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Theo Kobusch (Hrsg.)
Philosophen des Mittelalters
Eine Einführung

Primus
2000
283 Seiten
€ 29,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 22.06.2002

  „Unselbständig“ und eine „wirklichkeitsfremde Barbarei“, so hat Hegel die scholastische Philosophie genannt. Die moderne Forschung freilich ist längst über diese Aburteilung hinaus und konnte nachweisen, daß die moderne Philosophie nicht allein auf den Schultern des Altertums, sondern auch auf denen des Mittelalters steht. Wenn sich dennoch weithin das Vorurteil gehalten hat, im Mittelalter habe es gar keine eigentliche Philosophie gegeben oder bestenfalls eine als Magd oder Sklavin der Theologie entartete Philosophie, so rührt dies zu einem wesentlichen Teil aus einem Mangel an populären, gut verständlichen Abhandlungen. Dem versucht das von Theo Kobusch herausgegebene Buch „Philosophen des Mittelalters“ abzuhelfen, in dem herausragende Vertreter der Mittelalterforschung repräsentative Denker dieser Zeit auf einem sehr anspruchsvollen Niveau und gleichwohl sehr kommunikativ darstellen.
  Es sind nicht nur die großen und bekannten Namen wie Anselm von Canterbury, Abaelard, Albertus Magnus, Thomas von Aquin, Bonaventura, Johannes Duns Scotus, Meister Eckhart oder Wilhelm von Ockham, die hier behandelt werden; die geistig innovative Kraft dieser Zeit offenbart sich auch an Johannes Eriugena, Grosseteste, Roger Bacon, Heinrich von Gent oder Petrus Aureoli, von denen einige in der Forschung zu Unrecht vernachlässigt wurden.
  Da neben dem jüdischen Philosophen Moses Maimonides auch arabische wie Avicenna und Averroes, der große Kommentator des Aristoteles, Aufnahme gefunden haben, erfährt der Leser auch von den nichtchristlichen Triebkräften der mittelalterlichen Philosophie, die deren Erstarrung zu einem bloßen Hilfsinstrument der Theologie stets entgegengearbeitet haben.
  Nicht ganz plausibel ist die Aufnahme Bernhards von Clairvaux (sein Gegenspieler Gilbert von Portiers hätte wohl besser hineingepaßt), dem man wohl kaum eine besondere Nähe zum philosophischen Denken zusprechen kann; doch in das Spannungsgefüge dieser Zeit gehört auch er.
 
  Die Namen sind aber nicht alles. Wichtiger noch ist das Bemühen aller Autoren, die damaligen Problemstellungen auf den Punkt zu bringen und mit den unseren zu verknüpfen. Da wird dann etwa von Grosstestes Lichtmetaphysik der weite Bogen zur Urknalltheorie geschlagen oder Anselm von Canterburys Gottesbeweis als eine tiefgründige Reflexion über die Möglichkeiten des Denkens vorgestellt. Nicht auf bloßes philosophiegeschichtliches Wissen kommt es an, sondern auf einen problemorientierten denkerischen Nachvollzug, für den dieses Buch wirklich begeistern kann.
  Da die einzelnen Beiträge sehr gut aufeinander abgestimmt sind, erhält der Leser auch einen guten Überblick über diese Epoche: über den mittelalterlichen Studienbetrieb, die Rolle von Glaube und Kirche, den Einfluß der Kirchenväter und vor allem über die wachsende Rezeption des Aristoteles, die gerade in der Begegnung mit den überkommenen platonisch-neuplatonischen Denkmodellen eine erstaunliche geistige Lebendigkeit hervorgebracht hat. Die klassischen Arbeiten von M. Grabmann und J. Pieper - hier haben sie eine (lang ersehnte) ebenbürtige Fortsetzung gefunden.

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