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Jan Assmann
Ägypten
Eine Sinngeschichte
(1996)

Hanser
2001
549 Seiten
€ 34,90 [D]


Von Alfred Ohswald am 04.09.2002

  Dieses Buch des Äyptologen Assmann beschäftigt sich weniger mit den historischen Ereignissen oder den berühmten Baudenkmälern der alten Ägypter, sondern versucht die hinter dieser Kultur stehenden geistigen Strukturen zu erfassen.
  Aus welchem Hintergrund entstanden manche Gründungslegenden, welche Ideologie wurde zur Festigung der Herrschaft des Pharao benutzt oder wie entstanden die Verwaltungsstrukuren und der Totenkult.
  Systematisch und sehr ausführlich arbeitet er sich durch die gesamte Geschichte des alten Ägypten, von der Zeit vor der Vereinigung des oberen und unteren Ägypten bis zur Herrschaft der Perser und Makedonier. Nicht die penible Erfassung der historischen Ereignisse steht im Vordergrund, sonder das Aufzeigen der Besonderheiten bestimmter Epochen und Wendepunkte der ägyptischen Geschichte.
 
  Hier wird verständlich, warum z.B. die gewaltige und heute so gern zu den verrücktesten Spekulationen verleitende Anstrengung des Pyramidenbaus geschah. Aber viel mehr kommen andere Aspekte zur Sprache. Was hat die Kultur die Gesellschaft des alten Ägypten so stark zusammengehalten, dass sie über Jahrtausende in ihrer unverwechselbaren Form bestehen konnte? Sehr oft dienen schriftliche Quellen, die auch immer wieder zitiert werden, als Ausgangspunkt für die Thesen des Autors.
  Einer der wichtigsten Punkte ist, dass die Kultur des Alten Reiches bis zum Ende der Pharaonenzeit als sinnstiftende Tradition fortgesetzt wurde. Erst so kann auf viele Dinge im Alten Reich geschlossen werden, weil sonst die Funde zu dürftig sind. Natürlich mit Ausnahme der gewaltigen Monumente. Weil der Pharao auch „Herr der Begräbnisse“ ist, hat er praktisch auch die Macht über ein Leben nach dem Tod. Ein Ägypter kann im Ausland leben aber wenn er dort stirbt, ist ihm das Jenseits verwehrt. Das gilt im Prinzip gilt für die ganze Zeit der Pharaonen.
  Im Alten Reich war praktisch kein Bezug zwischen dem von seinen Untertanen abgehobenen Pharao und seinem Hofstaat festzustellen. Nachdem es in der ersten Zwischenzeit in einzelne Fürstentümer zerfallen war, änderte sich dieses Verhältnis. Die Herrschenden legten in ihren Grabinschriften wert darauf, dass sie ihre Untertanen gut versorgt hatte. Überhaupt spielte in dieser Zeit das Individuum eine deutlich wichtigere Rolle.
  Im Mittleren Reich beziehen die Herrscher wieder ihre Legitimation aus der Rettung vor dem Chaos der ersten Zwischenzeit und der Abwendung eines Rückfalls in diesen Zustand. Diese Funktion als Retter vor chaotischen Zuständen oder Fremdherrschaft bleibt bis in die römische Zeit Teil der Ideologie der Herrscher. Dieses Mittlere Reich war stilbildend in Kunst und Kultur. Nicht mehr gewaltige Bauten versinnbildlichen die Macht des Pharao, sondern Schriftliches wird zur Propaganda eingesetzt. War im Alten Reich der Pharao noch selbst ein Gott, ist er im Mittleren Reich von einem Gott eingesetzt. Die riesigen Begräbnisstätten, die dem Kult des verstorbenen Pharao dienten, werden durch vermehrte und prachtvollere Tempelbauten ersetzt. Die zentrale Funktion mit Mittleren Reich hat die Ma’at, die durch den Pharao geschaffene Gerechtigkeit.
  Nach der Zeit der Hyksos-Herrschaft, der so genannten zweiten Zwischenzeit, wurde wieder der Pharao als Bewahrer der Einheit propagiert. Diesmal aber nicht vor dem inneren Chaos, sondern vor der Fremdherrschaft. Im Neuen Reich werden erstmal die Länder und Menschen außerhalb Ägyptens nicht mehr als völlig außerhalb der geordneten Welt angesehen und es wird erstmals eine wirkliche Beziehung zu ihnen aufgenommen, wenn es auch oft der Konflikt ist. Das Neue Reich ist militärisch sehr viel stärker nach außen orientiert, als jemals zuvor. Der Pharao sieht sich jetzt hauptsächlich als Vergrößerer des Reiches. Eroberungen werden zum Gradmesser des erfolgreichen Herrschers, was sich auch in der Darstellung und Propaganda niederschlägt. Einen Höhepunkt bilden die Kämpfe von Thutmoses III. gegen die Mitanni und Sethos I. und Ramses II. gegen die Hethiter. Letzte ist aber mit der knapp unentschiedenen Schlacht von Quadesch ein Wendepunkt zum Frieden. In der öffentlichen Darstellung wird die Schlacht von Ramses II. aber als glorioser Sieg propagiert. Spätere Herrscher stilisieren oft kleiner Kriege zu großen Schlachten hoch, um dem Ideal des siegreichen Pharaos zu entsprechen. Kriege werden durch göttlichen Auftrag legitimiert und mit dem Tempelschatz finanziert. Die Beute kommt wieder dem Tempelschatz zugute und so gewinnen, neben den Militärs, auch die Priester an Macht und Einfluss. Die Ma’at verliert ihre zentrale Rolle im Neuen Reich an die Religion und das Militär. Ein besonders deutliches Beispiel dafür ist die religiöse Revolution von Amenophis IV. (Echnaton) zum Monotheismus. Ebenso schnell und radikal aufgetaucht wie danach wieder völlig ausgemerzt. Zu den Nachwirkungen kann man auch die Machtübernahme in der Krise durch die Militärs mit Haremhab zählen. Er sorgte dafür, dass ein weiterer Militär seine Nachfolge antrat und gründete dadurch die 19. Dynastie, die zusammen mit der 20. Dynastie die Ramessidenzeit bildet. In ihr wurde die Amarnazeit (Echnaton, Tutanchamun usw.) als chaotische Zwischenzeit interpretiert, die einen Neuanfang nötig machte.
  In der dritten Zwischenzeit bricht Ägypten wieder in einen nördlichen und südlichen Teil auseinander. Im Süden hat sich der Einfluss der Religion so weit verstärkt, dass eine Art Gottesstaat entsteht. Regiert wird formell durch das Orakel des Amun. Ämter werden nicht mehr nach Leistung und Können vergeben, sondern vererbt. Später gelangen dann auch Libyer und Nubier zur Macht in Ägypten. Typisch für diese ganze Zeit ist eine extreme kulturelle Rückbesinnung auf frühere Zeiten. Hauptsächlich vom Alten Reich bis etwa zur Amarnazeit werden Schriften und Statuen in großer Zahl kopiert oder imitiert.
  Dann erobern die Assyrer unter Assurbanipal und seinem Vorgänger weite Teile Ägyptens. Theben, die heilige Stadt Amuns, wird erstmals in seiner Geschichte geplündert, was die Ägypter zutiefst schockiert. Mit den religiös motivierten Herrschern ist es damit vorbei. Ein von den Assyrern eingesetzter Pharao kann Ägypten dann wieder vereinen. Bald darauf vertrieb er auch die Assyrer.
  Die nächsten Eroberer waren die Perser. Die Perserkönige nahmen Titulatur und religiöse Aufgaben der Pharaonen an. Als sie das später vernachlässigten, kam es zu Aufständen. Nun hielten die Perser Ägypter von hohen Ämtern fern. Einmal noch konnten ägyptische Pharonen die Macht übernehmen, bevor die Perser und dann Alexander der Große Ägypten eroberten.
  Alexander ließ sich, wie die ersten Perserkönige, als Pharao einsetzen. Nach seinem Tod erbten die Ptolemäer die Pharaonenkrone und propagierten sich als Retter vor der persischen Fremdherrschaft. Sie orientierten sich noch stärker an ägyptischen Traditionen, als die Pharaonen der dritten Zwischenzeit. Herausragende Leistungen waren die Gründung von Alexandria durch Alexander und später unter Ptolemaios II. die Gründung der berühmten Bibliothek von Alexandria. Trotz dieser Bemühungen kam es bis in die Römerzeit hinein immer wieder zu Aufständen.
 
  Assmanns Buch ist, trotz seiner Popularität, keine leichte Kost. Sätze wie „Der Prozeß der kulturellen Demotisierung verläuft kovariant mit den anderen beiden Prozessen.“ sind keine Seltenheit. Er hat sich also nicht unbedingt bemüht, möglichst allgemein verständlich zu schreiben. Wer sich aber wirklich kompetent über das alte Ägypten informieren will, ist mit diesem Buch genau richtig.
  Das Buch gehört zu den Standardwerken zum Thema Ägypten. Vergleichbar etwa mit dem für den Laien etwas leichter verständlichen, aber nur das Alte Reich behandelnden "Der Pharao und sein Staat" von Rolf Gundlach.

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