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Manfred Dimde
Die vierte Pyramide
Dem Geheimnis von Gizeh auf der Spur - Neue Erkenntnisse über das erstaunliche technologische Wissen der Pharaonen

Droemer Knaur
2002
254 Seiten
€ 22,90 [D]


Von Klaus Richter am 27.05.2002

  Manfred Dimde behauptet in diesem Buch, es habe neben den drei bekannten Pyramiden von Gizeh noch eine weitere Pyramide gegeben. Diese soll Hinweise auf eine Hochtechnologie enthalten haben und sie soll scheinbar spurlos beseitigt worden sein. Eine scheinbar faszinierende Spurensuche erwartet den Leser, wie es auch der vom Verlag erstellte Klappentext suggeriert.
  Doch wer das Buch mit offenen Augen und mit wachem Verstand liest, der wird schnell merken, dass es sich einmal mehr um ein Sammelsurium pseudowissenschaftlicher Behauptungen handelt, die auf dem Rücken des Pechvogels Pyramide ausgebreitet werden. Dimde liefert eine Vielzahl von Behauptungen. Quellen und sonstige Belege sucht man ebenso vergebens wie ein Literaturverzeichnis oder gar einen Anmerkungsapparat. So wird der Leser mit den Behauptungen Dimdes allein gelassen: Er kann sie glauben und wird es auch tun, wenn er unkritisch ist.
  Der kritische Leser muss sich auf die Suche begeben, selbst recherchieren. Dies beispielsweise zu einer Behauptung Dimdes auf Seite 19: "Könnten die Pyramiden von Gizeh womöglich auf drahtlosem Weg Energie nach On (= Heliopolis, Anm. d. Rezensenten) übertragen haben, die dort von den Obelisken eingefangen wurde? Mit dieser Frage beschäftigen sich auch diejenigen, die zu erforschen versuchen, warum die Ägypter ursprünglich keinerlei Soldaten zum Schutze des Landes benötigt hatten. Erst etwa ab 1500 v. u. Z. fing für die Ägypter eine Zeit kriegerischer Verwicklungen an. Möglicherweise, so wird spekuliert, waren sie durch ein "System" geschützt, das die Sinne ihrer Feinde verwirrte."
 Zunächst bleibt unklar: Wer beschäftigt sich mit "dieser Frage"? Wer spekuliert? Schlußendlich ist die Behauptung Dimdes über die Soldaten Ägyptens unsusbstantiiert und falsch, sie dient wohl lediglich der Legitimierung seiner These von der 4. Pyramide.
  Jeder, der sich mit dem alten Ägypten genauer befasst, wird merken, dass es bereits im Alten Reich Kriege gab, dass es aus dem Mittleren Reich eine Grabbeigabe gibt, die sowohl ein Trupp nubischer Bogenschützen als auch einen Trupp schwerbewaffneter Fussoldaten zeigt. Schließlich waren einige Pharaonen des mittleren Reichs bekannt für ihre Eroberungszüge. Die Geschichte der altägyptischen Armee beginnt nicht erst mit Ahmose und der Vertreibung der Hyksos zu Beginn des Neuen Reiches. Wer solche Behauptungen aufstellt, wie Dimde es tut, der ignoriert nicht nur vorhandenes Wissen, der stellt einen Sachverhalt falsch dar und schafft Falschwissen.
  Ebenso falsch ist es, wenn Dimde in seinem Prolog auf S. 9 über Sultan Hassan schreibt: "Es liegt schließlich auf der Hand, dass besagter Sultan sehr genau über die Pyramiden Ägyptens und deren Geheimnisse Bescheid gewusst haben muss (...)." Wer sich kritisch mit den alten Legenden über die Pyramiden auseinandersetzt, seien es die von Al-Makrizi oder Herodot (beide werden von Pseudowissenschaftlern gerne verwendet), wird feststellen, dass diese Leute über die wahre Natur der Pyramiden rätselten, wobei Herodot freilich noch mehr wußte als Al-Makrizi - dazwischen liegen der Brand der Bibliothek von Alexandria, die Wirren der Völkerwanderung und die Islamisierung Ägyptens. Al-Makrizi hat hübsche Legenden über die Pyramiden geschrieben – aber einen archäologischen Wert haben sie nicht.
  Weitere Beispiele für Dimdes unbelegte Behauptungen - S. 10: "Am Anfang meiner Recherchen, im Jahr 1969, stand die Begegnung mit einem alten britischen Ägyptologen in Kairo, der auch unter dem Regime von Abd el-Nasser bei "seinen Pyramiden" ausharrte." Wer? I.E.S. Edwards? Der Leser rätselt. S. 22: "Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass man seit langem fieberhaft nach dieser geheimnisvollen Technik sucht, die den ersten, wahren Pharaonen zur Verfügung stand." Welche Quelle? Soll der Hinweis auf "zuverlässig" etwa für die Glaubwürdigkeit sprechen? Das reicht wohl kaum.
  Diese "Methodik" zieht sich durch das Buch wie ein roter Faden. Die Behauptungen Dimdes haben daher keinerlei Wert, können allenfalls solche Leser begeistern, die ohnehin alles unkritisch akzeptieren, was ihnen vorgesetzt wird. Hinzu kommt die für diese Bücher übliche Wissenschaftsfeindlichkeit, wie ein Beispiel von S. 14 zeigt – ein Baustein in Dimdes These der 4. Pyramide: "Im ersten Teil dieses unkonventionellen Ägyptenbuchs möchte ich Ihnen zeigen, dass es schon seit langem Belege gibt, die für die einstige Existenz einer vierten großen Pyramide auf dem Plateau von Gizeh sprechen. Abbildung 1 zeigt als Ausschnitt die Bemalung einer Vase, die auf zirka 5000 v. u. Z. datiert wird. Üblicherweise wird diese Zeit als vorägyptische Epoche angesehen, in der es noch keine Pyramiden gegeben haben soll. Daher stellt die herkömmliche Ägyptologie das Alter der Vase in Frage – denn was nicht sein darf, muss nun mal geleugnet werden." Die Abbildung auf der Vase zeigt vier Pyramiden. Doch fragt sich der - kritische - Leser: Ist diese Vase ägyptischen Ursprungs? Ist sie wirklich 7000 Jahre alt? Wer behauptet das - außer Dimde natürlich?
  Derart kritischen Nachfragen wird dem aus pseudowissenschaftlichen Büchern allseits bekannten Satz "Denn was nicht sein darf, muss nun mal geleugnet werden." Diesen Satz kennt man von E.v. Däniken ebenso wie von H.J. Zillmer und anderen Autoren des peudowissenschaftlichen Spektrums. Er soll dem Leser suggerieren: Die Wissenschaft ist borniert, verkrustet, hängt am liebgewonnenen Theoriengebäude und akzeptiert unkonventionelle Deutungen durch Außenseiter nicht. Eine Behauptung, die falscher nicht sein kann.
  Im Ergebnis kann das Buch dem, der wirklichen Erkenntnisgewinn über das alte Ägypten und seine faszinierende Kultur sucht, nicht empfohlen werden, denn Dimdes Behauptungen widersprechen nicht nur den Erkenntnissen der - durchaus offenen - Ägtyptologie, sie stehen mangels Quellenangaben auch im luftleeren Raum.

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