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Lou Marinoff
Sokrates’ Couch
Philosophie als Medizin der Seele

dtv
2002
Übersetzt von Axel Monte und Hubert Pfau
320 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  Philosophen stehen eher in dem Ruf, etwas weltfremd und lebensfern zu sein, weshalb ihr Fach sich mitunter schwer tut, sich neben all den „nützlichen Wissenschaften“ zu behaupten. Das soll sich, wenn es nach Lou Marinoff geht, ändern. Marinoff unterrichtet Philosophie am City College in New York, und er ist in den USA die Galionsfigur der „Bewegung praktischer Philosophen“. Das sind nicht Leute, die sich akademisch und spekulativ etwa Ethik oder philosophischer Anthropologie befassen, sondern die Philosophie als Liebe zur Weisheit, als Lebensweisheit wieder unters Volk bringen wollen. Schon der Titel von Marinoffs Buch, „Sokrates’ Couch“, macht deutlich, welchen Orientierungspunkten man dabei folgt: Da ist einmal die Rückkehr zu den Anfängen, als Philosophie, eher unbelastet von tiefgründigen weltanschaulichen Problemen, mit ganz lebenspraktischen Fragen, z.B. der Orientierung innerhalb der griechischen Polis, zu tun hatte. Und zum anderen die Absicht, den verschiedenen Formen der Psychotherapie nicht mehr allein das Feld zu überlassen, wenn es um die seelische Gesundheit des Menschen geht.
  So befasst sich ein erster Teil des Buches mit gängigen Therapieformen, unterwirft sie einer radikalen Kritik und zeigt das Ungenügen der dahinter stehenden Menschenbilder auf. Bereits diese Kritik lässt ein Spezifikum der inaugurierten philosophischen Therapieform erkennen: Während die Psychoanalyse nur in der Lage ist, das Dunkel der persönlichen Vergangenheit aufzuklären, aber dabei an der Unwiederbringlichkeit des Gewesenen scheitert, wendet sich die philosophische Therapie der im wesentlichen noch offenen Zukunft zu. In dieser grundsätzlich optimistischen Sicht ist der Mensch weder das alleinige Produkt seiner Gene noch der Gesellschaft oder anderer determinierender Faktoren; er ist im wahrsten Sinne seines Glückes Schmied und hat frei und verantwortlich sein Leben zu entwerfen. Die Philosophie hilft, indem sie eine „brauchbare Weltanschauung“ liefert. Welche das sein sollte angesichts so vieler philosophischer Theorien und Modelle? Die Wahrheitsfrage stellt sich für Marinoff nicht. Es geht ihm auch gar nicht um Inhalte, sondern um Impulse aus der philosophischen Tradition, damit jeder seine eigene Lebensphilosophie entwickeln kann. Der Therapeut hat dabei eher die Funktion eines einfühlenden, verständnisvollen Helfers, der aus Sackgassen herausführt und neue Perspektiven eröffnet. Das geschieht in fünf Schritten, die Marionoff als PEACE-Prozess (Problem-Emotion-Analyse-Contemplation-Equilibrium) beschreibt: Das Problem wird wahrgenommen, emotional erlebt, und Lösungsmöglichkeiten werden gesammelt. In einem entscheidenden, „Kontemplation“ genannten Akt werden das Problem und die möglichen Lösungswege in einen weiteren Horizont gestellt, aus einem umfassenderen Blickwinkel heraus betrachtet. Und genau auf dieser Stufe hat der philosophische Begleiter seinen großen Ensatz. Am Ende steht dann der innere Friede, das seelische Gleichgewicht, das uns Neues und vielleicht Ungewohntes realisieren oder Schweres als sinnvoll ertragen lässt.
  Dafür bringt das Buch eine Fülle von Fallbeispielen. Da ist etwa die „konservative Anne“, die zwischen der Sicherheit ihres langweiligen Berufes und der unsicheren Freiheit einer interessanten selbständigen Tätigkeit wählen muss. Für den weiteren Horizont wird ihr Aristoteles anempfohlen, der den „goldenen Mittelweg“ favoritisiert. So geht das fort, und das liest sich kurzweilig wie eine Sammlung von „short stories“. Es ist also eine Aphorismen-Philosophie unterschiedlichster Provenienz, die hier wie eine Mixtur zusammengestellt wird. Wen wundert es, dass dabei hinduistische, buddhistische oder konfuzianische Gedankensplitter sich als besonders praxistauglich erweisen: Duldsamkeit, ein gleichmütiges Schweben über den Dingen der Welt - das hilft fast immer.
  Und die philosophisch nie überholbare Frage nach dem Warum des Ganzen, nach dem Sinn von Sein und menschlicher Existenz? Für Marinoff hat „Sinn“ nur eine technische Bedeutung: Ist etwas sinnvoll mit Blick auf mein vorgefasstes Ziel? Von der Abgründigkeit philosophischen Denkens ist da nichts mehr zu spüren. Statt dessen wird immer schon ein von philosophischen Existenzfragen recht unbelasteter Mensch vorausgesetzt, der in der eng begrenzten Spanne des Lebens die Vision eines kleinen Glücks entwirft und verfolgt; ein modernes „carpe diem“ also.
  Unter diesem Gesichtspunkt ist dieses Buch gerade für unsere bundesdeutsche Jammergesellschaft wichtig; denn es arbeitet der leicht zu frustrierenden Biedermannssucht nach glatten Biographien und unproblematischen Lebenswegen entgegen. Keine Frage, Philosophie gehört ins Leben, und Marinoff gibt einen interessanten Anstoß dazu. Aber - das lehren uns die großen Philosophen wie die Geschichte der Philosophie insgesamt - Philosophie endet nicht als bloßes Therapeutikum, sondern hat ihr eigenes Maß.

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