Boualem Sansal Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum (L' enfant fou de l' arbre creux, 2000)Merlin Verlag 2002 Übersetzt von Walther Riek 318 Seiten ISBN: 3875362241 € 23,- [D]
Von Alfred Ohswald am 09.07.2002 Der Franzose Pierre und der Algerier Farid sitzen in Algerien gemeinsam in einer Zelle des Tracks für zum Tode verurteilte im berüchtigten Gefängnis Lambese und erzählen sich gegenseitig von ihrem bisherigen Leben. Pierre entdeckt nach dem Tod seiner Mutter, dass es um seine Herkunft ein Geheimnis gibt. Weil er in Algerien während der Kolonialzeit geboren wurde, bricht er dorthin auf, um das Rätsel zu lösen. In Algier trifft er auf den Polizisten Salim, der nebenbei ein Schwarztaxi betreibt. Mit ihm begibt er sich auf die abenteuerliche Suche nach seiner Vergangenheit und Herkunft. Und es sollte sich herausstellen, das er stärker mit Algerien verbunden ist, als er gedacht hat. Im Gefängnis sorgt inzwischen der bevorstehende Besuch einer Menschenrechtskommission für Aufregung und aus Frankreich kommen auch ständig unangenehme Fragen nach dem im Gefängnis sitzenden Landsmann. Der Gefängnisdirektor würde sich Pierre am liebsten still und leise vom Leib schaffen. Boualem Sansal ist hoher Beamter im algerischen Industrieministerium und erhielt für diesen Roman dem Michel-Dard-Literaturpreis. „Das verrückte Kind aus dem hohlen Baum“ ist sein zweiter Roman, der Vorgänger „Der Schwur der Barbaren“ (Le Serment des Barbares) erscheint demnächst ebenfalls beim Merlin Verlag und erhielt den Prix du Premier Roman. Seine farbenprächtige und poetische Sprache ist einer der Gründe für den großen Erfolg des Autors in Frankreich. Ganz anders als z.B. sein Landsmann Mohammed Moulessehoul (schreibt unter dem Namen Yasmina Khadra) mit seinem harten, knappen und direkten Stil, schreibt Boualem Sansal in langen, sorgfältig formulierten Sätzen. Die Handlung gibt Sansal den Rahmen für ein wortgewaltiges Bild seines Heimatlandes. Zwischen der Handlung kommen immer wieder lange Passagen mit Beschreibungen der Menschen und Zustände im gebeutelten Algerien vor, wo er keineswegs mit Kritik spart. Dabei gelingt es ihm mit Form und Inhalt die ganze Absurdität und Brutalität des dortigen Alltags für den Leser zu einem geradezu sinnlichen Erlebnis begreifbar zu machen. Ein Beispiel: [...] Ein schwerreicher Straßenverkäufer hat eine Villa mit dreihundertfünfundsechzig nach den Jahreszeiten angeordneten Zimmern gebaut, mit Fenstern rundum, um die Sonne am Tag, den Mond in der Nacht und das Millenium Schlag Mitternacht zu sehen; bei der Einweihung hat er sich schier in den Arsch gebissen, er hatte die Eingangstür vergessen. Die Festung dient als Taubenschlag. Die Volksversammlung hat in einer Sitzungsperiode mehr als zweihundert Gesetze verabschiedet; ein Rekord! Der Koalitionschef, Ouyahia der Schreckliche, hat eine Rede von vier Stunden gehalten, die Abgeordneten waren mehr als vier bei der Sache. Was ist daran so Besonderes? Das Fernsehen hat fünf Stunden ein leeres Halbrund gefilmt, was die Zuschauer begeistert hat. „Um klar zu sehen, muss man die Beleuchter eliminieren“, hat ein verdienstvoller Jurist anläßlich einer brillanten Tagung verkündet; die Debatte wurde sanktioniert durch einen Antrag und auf Unterstützung der Regierung. In der Sahara wurde Gold gefunden. Schwarzes Gold? Nein, Weißgold. In El-Qued, dem Dorf mit den tausend Kuppeln, ist ein neuer Heiliger aufgetaucht, er ist millionenschwer, alle Armen stimmen für ihn. Pepsi und Coca Cola führen Krieg; der bereichert sie, statt sie zu ruinieren. [...] Diese scheinbar zusammenhanglosen Schlaglichter ergeben dann beim Lesen ein besonders dichtes und eindringliches Bild. Dabei stören selbst deftige und brutale Ausdrücke den meist poetisch wirkenden Gesamteindruck in keiner Weise. Algerien hat mit Boualem Sansal einen weiteren beachtenswerten Autor.
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