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Karl Jaspers
Was ist der Mensch?
Philosophisches Denken für alle

Piper
2000
397 Seiten
€ 19,90 [D]


Von Richard Niedermeier am 21.06.2002

  „Der Philosoph und das Meer“, so könnte man in Abwandlung des bekannten Hemmingway-Titels das Leben von Karl Jaspers (1883-1969) überschreiben. Dies nicht allein deshalb, weil er seit seiner Kindheit eine enge Beziehung zum Meer hatte, sondern vor allem, weil das Meer ein Sinnbild dafür ist, wie Jaspers Philosophie verstand und auch selbst betrieb. Jaspers hielt das Meer für die „anschauliche Gegenwart des Unendlichen“, das zwar nicht bodenlos oder gar ein Nichts ist, sich aber doch immer nur in der Bewegung gibt und daher auch nie Festigkeit oder gar Geborgenheit gewährt. Und die Philosophie war für ihn die Kunst, dieses Meer zu befahren, und mehr noch, sich auf dieses Wagnis auch wirklich einzulassen.
  Hans Saner, der frühere Jaspers-Schüler und jetzt Betreuer seines Nachlasses, hat aus dessen Werk aussagekräftige Texte zusammengestellt, die sowohl die theoretische Seite seines Denkens, also seine philosophische Kunstfertigkeit, wie auch die lebenspraktische Seite - für Jaspers war Philosophie stets auch Lebensform - erhellen. Herausgekommen ist ein ganz hervorragendes Jaspers-Lesebuch, eine ausgezeichnete Hinführung nicht nur zum Werk, sondern durch gut gewählte autobiographische Texte auch zur Person von Jaspers.
  Freilich sollte der Untertitel des Buches - „Philosophie für alle“ - nicht missverstanden werden. Jaspers Philosophie ist nicht in dem Sinne „für alle“, dass alle damit einverstanden und zufrieden sein müssten; und schon gar nicht ist es eine anspruchslose Populärphilosophie, die es erlaubt, mit etwas philosophischem Wissen den Bildungsbürger zu geben.
  Vielmehr geht es darum, die Grund- und Grenzsituationen unseres Menschseins (z.B. Schuld und Scheitern, Leiden und Tod) zu bedenken, die jeder Mensch in seinem Leben erfährt. Das Ergebnis dieses Nachsinnens kann für Jaspers nur Selbstvergewisserung in einem - auch wenn der Begriff auf den ersten Blick widersprüchlich zu sein scheint - ganz und gar offenen Horizont sein. Der Mensch ist mehr als nur etwas „in“ der Welt; er bildet mit diesem offenen Horizont eine Einheit, aus der heraus er fähig ist, Chiffren des Transzendenten zu formulieren. So zeigt sich in der menschlichen Existenz eine - allerdings völlig unfixierbare - Unendlichkeit, die mit dem Denken auch ein inneres Handeln, d.h. eine „philosophische Lebensführung“ einfordert. Zu recht hat man deshalb bei Jaspers von einem „philosophischen Glauben“ gesprochen.
  Dies war für eine rationalistisch verfahrende Philosophie zuviel, für eine von positiven Offenbarungsgehalten ausgehende Theologie zu wenig. Und doch ist es wert, sich anhand der Texte dem Geheimnis der menschlichen Existenz zu stellen. Es zu respektieren, macht den Menschen nicht ärmer, unterstreicht statt dessen seine Würde. Staunen und Fragen, nicht vorgefasste Antworten oder gar ein philosophisches System lernt man hier; und an die Stelle von Festlegungen tritt ein nahezu schwebendes Denken, ja fast ein Meditieren, das im Bewußtsein der eigenen Grenzen die Unbegreiflichkeit des Menschen vor jedem objektivierenden Zugriff bewahren will. Dieses Staunen und Fragen aber führen gerade in ihrer noch ganz ungebrochenen Einheit auch den Weg zurück an den Uranfang aller Philosophie, wie er seit der griechischen Antike uns zeitlos aufgegeben ist.

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