Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Paul Auster (Hrsg.)
Ich glaubte mein Vater sei Gott
Wahre Geschichten aus Amerika

Rowohlt
2001
408 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  Da sieht jemand eines Morgens ein Huhn vor sich über die Straße laufen, er geht ihm einige Straßen nach, beobachtet, wie es an einer Türe anklopft und dann im Haus verschwindet. Als Erzählung ist diese extrem kurze Geschichte Linda Elegants nichts Besonderes; jedoch daß Hühner an Haustüren klopfen, um eingelassen zu werden, hat durchaus Seltenheitswert.
  Viele der Geschichten, die der Schriftsteller Paul Austen gesammelt und in dem Band „Ich glaubte, mein Vater sei Gott“ herausgegeben hat sind ähnlich: meist ein einfacher, bisweilen sogar auch etwas unbeholfener Erzählstil, aber stets ein Inhalt, der aufhorchen läßt und manchmal sogar seinen Leser für ein bis zwei Buchseiten gefangen nimmt. Es sollten wahre Geschichten sein, geschrieben von ganz „normalen“ Amerikanern, ohne irgendeine Attitüde zur hohen Literatur; zugleich aber auch Geschichten, die unseren Alltagserfahrungen in irgendeiner Weise zuwiderlaufen. So lautete die von Paul Austen aufgestellte Vorgabe für das „National Story Project“ eines amerikanischen Rundfunksenders, das durch einen Zufall ins Leben gerufen wurde, dann aber in der Bevölkerung die relativ große Resonanz von ca. 4000 Einsendungen fand, von denen die besten - genau 126 - für dieses Buch ausgewählt wurden.
  Und wovon erzählt Amerika? Da ist manches Skurrile wie unsere Geschichte von dem Huhn. Überhaupt handeln mehrere Geschichten von Tieren, von denen jede einen ganz eigenen Aspekt des Miteinanders von Mensch und Tier zum Thema machen. Sicherlich eine der besten: In „Strolch“ entlarvt ein anhänglicher Hund dieses Namens seinen Herrn bei einem Aufmarsch des Ku-Klux-Klan als geheimen Anführer dieser rassistischen Sekte, sehr zur Belustigung der Zuschauer an diesem schauderlichen Spektakel, die fortan den Namen des Hundes auf seinen Herrn übertragen werden.
  In vielen Erzählungen begegnet Mysteriöses, das Unerklärbare einer Jenseitswelt, die plötzlich in unsere entzauberte technische Zivilisation einbricht. Da werden Träume und Ahnungen wahr, wird das Unwahrscheinlichste zur Realität. Ist das alles typisch amerikanisch? Wenn ja, dann trifft dies nicht so sehr auf die Geschehnisse selbst, sondern vor allem auf die Antwort zu, die die Menschen darauf geben. Solche Ereignisse werden nicht verdrängt, sondern sensibilisieren den Betroffenen oder rufen gar eine Bekehrung zum Glauben hervor. Natürlich spiegelt sich auch der amerikanische „way of life“ in diesen Geschichten, aber dahinter verbergen sich ganz grundlegende, allgemein-menschliche Erfahrungen wie etwa die Einsamkeit inmitten einer Großstadt, die Depression nach dem Tod eines geliebten Menschen und die oft verzweifelt hilflosen Versuche, solche Lebenslasten zu verarbeiten.
  Sicher entdeckt sich hier eine Nation selbst, die ansonsten das Bild von harten, asketischen Pionieren und Helden geflissentlich pflegt. Auster zeigt sich daher in seiner Einleitung zu dieser Sammlung auch davon überrascht, wie tief und leidenschaftlich die allermeisten der Autoren empfinden. Das ist in der Tat vielleicht das Beeindruckendste an diesem Buch: Menschen, die wir sonst nur von außen wahrnehmen als Subjekte und Objekte eines Geschehens, offenbaren hier ihre Innenseite. Dabei spielt es keine Rolle, daß manches, was hier als wahr berichtet wird, eher die Skeptiker auf den Plan ruft. Gleich ob wahr oder nicht, daß es erzählt wird, daß Menschen über ihre Ängste, Hoffnungen und Ideale Auskunft geben, ist entscheidend.
  Nun trägt dieses Buch als Erscheinungsdatum der deutschen Ausgabe ausgerechnet den September 2001. Das hat viele Rezensenten dazu veranlaßt, den Schreckenstag des Anschlages auf das World Trade Center damit in Verbindung zu bringen und nach den dessen Folgen für das Selbstbildnis der Amerikaner zu fragen. Schildern diese Erzählungen ein Amerika, das am 11. September dieses Jahres untergegangen ist? Man darf annehmen, daß das in manchen Geschichten noch nachwirkende Trauma von Vietnam dahinter verblaßt, ebenso wie die Erfahrungen der älteren Generation mit dem Zweiten Weltkrieg. Neue Herausforderungen stellen sich ein und zwingen, den Blick in die Zukunft zu lenken.
  Dennoch sollte man dieses Buch auch nach dieser Epochenzäsur nicht als überholt bewerten. Im Gegenteil. Der Puls dieser Nation mag seit diesem denkwürdigen Tag schneller gehen und die Tür zu einer neuen, noch ungewissen Ära aufgestoßen sein; aber diese Erzählungen spiegeln trotz ihrer Zufälligkeit nicht die Oberfläche, sondern die unveränderliche Substanz des amerikanischen Volkes wieder. Und vielleicht sollte man gerade deshalb in Europa dieses Buch lesen, um einen Partner auf der Weltbühne besser zu verstehen, dessen Politik den Alten Kontinent oft genug vor den Kopf stößt.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.