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Volker Braun
Das Wirklichgewollte

Suhrkamp
2000
55 Seiten
€ 14,80 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

 Nach dem Ende der Ideale
 
  „Was wollen Sie?“, fragt die blutjunge Luisa, als ihr der alte Giorgio mit seinen Fingern an den Armen entlangstreicht. Keine Frage, was Giorgio in diesem Augenblick will; doch Giorgios auf den ersten Blick so eindeutige Absichten verlaufen ins Nichts, und das gibt dieser Frage ein unerwartetes Gewicht.
  Drei Erzählungen, in denen diese Frage eine zentrale Rolle spielt, vereint das unter dem Titel „Das Wirklichgewollte“ verfaßte Bändchen des Büchnerpreisträgers Volker Braun. Jede von ihnen ist episodenhaft und hintergründig offen; und jede paßt in die Nachzeit der großen politischen Wende, die verbunden ist mit der Öffnung des Eisernen Vorhanges und dem Ende der sog. Nachkriegsära. Und vielleicht passen sic auch in das Milleniumsjahr 2000, zugleich das Erscheinungsjahr des Buches, mit dem sich so viele Erwartungen auf eine neue Zeit verbunden hatten.
  Schon der Titel - „Das Wirklichgewollte“ - greift nochmals die vergangene Epoche auf: die Betonung der Willensfreiheit des Menschen, seiner frei gewählten Ideale und seiner Verantwortlichkeit. Das ist geistiges Erbe seit der Aufklärung. Zugleich stellt er aber auch diese Tradition in Frage: Wollen wir wirklich, was wir wollen; was wollen wir eigentlich? So als hätte man sich in der Zielrichtung geirrt; so als gäbe es hinter allen Absichten und Idealen noch ein Hintergründiges, ja Abgründiges, dessen man sich erst versichern müßte. Die Zeit einer optimistischen, naiv-idealistischen Aufklärung und ihrer Folgeepochen ist jedenfalls vorbei. „Die Zeit hat sich zurückgezogen“, heißt es einmal; womit angedeutet ist, daß nicht einfach eine neue Zeit Einzug gehalten und die andere ersetzt hat. Wir kennen die Konturen des Neuen noch nicht, eine Zwischenzeit eben.
  Die Frage „Was wollen Sie?“ - mitunter grammatikalisch variiert - läßt sich nicht in einem Buch von nur 55 Seiten beantworten. Auch der Aufbau aus ganz fragmentarischen Szenen steht dem entgegen. Um die Frage selbst geht es, die an drei verschiedenen Brennpunkten der Gegenwart festgemacht wird.
  Da sehen wir in der ersten Episode einen emeritierten italienischen Professor und seine Frau, in deren betuliches Landleben junge Flüchtlinge einbrechen; die zweite zeigt einen arbeitslosen, sozial abgesunkenen Eisenbahningenieur in Sibirien, der in einer Art Selbstjustiz seinen Neffen für einen Mord zur Rechenschaft ziehen will; und in der dritten Geschichte nimmt ein alter brasilianischer Architekt einen Straßenjungen und Kleinkriminellen bei sich auf, um ihn zu resozialisieren.
  Immer spielt der Gegensatz von alt und jung eine Rolle; aber nur vordergründig geht es um Generationenkonflikte. Das Alter steht für das Überlieferte, das Junge für das Neue, Kommende. Das Alte - eine ganze Epoche mit ihren bisher gültigen Werten, Normen, Finalitäten - tritt ab; die Zukunft, verkörpert in den blutjungen Flüchtlingen, im Neffen und im Straßenjungen, ist noch in keiner Weise festgelegt und damit auch unergründbar. Darum bleibt auch der Ausgang dieser drei Geschichten völlig in der Schwebe: Giorgio Badini, der Professor, weiß nicht, ob ihm von Gjergj und Luisa, dem Flüchtlingspaar, das er in sein Haus aufnimmt, Gefahr droht. Der Eisenbahningenieur Sachar richtet auf seinen Neffen Sergej eine Pistole, läßt aber dann die Hand sinken, und wir erfahren nicht, ob Sergej nun an ihm zum Mörder wird. Und ähnlich auch bei Borges, dem Architekten: Jorges, der Straßenjunge, lehnt dessen Fürsorge ab und verschwindet mit dem Hausschlüssel. Kurz darauf kehrt er mit seiner Straßenbande in Borges Wohnung zurück. Will er Borges töten oder flüchtet er sich zu ihm, weil seine Kameraden ihn als Abtrünnigen verfolgen?
  Wie der Inhalt schwebt auch die Sprache dieser Erzählungen im Unentschiedenen: Knappe, schlaglichtartige Sätze blenden Hintergründe und Zusammenhänge aus, werden aber des öfteren aufgefüllt durch Partizipialkonstruktionen, deren logische Auflösung der Leser - freilich nur unter dem Vorbehalt des bloß Möglichen - selbst vornehmen muß. Die nicht mehr zu entziffernde Wirklichkeit selbst verstellt uns den Blick auf das Wirklichgewollte, weil sie in sich ohne Zusammenhang und ohne rationale Eindeutigkeit ist. Deshalb nehmen Verstehensprobleme einen zentralen Raum ein: Giorgio Badini muß Luisas „Laute“ erst übersetzen; die Kommunikation zwischen Alt und Jung will nicht gelingen. Sprachlosigkeit auch innerhalb der Paare: Die Beziehung zwischen Giorgio und seiner Frau Lucia ist längst abgestorben. Auf der anderen Seite Gjergj und Luisa: auch hier Wortlosigkeit, jedoch überdeckt von sexueller Leidenschaft, dem Leben als Triebnatur. Nichts läßt sich von ihnen ablauschen. Auch Sachar kennt weder seinen haltlosen Neffen noch seine Frau Warwara wirklich, die sich aus dem alltäglichen Elend in ein Liebesabenteuer flüchtet. Und auch für Borges bleibt der Straßenjunge in seinen Motiven ein Rätsel, wie umgekehrt er auch für ihn. Daraus resultieren Angst und Entfremdung, die in letzter Konsequenz auch Selbstentfremdung ist. Was will der andere und was will ich selbst? Eigentlich müßte dies für Giorgio, Sachar und Borges klar sein. Giorgio ist ein früherer Linksintellektueller mit revolutionärem Gedankengut, Sachar ein Idealist, der an der Erschließung Sibiriens als Konstrukteur mitgearbeitet hatte; und Borges Lebensinhalt ist das Reißbrett, auf dem er noch die Zukunft des Straßenjungen zu entwerfen scheint; früher Menschen mit Zielen, Perspektiven und Tatkraft allesamt. Sie glaubten, Geschichte machen zu können; doch diese hatte ohne sie stattgefunden, ist ihren eigenen Gang gegangen. Die Ideen von einst, Revolution und Sozialismus, so sinniert Borges, sind verbraucht; am Ende stand immer nur der Kapitalismus und jetzt der Glaube an die Globalisierung. Verbirgt sich hinter der vermeintlich freien Geschichte nur ein schon immer festgelegter Mechanismus? Und Stepan, der Geliebte von Sachars Frau, Tretjakow zitierend: „... ein auf die Biographie gebauter Roman ist falsch... Der Held schwillt immer mehr an und beginnt, die Dinge... zu bedingen, statt durch sie bedingt zu sein.“ Hier werden nicht nur Ideale verabschiedet, sondern der Mensch als Subjekt selbst. In solchen Fragmenten eines hoffnungslosen, bis in die Körperlichkeit hinein ermatteten Lebens definiert sich die sog. „Postmoderne“, die das Subjekt durch neue, dunkle Mythen der Geschichte ablöst. Gewiß finden sich in allen drei Episoden Versuche, diesen Graben der Zeit zu überwinden, Einfluß auf den Gang der Dinge zu nehmen und aus dem Kommenden Leben zu saugen. Giorgio und Luisa, Lucia und Gjergj - die immer wiederkehrende Sehnsucht der Alten nach dem jungen Blut. Doch die verjüngende Lösung der „Wahlverwandtschaften“ mißlingt. Auch Borges wird sich nicht in Jorges erneuern; und kann Sachar sein Opfer an Sergej weitergeben? Todmüde oder tödlich getroffen sinkt das Alte in sich zusammen: Giorgio, der von den Fremden schwer verletzt wird; Borges, der beim Eintreffen der Straßenbande „todmatt“ zurücksinkt; und auch Sachar, der am Ende einfach „losläßt“, „sich fallen läßt“.
  Und wie endet das Alte? Entsetzt und erleichtert zugleich (Giorgio), im Glauben an einen Sinn des Lebens (Sachar), „ermutigt zugleich und todmatt“ (Borges). Das Ende ist nicht eindeutig: Neben dem Grauen steht die Erleichterung, das Gefühl der Befreiung von einer Last, eine Art erlösender Götterdämmerung: „...denn es lag nun nicht mehr an ihm, was kommt“, so tritt Borges ab. Die Geschichte hat ihre selbsternannten Diener aus der Pflicht und aus der Verantwortung genommen. Aber wird damit nicht der Glaube an die eigenen Möglichkeiten ersetzt durch den Glauben an eine allwirksame Geschichte, die nun selbst den Platz des abgedankten Subjekts Mensch übernommen hat? Ein Herrschaftswechsel ist eingetreten, aber das System bleibt dasselbe. Ist vielleicht gar die Macht der Dinge, des Faktischen erst durch unser in seinen Grundmustern unverändertes Denken eingesetzt? Wird hier der Zukunft nicht doch ein Sinn untergeschoben, weil der Mensch auch die Abgründe immer nur als Gründe denken kann? Das jeweils offene Ende fordert den Leser heraus, selbst eine Antwort zu geben - und sei es nur in der Form einer Option, einer vagen Hinneigung - oder gerade im Aushalten dieser Spannung die Macht des Prinzips Hoffnung in sich selbst zu erfahren.

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