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Horst Bergmann/Frank Rothe
Der Pyramiden-Code
Altägyptisches Geheimwissen von Kosmos und Unsterblichkeit

Hugendubel
2001
280 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Klaus Richter am 20.09.2002

  Das Geheimnis der ägyptischen Pyramiden ist ein Thema, das viele Buchautoren veranlaßt, sich Gedanken über Herkunft, Erbauung und Bedeutung der Pyramiden von Ägypten zu machen, wobei hier regelmäßg die drei Pyramiden auf dem Gizeh Plateau bei Kairo im Vordergrund stehen.
  Auch Frank Rothe und Horst Bergmann haben sich des Geheimnisses der Pyramiden angenommen und verkünden in ihrem Buch, sie hätten sich durch die Annährung an dieses Geheimnis von der mathematischen Seite her phänomenale Erkenntnisse erlangt. Die Pyramiden seien nämlich nicht als Grabmäler größenwahnsinniger Pharaonen erbaut worden, sondern es handele sich um steinerne Lehrbücher, in denen eine geheimnisvolle, bislang unbekannte Hochkultur der Menschheit ihr gesamtes Wissen überliefert habe. Es handele sich um zwingende Schlußfolgerungen, zu denen die Autoren anhand der Dechiffrierung eines universellen Codes gekommen seien, der den Schlüssel zu diesem Wissen liefere und auf den Gesetzen der Mathematik beruhe.
  So glauben die Autoren, einen sensationellen Nachweis geführt zu haben: Gizeh sowie eine Anzahl weiterer Pyramiden im Umkreis des Nils bilden offenbar eine galaktische Sternenkarte ab. Zudem ließen sich mit Hilfe des Pyramiden Codes genetische Regenerationstechniken entschlüsseln, denen die Baumeister der Pyramiden, wenn nicht physische, so jedenfalls ein biblisch hohes Lebensalter verdankten. Es handele sich, so der Vorstellungstext auf der Rückumschlag des Buches, um ein Aufsehen erregendes Werk, das nicht nur die Archäologie revolutionieren werde.
 
  Liest man in "Der Pyramiden Code", so stellt sich bereits anhand des Inhaltsverzeichnisses und der Anmerkungen heraus, dass es nicht um "sensationelle Entdeckungen" in Gizeh geht, die irgend etwas an dem ändern würden, was die wissenschaftliche Erforschung der ägyptischen Pyramiden in den letzten Jahrzehnten zu Tage gefördert hatte: Dass es sich um monumentale Grabbauten für die Pharaonen des Alten Reiches – in Gizeh waren es die Pharaonen Cheops, Chephren und Mykerinos (4. Dynastie) - handelte, die zugleich ein Ort waren, an dem die Menschen zu den verstorbenen Pharaonen beteten und ihnen Opfergaben brachten. Mit ihrem Tod nämlich gelangten die Pharaonen in den Götterhimmel und wurden wie Götter verehrt. Ein Beleg dafür sind unter anderem die Totentempel im Umfeld der Pyramiden, aber auch die Adeligen und Beamtengräber in ihrer Nachbarschaft.
 
  Das Buch von Bergmann/Rothe ist eines der typischen pseudowissenschaftlichen Werke, in denen ihre Autoren Theorien, die eher einer ideologischen Zielsetzung als seriöser Forschung entsprechen, auf dem Rücken des "Pechvogels Pyramide" präsentieren. "Der Pyramiden-Code" ist demnach ohne weiteres in eine Reihe zu stellen mit ähnlichen pseudowissenschaftlichen Büchern von Ercivan, Rétyi, Jelitto, Lorenz, Dimde, Beauval, Hancock oder von Däniken.
  Den Autoren derartiger Bücher geht es nicht um den Entwurf eines diskutablen alternativen Erklärungsmodells, sie wollen vielmehr ein bestimmtes, ihrer Vorstellung entsprechendes Weltbild vermitteln und vermitteln auf diesem Wege Fehlinformationen und manipulierte Fakten. Der Blick in die Anmerkungen zeigt, dass die Autoren weniger auf die Forschungsergebnisse der seriösen Ägyptologie vertrauen als vielmehr auf die Fehldeutungen, die andere pseudowissenschaftliche Autoren vor ihnen vorgenommen haben.
  Ein Blick in den Inhalt bestätigt den Eindruck: Die Autoren leiten ihre "sensationellen Erkenntnisse" aus den Vorarbeiten pseudowissenschaftlicher Autoren her, denen sie einen gleichberechtigten Stellenwert neben der seriösen Literatur einräumen.
  Natürlich kommt auch die wissenschaftliche Seite zum Zuge, doch hier wird die Intention der Autoren klar: Es muss so präsentiert werden, dass der Leser den Eindruck bekommt, die wissenschaftliche Erforschung der Pyramiden durch die Ägyptologen bewegt sich in verkrusteten Bahnen und es bedarf Laien mit wachem Verstand, wie die beiden Autoren, um hinter die wirklichen Rätsel des Pyramidenbaus zu gelangen.
  Auffallend ist beispielsweise, dass die Autoren für die Darstellung, wie die ägyptische Geschichte begann, auf die sicher lesenswerte, aber inzwischen überholte Darstellung bei T.G.H. James zurückgreifen anstatt sich mit dem aktuellen Forschungsstand vertraut zu machen, wie er beispielsweise bei Michael Haase, "Das Feld der Tränen", wiedergegeben wird.
  Auffallend ist die starke Konzentration der Autoren auf antike und mittelalterliche Quellen, die sich mit den ägyptischen Pyramiden beschäftigen. Es ist kein Schaden, auf Herodot, Diodor oder Al-Makrizi hinzuweisen - das tun Autoren, die sich der seriösen Ägyptologie verpflichtet haben, auch. Doch anders als diese Autoren nehmen Bergmann/Rothe, wie die meisten anderen Pseudowissenschaftler, die sich dem Pyramidenbau widmen, diese Quellen als Grundlage für ihre Theorien, sie halten die darin getroffenen Aussagen für historische Wahrheit, die nicht nur berechtigterweise eine Alternative zu den Forschungsergebnissen der Ägyptologen darstellen, sondern sogar die eigentliche, von den Ägyptologen bewußt oder unbewußt nicht zur Kenntnis genommene historische Wahrheit enthalten.
  Dabei sind Bergmann und Rothe ihrem Ziel, den Pyramiden-Code als Beleg für eine untergegangen Hochkultur zu belegen, so verbunden, dass sie nicht erkennen, dass die Aussagen, die Herodot oder Al-Makrizi treffen, von Menschen stammen, die den Pyramiden ahnungslos gegenüber standen und entweder nur auf entstellte ältere Berichte zurückgreifen konnten oder sich selbst ihre Vermutungen über die Pyramiden erdichteten. Den Widerspruch, der sich aus der Gegenüberstellung von Ägyptologie und den alten Quellen gibt, löst man, in dem man der Ägyptologie vorwirft, den Aussagegehalt dieser Arbeiten nicht ausreichend zur Kenntnis zu nehmen.
  Aus diesen Texten, kombiniert mit den Aussagen pseudowissenschaftlicher Autoren, leiten die Verfasser die Annahme her, es habe einst im Sonnensystem eine kosmische Katastrophe gegeben, es bestünden Beziehungen zum Planeten Mars und andere Behauptungen. Auch aus dem Bau der Pyramiden werden Beziehungen zur angeblichen versunkenen Hochkultur hergestellt. Man schafft Rätsel, die eigentlich keine sind, um sie dann im Sinne der Autoren zu lösen.
  Beispiel Kernbohrungen: Glaubt man den Ausführungen der Autoren, so waren die Ägypter nicht in der Lage, mit ihren primitiven Bohrern aus Holz und Kupfer Kernbohrungen durchzuführen, dahinter verbirgt sich eine Hochtechnologie, die sich bei Ercivan "Das Sternentor der Pyramiden" erwähnt findet: Der sogenannte "Schamir" oder Schneidwurm aus jüdischen Buch Zohar. Als Beleg dafür dient zudem die - nicht als solche zitierte - Aussage des Kernbohrfachmannes H. D. Gassmann von der Hilti AG, wie er sie in Sasse/Haase, Im Schatten der Pyramiden getroffen hat. Was die Autoren nicht erkennen: Den Ägyptern gelangen ihre Kernbohrungen sehr wohl mit Bohrern aus Holz und Kupfer, entweder mit einem steinernen oder kupfernen Bohrkopf, wobei Quarzsand als Schleifmittel hinzugefügt wurden. Experimentelle Archäologie von Denys Stocks aus Manchester/UK hat die Machbarkeit dieser Kernbohrungen belegt. Also: Kein Raum für eine Hochtechnologie.
  Wie die meisten pseudowissenschaftlichen Autoren lesen auch Bergmann/Rothe alte Mythen "neu", sie interpretieren sie also nicht in ihrem zeitlich-kulturellen Zusammenhang, sondern versuchen, ihnen Wahrheiten zu entnehmen, die in der Phantasie der Autoren, nicht aber in der Realität existieren. Dies geschieht sowohl anhand des Osiris-Mythos als auch anhand des Mythos vom einäugigen Horus. Insbesondere aus letzterem lassen sich nach Aussage der Autoren Hinweise auf eine kosmische Katastrophe entnehmen, bei der sich dankenswerterweise Details in den Büchern Zecharia Sitchins finden lassen. Dieser pseudowissenschaftliche Autor hatte angeblich in sumerischen Quellen Hinweise auf eine solche Katastrophe gefunden. Auch wenn diese Behauptungen längst widerlegt worden sind, so haben sie in pseudowissenschaftlichen Kreisen ein Eigenleben entwickelt und finden immer wieder Eingang in jüngere pseudowissenschaftliche Bücher. So auch in "Der Pyramiden-Code."
 
  In dem vierten Teil ihres Buches befassen sich Bergmann/Rothe unter anderem mit dem "uralten Wissen um die Unsterblichkeit", das sich bei den Ägyptern finden lasse. Mark Lehner wird hier erwähnt, der die ägyptischen Jenseitsvorstellungen (zutreffend) für Mythologie hält, doch würde so eine Deutung nicht in das Bild passen, das die Autoren von angeblich überliefertem uralten Wissen zeichnen wollen. Bei ihnen nimmt der Unterweltsmythos der Ägypter reale Züge an, sie beginnen, nach dem Ort des altägyptischen Jenseits zu suchen und finden es beim Planeten Mars, wofür sie auch Unterstützung in "Das Vermächtnis der Ägypter" von Lorenz finden. Dorthin gelange der Pharao auf seiner Reise ins Jenseits, jedenfalls nach Interpretation des Amduat durch die Autoren.
  Problematisch dabei ist nur: Die Pyramiden wurden im alten Reich erbaut. Das Amduat entstammt dem neuen Reich, es ist 1000 Jahre jünger als die Pyramiden und gibt ganz andere Jenseitsvorstellungen wieder, als sie im alten Reich vorherrschten. Das eigentliche Ziel des Pharao liegt in der Interpretation der Autoren heute im Asteroidengürtel, wo sich, wie Sitchin herausgefunden haben will, einst ein Planet befand, der in einer kosmischen Katastrophe zerstört wurde. Für die Autoren ist dies eine plausible Annahme, denn ihrer Aussage nach habe die Astronomie bislang einige Rätsel in der Entstehung des Sonnensystems nicht lösen können, wie die Entstehung des Mondes oder des Asteroidengürtels. Hier passt Sitchins konstruierte Geschichte der kosmischen Katastrophe gut als Erklärungsmodell. Dass es für die Existenz von Mond oder Asteroidengürtel plausible wissenschaftliche Erklärungen gibt, wird allenfalls am Rande erwähnt, dass Sitchins Katastrophenszenario reine Erfindung und längst widerlegt ist, überhaupt nicht.
  All dies dient den Autoren als Beleg für einen Pyramiden-Code, den sie dann noch ausführlich näher begründen. Da jedoch die Grundannahmen fehlerhaft sind, hat auch letztlich der Pyramiden-Code keinen Bestand. Er ist ein reines Phantasieprodukt und mit den realen Verhältnissen in Bau und Geschichte der Pyramiden von Gizeh nicht vereinbar. Es handelt sich um ein pseudowissenschaftliches Werk, das seine Erkenntnisse aus fehlerhafter Interpretation alter Quellen bezieht und den Fehldarstellungen in anderen pseudowissenschaftlichen Büchern.

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