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Marlene Faro
So what!

Hoffmann & Campe
2001
239 Seiten
€ 15,95 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  Vier Frauen und am Schluß ein Mord, den man nicht so ganz ernst nehmen sollte; Marlene Faros neuer Roman „So what!“ ist trotz seines tragischen Endes spritzig und witzig wie eine Kommödie, und der Mord ist eher eine mythische Hinrichtung des ewiggleichen Machoprinzips, das Frauen in fremdbestimmte Rollen zwängt, um sie eines Tages wieder fallen zu lassen.
  Die vier Frauen, das sind Lilli, eine ehemalige Top-Pressefotografin, die nach langer Zeit als Mutter und - inzwischen geschiedene - Ehefrau den Wiedereinstieg in ihren Beruf versucht; Paola, eine männerverschlingende Fernseh-Starmoderatorin; Nesrin, Zahnärztin, Karrierefrau und Single; und schließlich Katharina, sich aufopfernde Ehefrau eines namhaften Herzspezialisten. Was alle vier Frauen verbindet: Sie sind miteinander befreundet, und allen macht ihr Alter - so um die vierzig - zu schaffen. Genau genommen ist es nicht das Älterwerden selbst, das ihnen Probleme macht; in jeder von ihnen funktioniert noch die biologische Uhr, die sagt: mach langsam, schau auf dich selbst, denk daran, daß du keine zwanzig mehr bist. Aber wenn das so einfach wäre!
  Da gibt es die Anforderungen des Berufs: erfolgreich, dynamisch und total verfügbar zu sein; da gibt es das Diktat der Mode: schlank, sexy, ewig jung; und das der gesellschaftlichen Rollenspiele: das Superweib, das dem Ideal der Frauenmagazine entspricht.
  Und vor allem gibt es da noch die Männer, die ihre strengen Richteraugen nicht von den Frauen lassen, kleine Paschas oder brutale Machos. Zu letzteren gehört Leo, Katharinas Mann, der sterben muß, weil er in seiner Machtgier sie nicht nur verstößt, sondern ihr auch noch die Kinder nehmen will.
 
  Dennoch liefert Faro keine Neuauflage des Geschlechterkampfes. Es gibt nicht hier die guten Frauen und dort die bösen Männer. Der Feind ist schon längst verinnerlicht; Frau gegen Frau, auch Freundin gegen Freundin, wenn es in diesem Wettkampf um die Männergunst nötig ist. Die Postmoderne mit ihren Oberflächlichkeiten und billigen Vergnügungen - das ist auch Frauenwelt.
  Als frühere Journalistin eines Münchener Modemagazins beschreibt Faro ihre Mechanismen - wohl aus intimer Kenntnis - mit einem unbestechlichen Blick. Man bleibt sich fremd, auch wenn man miteinander befreundet ist („Wir wissen gar nichts voneinander“); man beneidet und übertrumpft sich gegenseitig; spielt den anderen etwas vor, wirft sich leere Worthülsen an den Kopf. Uneigentlichkeit kennzeichnet den Umgang miteinander.
  Dies zeigt sich besonders in einem Bruch zwischen Innen- und Außenwelt: Das Eigentliche, Wesentliche wird nicht gesagt, sondern meist nur gedacht. Es bleibt im Inneren stecken und räumt damit den Männern, Moden und Manipulatoren jene verhängnisvolle Herrschaft ein, die aus dem immer schon aufkeimenden Lebensekel im Falle Katharinas die Katastrophe heraufzuführen droht.
  Faros Buch ist damit eine, freilich aus dem Blickwinkel von Frauen geschriebene, beißende Zeitkritik, die jedoch nie mit abgedroschenen Phrasen zuschlägt, sondern sich des feinen Degens des Humors, der Ironie und der Satire zu bedienen weiß.
  Kein Ausweg aus diesem Zwangskorsett, wäre da nicht Lilli, deren Figur ohne Zweifel von der Autorin mit der größten Sympathie gezeichnet ist. Lilli ist ein im Kern unverbogener Querkopf, ein kritischer Geist, man wäre versucht zu sagen „Emanze“, wenn dieses Wort nicht selbst schon wieder rollen- und ideologieverdächtig wäre. Jedenfalls ist sie eine sehr tiefgründige Person, die seit Jugendtagen den tragischen Tod einer Freundin erinnert. Aus dieser Erinnerung, die verbunden ist mit dem Gefühl der Mitverantwortlichkeit für das damals Geschehene und heute Geschehende („immer häufiger vom schlechten Gewissen geplagt“), erwächst ihr die Kraft, Zustände nicht einfach als gottgegeben hinzunehmen und durch alle Vordergründigkeiten hindurch den anderen als Menschen zu sehen. Sie erfährt, daß sie dort in Harmonie mit sich selbst reifen und älter werden, kurz, sie selbst sein kann, wo sie anderen hilft („sanftes und mütterliches Verhalten“ zeigt ihr ihr Erwachsensein). Und weil über ihrer Jugend der Schatten des Todes liegt, begreift sie wohl am ehesten das Ältersein als Chance. Daß sie die Initiative ergreift, den aalglatten Leo ins Grab rutschen zu lassen, ist ebenso Nebensache wie die Ermordung an sich. Viel wichtiger, daß sie die Mauer des Schweigens durchbricht und von ihren Freundinnen „Solidarität“ für Katharina einfordert. Und - das ist unüberhörbar die optimistische Botschaft - alle machen mit.
  Ob Postmoderne oder Lifestyle-Kultur - alles ist nur ein Überbau, der unter den Gesetzen und Werten wirklich mitmenschlichen Lebens zusammenbricht. Das sollte auch uns Männern eine Überlegung wert sein.

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