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Nikolaj Gogol
Die toten Seelen
(Mërtvye duši, 1855)

dtv
1998
Übersetzt von Fred Ottow
522 Seiten
€ 11,- [D]


Von Alfred Ohswald am 02.10.2002

  Der Kollegienrat Tschitschikov bereist die russische Provinz, freundet sich mit möglicht allen Honoratioren an und kauf Gutsbesitzern bereits verstorbene Leibeigene, die „toten Seelen“, ab. Diese Leibeigenen werden noch jahrelang offiziell auf Listen angeführt, die Grundlage der Besteuerung der Gutsbesitzer sind. Somit sind für sie diese Leibeigenen eine finanzielle Belastung und darum überlassen sie sie Tschitschikov oft umsonst. Andere werden misstrauisch und versuchen den Preis möglichst in die Höhe zu treiben. Tschitschikov bekommt es bei seinen eigenartigen Geschäften mit den skurrilsten Typen zu tun. Alle sehen einen wohlhabenden Mann in ihm und umschwärmen in dementsprechend. Einige unglückliche Umstände und zuviel hochfliegende Träumereinen von Tschitschikov selbst, lassen diese Situation völlig kippen und er sieht sich plötzlich allen möglichen Verdächtigungen ausgesetzt.
 
  Gogol beschreibt die Abenteuer des kleinen Gauners Tschitschikov aus einem satirischen Blickwinkel. Natürlich ist dahinter eine kräftige Portion Systemkritik versteckt, aber die schwergewichtige Belehrung eines Tolstoi oder Dostojewskij sind nicht sein Stil. Selbst den abgebrühtesten Halunken beschreibt er mit einer gewissen, distanzierten Ironie.
  Manchmal tritt Gogol als Erzähler so weit vom Geschehen zurück, dass er direkt mit dem Leser plaudert. Der ganze Roman ist generell in diesem lockeren Plauderton erzählt. Und Gogol liebt alle seine Figuren, ob sie wichtige Rollen sind oder nur Nebencharaktere, ihre Fehler sind eher Schrullen, selbst wenn sie regelrecht bösartig sind. Sie sind alle auch meist etwas ins Groteske überzeichnet, wie es für eine Satire nicht unüblich ist.
  Der Leser wird auch bis zum Ende des ersten Teils über Tschitschikovs Absichten im Unklaren gelassen. Lange ist nicht klar, was er den nun mit seinem eigenartigen Geschäften beabsichtigt. Der Verdacht, dass seine Absichten nicht ganz ehrlich sind, kommt bald auf, wird aber immer wieder durch seine scheinbare Harmlosigkeit abgeschwächt. Auch wird ihm das Leben von seinen Geschäftspartnern, den Gutsbesitzern, nicht unbedingt einfach gemacht und man kann zeitweise direkt Mitleid mit ihm bekommen.
  Der zweite Teil, in dem Tschitschikov geläutert wird, ist deutlich weniger gut gelungen. Viele Figuren wirken wie aus dem Setzkasten und sind voller Klischees.
  Stilistisch wechselt Gogol gekonnt und scheinbar mühelos zwischen Plauderton und „hoher Literatur“. Dieser geschickte Umgang mit der Sprache ist der Grund, dass der Roman trotz langsam vorangehender Handlung kaum langweilig wird.

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