Franz Kafka Kafka: erHören
Random House Audio 2002 ISBN: 3898303683 € 29,50 [D]
Von Alfred Ohswald am 09.06.2002 Das Projekt einer Lesetour (http://www.kafkaerlesen.de/) verschiedener bekannter Schauspieler, die Texte von Kafka vortragen sorgt für das auf dieser Sammlung zu hörende Material. Den Anfang macht die 1915 erstmals erschienene Erzählung „Die Verwandlung“, von Mechthild Großmann im Wupperthaler Club 45 RPM vorgetragen. Die Erzählung um den kleinen Handlungsreisenden Gregor, der eines Morgens in Gestalt einer riesigen Bettwanze erwacht, gehört wohl zu den Bekanntesten Kafkas. Gregor hatte bisher für das Auskommen seines Vaters, der Mutter und der Schwester gesorgt. Er hätte einen Zug erreichen sollen, weswegen die Familienmittglieder Gregor immer ungeduldiger drängen, endlich aus dem Zimmer zu kommen. Schließlich taucht sogar der Prokurist der Firma auf, um wegen seines Versäumnisses Nachschau zu halten. Gregor gelingt es schließlich unter großer Anstrengung, das Bett zu verlassen und die Tür zu öffnen. Der Prokurist flieht Hals über Kopf bei seinem Anblick und die Familie ist natürlich auch entsetzt. Besonders störend für Gregor ist, dass er zwar alle versteht, sich selbst aber ihnen nicht verständlich machen kann. Hat Gregor bisher die Familie ernährt, so dankt sie es ihm wenig, im Gegenteil, alle begegnen ihm mit Abscheu und einmal wird der Vater sogar gewalttätig ihm gegenüber. Kafka verarbeitet hier ein bei ihm immer wieder auftauchendes Thema. Sein problematisches Verhältnis zu seinem eigenen Vater und die auf der Familie basierenden, strengen Hierarchien in der Gesellschaft. Der auf die Katastrophe bemerkenswert gelassen reagierende Gregor hat nichts Gutes zu erwarten. Selbst die heißgeliebte Schwester, die sich als Einzige Anfangs um ihn kümmert, wendet sich schließlich in aller Heftigkeit gegen ihn. Mechthild Großmanns rauhe tiefe Stimme zieht den Zuhörer unweigerlich in den Bann der Geschichte. Es ist kaum eine bessere Wahl denkbar. Dann folgt die von Mario Adorf vorgetragene Erzählung „In der Strafkolonie“ (1919). Einen landesfremden prominenten Reisenden wird eine Hinrichtung in einer Strafkolonie mit Hilfe einer wahren Höllenmaschine vorgeführt. Der Offizier, der zugleich als unumschränkter Richter über Leben und Tod zuständig ist, ist auch für die Durchführung der Hinrichtung verantwortlich. Mit einer geradezu begeisterten Hingabe erklärt er, wie die Maschine funktioniert, mit der der Delinquent in einer 12 Stunden dauernden Tortur zu Tode gebracht wird. Das Opfer hat vorher keine Möglichkeit der Verteidigung und erfährt weder von der Art der Strafe, noch dass er überhaupt bestraft wird. Neben dem auch in „Der Prozess“ dominierendem Thema, der allein durch die Hierarchie verliehenen Allmacht des Richters und der Hilf-, ja Ahnungslosigkeit des Opfers, beschreibt Kafka in „In der Strafkolonie“ auch die fanatische Überzeugung von der Richtigkeit und Gerechtigkeit ihres Treibens der Richter. Und so nebenbei, wie schnell aus dem Opfer durch veränderte Umstände ein begeisterter Täter werden kann. Über Mario Adorf braucht man wohl nicht viel zu sagen. Seine markante und unverwechselbare Stimme und sein Können machen auch diese Lesung zu einem ebensolchen Genuss wie Mechthild Großmanns Vortag von „Die Verwandlung“. Auf den restlichen 2 CDs kann man die kürzeren Erzählungen „Erstes Leid“, „Eine kleine Frau“, „Ein Hungerkünstler“ und „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ von Dirk Bach vorgetragen hören. „Erstes Leid“ handelt von einem Trapezkünstler, der nur mehr auf seinem Trapez hoch oben lebt. „Eine kleine Frau“ ist eine ältere Dame, die sich unausgesetzt über den Erzähler ärgert, egal, was auch immer er anstellt. Der Hungerkünstler hungert nicht, um seine Fähigkeit oder sonst etwas zu beweisen, sondern weil ihm schlicht nichts schmeckt. „Josefine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse“ ist Kafkas letzte Erzählung, in der das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum im Zentrum steht. Dirk Bach kennt man sonst als Comedy-Künstler, der eher bunten Klamauk treibt, als einen schwergewichtigen Klassiker wie Kafka vorzutragen. Doch er schlägt sich ausgezeichnet; braucht sich keineswegs vor den beiden brillanten Vorgängern zu verstecken. Kafkas Texte eignen sich ganz hervorragend zum vorlesen, weshalb es auch schon zahlreiche Hörbücher mit seinen Werken gibt. Auch die Erzählungen dieser Sammlung fanden sich schon anderswo, aber selten von Vorlesern dieser Qualität gelesen. 280 Minuten (5 CDs) Sprecher: Mechthild Großmann. Mario Adorf und Dirk Bach
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