Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Jim Knipfel
Blindfisch

Rowohlt
2002
Übersetzt von Eike Schönfeld
287 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  So stellt man sich einen Behinderten ganz und gar nicht vor: Jim Knipfel, ein noch junger Amerikaner, der in dem Buch „Blindfisch“ sein Leben etwa bis ins 34. Jahr hinein erzählt, ist alles andere als ein geduldig Leidender, der dankbar nach jedem Strohhalm der Hilfe greift. Im Gegenteil, Knipfel ist voller Zynismus und Sarkasmus, ein Menschenverächter, der in den anderen nur zu oft „Idioten“ oder „Verrückte“ sieht. Sein Zorn erstreckt sich nicht nur auf die bürgerliche Welt, auch die Außenseiter, deren Nähe er sucht, überhäuft er mit Spott, und letzten Endes schwingt immer auch eine Menge Selbsthaß mit, ein Versager zu sein, der im Leben „nur Mist baut“.
  Für ihn ist das Leben eine permanente Katastrophe mit nur wenigen lichten, gar freudigen Augenblicken dazwischen, die zudem seit seiner Kindheit immer seltener werden. Die Ursache für diese Schwarzgalligkeit, die ihm immer wieder den Selbstmord als letzten Ausweg einreden will: eine Retinitis pigmentosa, d.h. eine ererbte, bislang unheilbare Augenkrankheit, die bei Knipfel schon sehr früh zur Blindheit führt. Und als wäre dies nicht genug, leidet er auch noch an einer Läsion des Gehirns, die unbehandelt Wutanfälle und Epilepsie verursacht und ihn mit der Horrorvision, im Irrenhaus zu enden, quält.
  Doch konzentriert sich die Erzählung ganz auf die immer mehr hereinbrechende Blindheit. Sie greift gerade deshalb so erbarmungslos nach ihrem Opfer, weil sie sich so viel Zeit läßt und darum immer wieder Anlaß zum Verdrängen bietet, um sich dann um so lebhafter in Erinnerung zu rufen.
 
  Das ist der richtige Stoff, um die Welt mit den ebenfalls kranken Augen und Geist Nietzsches zu sehen, den Knipfel auch tatsächlich in einer freilich etwas amerikanisch simplifizierten Form im Kopf hat. Aber anders als Nietzsche erzählt Knipfel mit skurrilem Humor, stellt sein Leben als eine Tragikomödie vor, in der sich Verzweiflung und Amusement über so viel Irrsinn, Ignoranz und Blindheit in der Welt in rasendem Wechsel einander ablösen. Kaum hat er von den Demütigungen berichtet, die ein Sehbehinderter z.B. im Straßenverkehr tagtäglich erleiden muß, stellt er sich die Szene vor, wie Halbblinde in den meist dunklen Gängen von Augenkliniken wie in einem Flipperspiel von einer Betonsäule zur nächsten geschleudert werden.
  Diesen sprachlich brillant im Jargon amerikanischer Großstädte vorgetragenen Spott gießt er tausendmal auch über sich selbst aus, weil ihm das Leben im Großen wie im Kleinen ständig mißlingt. Da ist etwa der Abbruch der Universitätslaufbahn zu nennen, das Jobben im Pornoladen oder als Aufseher im Guggenheim-Museum und schließlich die schlechtbezahlte Tätigkeit als freier Mitarbeiter einer Zeitung, wo er unter der Kolumne „Blindfisch“ seine täglichen Frusterlebnisse mit einer gehörigen Portion Gesellschaftsbeschimpfung mitteilt.
  Ein Mißerfolg auch seine Ehe mit Laura, die mit der Zeit die Lust an seinen Exaltiertheiten verliert und seinen zunehmenden Alkoholismus nicht mehr aushält.
 
  Knipfel ist eine Art Monade, im letzten beziehungslos bis hin zur äußersten Distanz auch sich selbst gegenüber, die in einem der letzten Kapitel sogar in einem fiktiven Doppelgängererlebnis gipfelt. Das treibt ihn zur unbarmherzigen, wegen ihrer Überzeichnungen oft auch schwer zu ertragenden Kritik: Die Gesellschaft entlarvt Knipfel als kaputt, die Blindenorganisationen als eigensüchtig, die medizinischen Einrichtungen als inhuman.
  Ein „blinder Seher“ vielleicht, mit Sicherheit ein genialer Karikaturist, der jedoch so gänzlich ohne ideologischen Überbau einer besseren Welt daherkommt. Konstruktiv ist das nicht, wie Knipfel auch selbst alle Angebote, aus seinem Leben doch noch etwas zu machen, kategorisch ablehnt. Knipfels „genetischer Imperativ“ läßt eine Perspektive - im wörtlichen und übertragenen Sinn - nicht zu. „Finde dich mit dem Unvermeidlichen ab“, lautet seine Devise, wäre da nicht dieser unberechenbare Rest von Leben in ihm, der sich immer wieder in exzessiver Wut äußert, in einem Verlangen nach Macht, um allen anderen von gleich zu gleich gegenüberzutreten.
  Langsam schält sich im Lauf der Erzählung diese tiefere Dimension seines Leidens heraus: Die Retinitis ist nur die Außenseite einer fundamentalen Disharmonie mit seiner Lebenswelt. Durch sie sitzt Knipfel zwischen allen Stühlen; er ist weder hilflos wie ein schon völlig Erblindeter noch leistungsfähig wie ein Gesunder; und so hat er in beiden Welten keinen richtigen Platz. Dies ändert sich, als er gezwungenermaßen anfängt, den Blindenstock zu benutzen, den er mit „Entschlossenheit und kalter Bosheit schwingen“ will. Als Blinder genießt er endlich Schutz und Rechte, erfährt Anerkennung und Respekt für seinen Kampf gegen die Widrigkeiten des Alltags. Der Zwang, sich für alles zu rechtfertigen, entfällt. Es zeichnet sich für ihn erstmals so etwas wie ein „Weg“ ab, den er zwischen „Leugnung und Selbstmitleid“ gehen will. So beschreibt diese Erzählung das Finden der eigenen Identität, die gerade an dem Punkt erreicht wird, wo sich Knipfel in Anerkennung der Wirklichkeit eindeutig den Blinden zuordnen muß. Das Dasein als in sich und von sich abgekapselte Monade ist zu Ende.
  Knipfels Buch gehört nicht zur typischen Randgruppen-Literatur, der es primär darauf ankommt, Verständnis zu erwecken oder gesellschaftliche Veränderungen hervorzurufen; es ist ein Plädoyer an uns alle, das Leben mutig auf die Anerkennung der Realitäten zu stellen und so die viel gefährlichere Blindheit letztlich auch gegenüber sich selbst zu überwinden.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.