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Hans-Eduard Hengstenberg
Der Leib und die Letzten Dinge

Röll
250 Seiten
€ 30,- [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  Der menschliche Leib ist einerseits zum Kultobjekt geworden, dem man in der Wellness-Kultur nur das Beste gönnt; doch hat man ihn andererseits zugleich entzaubert zu einem hochkomplexen Konstrukt der Materie, über das wir verfügen können, d.h. zu einem bloßen Teil der Welt und ihrer Geschichte. Zwar wurde damit die platonisierende Vorstellung, der Leib sei so etwas wie der Kerker oder gar das Grab der Seele aufgegeben, dafür wurde umgekehrt die Welt zum Grab des einen, leibhaften Menschen, über deren Grenzen hinaus für den Menschen nichts mehr erhofft werden kann.
  Dieser neue Horizont der absoluten Verendlichung des Menschen wirkte sogar auf die christlichen Theologien und ihre Reflexion über die Auferstehungbotschaft zurück. Manche Theologen akzeptierten das Verendlichungsdiktat des modernen Denkens und entfalteten eine Ganztodtheorie, die nur mehr - im Widersinn zu aller Rationalität - in einem Akt reinen Glaubens an den lebendigen, d.h. den Tod überwindenden Gott aufgebrochen werden kann.
  Andere verwarfen die Idee einer im Tode vom Leib getrennten Seele (anima separata) und setzten die Auferstehung unmittelbar nach dem Tode des Einzelnen an, jedoch nicht mehr als eine Vollendung und Überhöhung der irdischen Leiblichkeit, sondern als eine rein vergeistige Leiblichkeit, die nicht mehr meint als die verinerlichte geschichtliche Erfahrung des Menschen. Eine solche Leiblichkeit hätte mit dem empirischen Leib und seiner Weltverhaftung nichts mehr zu tun und könnte deshalb weder mit ihm noch mit dem zuküftigen Gang des Kosmos in Konflikt kommen.
  Diese Theorie einer „Auferstehung im Tode“, die in der Auseinandersetzung zwischen Joseph Ratzinger und Gisbert Greshake in den 70er und 80er Jahren ihren Höhepunkt fand, hatte sich in der Philosophie und Theologie bereits in den Jahrzehnten zuvor angekündigt; mehr noch, in diesem Streit dürfen wir letztlich eine Variante des uralten Kampfes gegen die leibfeindliche Gnosis erblicken, die das Christentums bereits in seinen Anfängen bedrängte.
 
  Hierzu brachte sich auch ein Philosoph ein, der zu Unrecht im Lehrbetrieb unserer Fakultäten heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist: Hans Eduard Hengstenberg. Er gehört zu den großen Repräsentanten christlicher Philosophie im deutschsprachigen Raum, ein unkonventioneller, höchst schöpferischer Denker, der sein Denken sowohl an den Naturwissenschaften als auch am christlichen Dogma ausgerichtet hat.
  Der Verlag J.H. Röll, der Hengstenbergs Werke in Zusammenarbeit mit der Würzburger Hengstenberg-Gesellschaft neu auflegt, hat vor wenigen Jahren ein Buch Hengstenbergs wieder zugänglich gemacht, das paradigmatisch für diese geistige Weite des Philosophen steht: „Der Leib und die Letzten Dinge“.
  „Es müßte eine ‚Rehabilitierung der Materie’ geschrieben werden und das als Apologetik gegen eine falsche Philosophie im christlichen Raum“, findet sich dort als leitende These; und dies war auch eines der Hauptziele seines philosophischen Arbeitens. Diese Rehabilitierung unternimmt Hengstenberg in kritischer Weiterführung der scholastischen Philosophie, wobei er deren platonisches wie aristotelisches Erbe von einer spezifisch christlichen und damit heilsgeschichtlichen Position aus korrigiert.
  Der Haß gegen den Leib, so argumentiert Hengstenberg mit Blick nicht allein auf den Platonismus, sondern auf alle versteckten und offenen Formen der Gnosis, sei im letzten ein dämonisches Phänomen, weil sich im Leib die Entscheidung des Menschen für Gott symbolhaft zum Ausdruck bringe. Denn der Leib sei „in seiner Existenz offenbar gewordene Gutheit“. Natürlich ist diese Sicht des Leibes inspiriert von einer theologischen Anthropologie, die ihre christologischen und schöpfungstheologischen Wurzeln auch gar nicht verleugnen will. Doch sie kehrt in eine strikte philosophische Argumentation zurück, wo unter Einbeziehung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und naturphilosophischer Modelle die Leiblichkeit von der bloßen, mit der Vermassung verbundenen Körperlichkeit geschieden wird.
  Ausgehend von dieser Unterscheidung erarbeitet Hengstenberg einen streng metaphysischen Materiebegriff, der die Trägheitsmomente der körperlichen Masse hinter sich läßt und zugleich die Materie als eigenständiges, ontologisch unableitbares Medium des Geistes etabliert. Dies erlaubt, den Leib als eine vollendete Ausdrucksgestalt des Geistes im verklärten Zustand, d..h. als Auferstehungsleib zu denken. Geist und Materie (die des Leibes wie die der Welt) fallen damit nicht, wie es die Theorie von der Auferstehung im Tode nahelegen wird, zusammen, sondern bleiben in einer Zuordnung zueinander, die nicht mehr durch die Gesetze der Körperlichkeit behindert wird.
  Freilich ist das naturwissenschaftliche Bild der sichtbaren Materie und des Kosmos, auf das Hengstenberg sich bezieht, das der Mitte des 20. Jahrhunderts. Die Theorie einer Selbstorganisation der Materie ist hierin ebenso wenig berücksichtigt wie die neuesten kosmologischen Spekulationen oder die jüngsten Ergebnisse der Hirnforschung. Hengstenbergs Lösungsansatz ist deshalb weiterhin im Gespräch mit den Naturwissenschaften zu halten und fortzuentwickeln. In jedem Fall aber weitet er den Blick auf mögliche metaphysische Gründe der materiellen Welt und des menschlichen Leibes. Und dies muß ein Anliegen der Philosophie bleiben.

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