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Marianne Peyinghaus
Stille Tage in Gerlauken
Erinnerungen an Ostpreußen

Erinnerungen an Ostpreußen
1992
DM 12,90


Von Peter Asmussen

  Man schreibt das Jahr 1941: Am 1. November kommt die gerade 20 Jahre alte Junglehrerin aus Köln an die Dorfschule von Gertlauken, einem Nest ziemlich genau in der Mitte zwischen Königsberg und Tilsit liegend. 20 Kilometer südlich liegt Wehlau, 20 Kilometer nordwestlich Labiau. Aus Briefen, die die Junglehrerin regelmäßig an ihre Eltern nach Köln sendet, entsteht ein detailliertes Bild vom Leben in diesem Dorf und in Ostpreußen. Ein alltägliches Leben ohne Abenteuer, und vielleicht gerade deshalb fesselnd. Sie berichtet von den kleinen Sorgen und Freuden mit den Schulkindern, die ihrer Lehrerin zum 22. Geburtstag 166 Eier schenken, von Dorffesten, den Jahreszeiten, den Radfahrten auf verschlammten Wegen (sie waren es schon damals und nicht erst unter den Russen) und den Spaziergängen im Wald.
  "Schickt mir bitte nicht zu viele Heilmittel und Tees.", schreibt sie am 12. Dezember 1941. "Mit dem Wasser ist das hier so eine Sache, und unpraktisch ist es obendrein. Stachels haben in ihrer Wohnung eine Pumpe. Das Wasser kommt aus dem Brunnen vor dem Haus. Man kann es nur abgekocht genießen."
  An anderer Stelle erfährt der Leser, daß der Pfarrer in der Kirche auch litauisch predigen muß. Lachauer-Leser wissen das längst.
  Während ihre Heimatstadt Köln schon im Bombenhagel der Alliierten versinkt, herrscht in Ostpreußen tiefster Friede. Daß solche Gegensätze bestehen können", schreibt sie, "im selben Land, zur gleichen Zeit." Sie berichtet vom "Schacktarp" (litauisch: zwischen den Zweigen, d. Verf.) im Herbst und Frühjahr, wenn das Eis auf dem Wasser noch nicht oder nicht mehr fest genug ist zum Gehen, aber zu stark für den Kahn. Und in der Niederung stehen zu diesen Jahreszeiten ganze Landstriche unter Wasser.
  Die Lehrerin reist herum an ihren freien Tagen, Königsberg, Memel, Tilsit, Gumbinnen, Goldap, Rotminter Heide, Trakehnen und immer wieder Königsberg. Glücklich ist sie, wenn sie hier ins Kino gehen kann oder ins Café oder nur bummelt. "Die Sonne schien schön. Ich schlenderte zum Schloß, um an der Führung um zehn Uhr teilzunehmen. (...) Nach der Schloßbesichtigung, wobei mich am meisten ein Zimmer ganz aus Bernstein, das berühmte Bernsteinzimmer beeindruckte, fuhren wir in den Tiergarten. Er ist wesentlich kleiner als unser Kölner Zoo. Um 19.17 Uhr fuhr leider der Zug heimwärts. Auf der Fahrt nach Gertlauken schien der Mond. Um zehn Uhr war ich wieder in meiner Behausung. Frau Stachel hatte mollig geheizt."
  Oder sie berichtet von einem Festtag: "Was war das für ein Betrieb. Zwanzig, dreißig Pferdewagen standen vor der Kirche und dem Deutschen Haus und weitere auf den Bauernhöfen ringsum. (...) Und wie wir vom Friedhof zurückkamen, strömten auch gerade Kirchenbesucher aus dem Gotteshaus. Im Kirchspiel Laikischken wurden 128 Kinder eingesegnet. 72 Jungen und 56 Mädchen, aus Gertlauken waren 11 dabei. Aber dann hättet ihr den Wagenzug sehen sollen! Es waren gewiß achtzig bis hundert, und überall die festlich gekleideten, frohen Menschen, ein Begrüßen und Sprechen und Rufen und Lachen und Gratulieren."
  "Hier herrscht eine wunderbare Ruhe", schreibt sie am 15. Mai 1944, "und ihr mußt ständig in den Bunker. (...) Heute wurde im Wehrmachtsbericht wieder Köln genannt, gestern Osnabrück. Besorgt Euch doch bitte von der Post Eilkarten, die es nach Angriffen gibt. Man darf auf ihnen nur zehn Worte schreiben, aber sie werden schneller befördert." Stille Tage in Gertlauken. Das Dorf eine Insel in einem Meer von Krieg. Die Idylle wird schnell brüchig. Die stillen Tage neigen sich dem Ende zu, der Untergang Ostpreußens kündigt sich an, während der Großdeutsche Rundfunk noch Siegeszuversicht hinauskreischt und Standgerichte jeden am nächsten Baum aufhängen, der am Endsieg zweifelt.
  Die Front rückt näher und in Gertlauken wird ein neuer Kindergarten eingerichtet (Juni 44), nur vier Wochen später erwähnt sie entsetzt, daß Schulkinder an die Font geschickt werden. Auch einer aus ihrer Klasse. Die Wehrmacht zieht Kinder als Kanonenfutter ein. "Ab morgen tritt die allgemeine Reisesperre ein," schreibt sie am 16. Juli 1944. "Der Führer sorgt sich für die Flüchtlinge aus Litauen und den übrigen Baltenländer, da wird er uns doch hier nicht sitzen lassen. Nein, hier herrscht überall Ruhe und Frieden." Und sie fährt zum erstenmal in diesem Jahr auf die Nehrung, es ist so glühend heiß, daß man kaum barfuß durch den Dünensand gehen kann. Aus heutiger Sicht erscheint der Glaube an den Führer und die eigene Sicherheit unerträglich, ja unfaßbar. Sie hört schon das Grummeln der Kanonen von der nahen Front - und fährt an die Nehrung - zum Baden.
  Aber dann kommt es Schlag auf Schlag. 28. Juli 1944: "Von unserem Dorf können wir es beobachten, wenn nachts die russischen Flieger über Tilsit und Insterburg kreisen. Drei Nächte hintereinander waren sie in Tilsit. Dort ist auf dem Bahnhof ein Munitionszug in die Luft geflogen. Gestern gegen Mitternacht sahen wir eine Stunde lang sieben Christbäume über Insterburg." 1. August 1944: "Der Zugverkehr scheint eingestellt." 5. August 1944: "Soldaten, die von Osten kommen, berichten Entsetzliches von der Front. (...) Vor einiger Zeit bekamen wir Bescheid, daß es als Desertation angesehen würde, wenn wir ohne Genehmigung fahren (den Ort verlassen, d. Verf.). 11. August 1944: "Männer gibt es in unserem Dorf kaum noch, alle zwischen 15 und 60 Jahren sind fort."
  Und sie hat noch Glück. Der letzte Brief ist auf den 27. Januar 1945 datiert und sie hat bereits den sächsischen Ort Penig mit dem Zug erreicht.
  Dann folgt ein Kapitel Tagebuchaufzeichnungen, denn der Postverkehr ist zusammengebrochen. "Ich bin so allein," schreibt sie am 5. April 1945, "meine Hand ist zu müde zum Schreiben. Was soll werden? Wolfgang (ihr Bruder, Freiwilliger bei der Waffen-SS Leibstandarte Adolf Hitler, d. Verf.) ist tot. Keinem kann ich sagen wie leer es in mir ist. Gefallen für Großdeutschland steht auf dem Brief, der zurückkam. Gefallen für Großdeutschland! Mein Gott, wie ein hohn kommt es mir vor. Wo? Wann? Hat er gelitten? Wissen es Vater und Mutter? Sie müssen doch die amtliche Mitteilung bekommen haben! Arme Mutter! Auch Frau Kippar (eine ostpreußische Nachbarin, d. Verf.) erfuhr, daß ihr ältester Bruder gefallen ist. Der zweite Bruder schon, und von ihrem Mann hat sie nie mehr etwas gehört."
  In einem sehr interessanten Nachwort des Herausgebers Günter Elbin erfährt der Leser wie es zur Veröffentlichung der Briefe kam.

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