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Fritz J. Raddatz
Ich habe dich anders gedacht
Erzählung

Arche Verlag
2001
110 Seiten
€ 15,- [D]


Von Richard Niedermeier am 22.06.2002

  Wie geriet ein junger Mensch in die Fänge der Nationalsozialisten? Der Publizist Fritz J. Raddatz, selbst Jahrgang 1931, zeigt in seiner Erzählung „Ich habe dich anders gedacht“ eine der vielen Verführungsgeschichten auf: Achim, aus gutbürgerlichem Hause, ist anders als die anderen. Klein, mit „strubbelndem“ schwarzem Haar, scharfer Nase und zu großen Ohren entspricht er gar nicht den verqueren NS-Rasseidealen und wird deswegen von Mitschülern gehänselt, von den Lehrern solange übergangen, bis es ihm gelingt, durch sportliche Leistung Achtung und Anerkennung zu erzielen. Das ist aber nur die Oberfläche zu seiner Entwicklung.
  In den tieferen Schichten finden wir eine in der Gefühlskälte und ständischen Konventionen erstarrte Familie, (leider zu obszön dargestellte) puberträre Schwierigkeiten und vor allem eine überbordende Sehnsucht nach dem Absoluten, nach dem vollkommenen Ideal. Der eulengesichtige Achim ist ein Fanatiker einer ganz und gar säkularen Religion; ihm geht es allein um den Kult, die Selbstübersteigerung und die totale Hingabe, das Lebensopfer, aber nicht um Politik.
  Er macht Karriere in der Hitlerjugend und schließlich der SS. Dort erfüllt sich seine Sehnsucht nach der „Gleichheit eines Ordens und einer Rangfolge von Auserwählten“, werden die „mickrig gewordene Ordnung der Familie“, aber auch die Grenzen der Gesellschaft und des Standes übersprungen. Sein wie die anderen - „das Herz schlägt im Rhythmus der vielen“ -, damit allein die Leistung, die eigene Kraft zählt. In der Nacht sind alle Katzen grau: Achim wird zur Eule, die vor den bunten Lebensbildern des Tages die Augen verschließt.
  Dazu gehört „Onkel Sami“, Schokoladenfabrikant, Kriegskamerad und Freund des Vaters. Bei ihm und seiner Frau Mary, die so unbegreifbar fremdländisch wirkt, findet der Junge, was er im Elternhaus vermißt: Geborgenheit, menschliche Nähe. Es sind eben Menschen, die sich nicht normen lassen. Aber die Zeitläufte wollen es anders. Sami flieht mit Mary nach Frankreich, und Achim treibt immer mehr in die Arme des HJ-Führers „Jagdfuchs“. Noch einmal bietet sich eine Chance, als er sich mit dem jungen Handwerker und Sozialisten Eckberg (genannt „Trakehner“), eine für Achim faszinierend starke Persönlichkeit, dessen politischer Weitblick ihm aber fremd bleibt. Verdrängt wird aber auch die eigene, noch völlig unreife Sexualität wie auch die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit der vermeintlichen Elite von HJ und SS.
  Schließlich löscht Achim auch die Erinnerung in sich aus: Bei einem Einsatz während des Krieges in Marseille erschießt er einen jüdischen Flüchtling, niemand anderes als sein Onkel Sami; in den Gesichtern französischer Huren erblickt er seine Mutter. Überhaupt verschmelzen alle Frauengestalten zum Inbegriff des Erdhaften schlechthin, das den Himmelsstürmer auf den Boden herabziehen möchte, ihn mit Schmutz besudelt. „Fischfrau hat mir Leids getan“, heißt es nach dem ersten und einzigen Beischlaf mit Kerstin, einer Krankenschwester auf Hiddensee, wo sich der zum Krüppel Geschossene erholen soll.
  Zurück in Berlin erlebt er den Tod der Eltern im Bombenhagel; und die sterbende Mutter mahnt ihn, sich nach Marseille zu Onkel Sami zu flüchten, seinem wirklichem Vater, zu dessen Mörder er geworden war.
  Diese Pointe am Ende zerreißt den Schleier, der über Achim liegt. Hier bietet sich zum ersten Mal ein, wenn auch auf den ersten Blick vertaner, archimedischer Punkt seines Lebens jenseits sowohl des verfallenden Bürgertums seiner Eltern als auch der ins Nichts gehenden NS-Gefolgschaft. „Ich habe dich anders gedacht“, sagt Sami entsetzt-enttäuscht, als Achim ihm seine HJ-Begeisterung kundtut. Und das heißt mehr als nur: „ich habe mir dich anders vorgestellt“. „Warum bist du anders?“, mußte sich Achim vor seiner Gleichschaltung in den Hitlerorganisationen fragen lassen; „Ich denke mich anders“, so war seine Antwort auf sein Anderssein, das er nicht akzeptieren wollte. Doch mit Samis Wort eröffnet sich auf einmal ein möglicher Lebenssinn, der nicht selbstgemacht ist. Hier steht Ich zum Du, unverstellt von jeder sich aufdrängenden Gewalt der Masse. Vielleicht hat Samis Wort auch einen unterschwellig religiösen Charakter, der zur Pseudo-Religiosität der Nationalsozialisten kontrastiert. Jedenfalls steht es für das „An-sehen“ der Person, das immer etwas Schöpferisches bei sich hat, ganz anders als die primitive „Zuchtwahl“ einer verqueren Ideologie. Dieses „ich habe dich ... gedacht“ könnte auch das Netz von Assoziationen aufsprengen, das Achim in Nacht- und Tagträumen gefangenhält. Raddatz zeichnet es durch ein Aneinanderreihen von Sätzen, die für sich das Erleben Achims wiederspiegeln, jedoch durch die Auflösung der Satzstruktur zur Sinnlosigkeit verkommmen. Es ist der Gleichschritt der Massen, der aus diesen Sequenzen aneinandergepreßter Wirklichkeitssplitter spricht. Wo die Logik des Wirklichen verloren ist, kann die Gleichschaltung beginnen. Sie führt auch aus der Perspektive des Ich-Erzählers in den Untergang. Wir erfahren nicht, wie Achim diesen Untergang erlebt und verarbeitet.
  Die ganze Erzählung gleicht eher einem vorbehaltlosen Rechenschaftsbericht, manchmal sogar einem Schuldbekenntnis, abgelegt im Lichte des „ich habe dich anders gedacht“. Daß der Autor auf diese Weise eine nun schon weit zurückliegende Vergangenheit aufarbeitet, erklärt sich wohl nur aus der Menschenfängerei der Neonazis unserer Tage. Was junge Menschen heute an den Rand des Abgrundes treibt, ist vielleicht gar nicht so verschieden von dem, was für den Achim dieser Erzählung bestimmend war. Darüber nachzudenken lohnt sich!

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