürfen, wie Op Oloop es tut, oder sich darin suhlen, wie es Jean Rostand noch besser ausgedrückt hat: „die wahrhafte moralische Courage darin besteht, das Bild vor den anderen zu verfälschen, um es vor einem selbst zu retten“. Es wird sich aber noch zeigen, dass dies keine hohlen Phrasen sind und die Freunde sich später noch als solche erweisen werden, auch wenn von ihnen anfangs gesagt wurde: „Zur Stunde des Essens sind die Freunde Bandwürmer, und zur Stunde der Hilfe Schnecken“.
 
  „Wir dürstenden Wesen, die wir unseren Durst nie stillen, werden auf alle Zeiten unsere Nostalgie pflegen, um die Monotonie der Dämmerung zu verschönern.“ Und diese Dämmerung die kommt. Bestimmt. Denn Op Oloop nimmt ein trauriges Ende, trotz - oder gerade wegen - all seiner Kultiviertheit.
 
  Ein wortgewaltiger Poet aus dem Süden Amerikas will hier übersetzt und gehört werden und es ist nie zu spät. Danken wir dem Tropen-Verlag, dass er sich dieser Aufgabe verschrieben hat und einen der größten Autoren Südamerikas dem Vergessen entreißt. Juan Filloy starb 105-jaehrig (!) im Jahre 2000 in Cordoba, Argentinien. Er war das Kind eines galizischen Einwanderers und einer Französin. Sie führten einen Gemischtwarenladen und seine drei Geschwister verbrachten dort ihre meiste Zeit, während Juan sich in den Bibliotheken „rumtrieb“, um schließlich Rechtsanwalt und sogar Richter zu werden. Seine Bücher veröffentlichte er lieber in Privatverlagen, da er fürchtete sie könnten sein Amt unnötig belasten. Die Inhalte seiner anderen Bücher – geschätzte 40 an der Zahl – thematisieren ähnlich wie „Op Oloop“ die Randbezirke unserer Gesellschaft: Clochards (in „Caterva“), Hochstapler (in: „Estafen!“) oder eine Reise durch Europa und den Nahen Osten 1931 (in „Periplo“) zeigen ihn mit spitzer Feder und scharfkantigem Profil. Weiters schrieb er Gedichtbände und eine Literaturtheorie. Literarischen Ruhm erntete er erst in den Sechziger Jahren, als seine Bücher in größeren Verlagen veröffentlicht wurden. Ruhm verschaffte er sich auch durch 14.000 Palindrome („Karcino“) und mehrere 1000 Sonetten, wie die Übersetzerin im Nachwort schreibt. Italien verleihte ihm kurzerhand das Verdienstkreuz und Jack Lang machte ihn zum „Chevalier des Arts et des Lettres“. Keiner, wenn nicht er, hat diese Ehre wohl so verdient. Gerade weil das Heimatland seines Vaters, Spanien, ihn völlig ignoriert. Entgegen anderslautenden Gerüchten, sei hier betont, dass der Autor übrigens 50 Jahre glücklich mit seiner großen Liebe, Paulina Warshawsky, verheiratet war, auch wenn er vor der Heirat, dem Besuch von Freudenhäusern nicht unbedingt abgeneigt war.
 
  „Die Liebe ist eine ganz spezielle Psychose, die die Seele zweier Wesen gleichzeitig durchtränkt und in ihren Geist eindringt. Wenn sie nur einen befällt, ist es keine Liebe, sondern Wunschvorstellung, Leid. So lässt sich durch geistige Übereinstimmung und phänomenologische Identifikation begründen, wie die Geliebte die Erklärungen der Gefühle des Geliebten erklärt und fühlt, und wie sie, immun gegen die sie umgebende anmaßende Normalität, die Vision und Obsession des visionären und obsessiven Verlobten versteht.“

 

 

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