Hauptseite
Rezensionen
Autoren
Themen
Reportagen
Meldungen
Links
Kontakt
Newsletter
Gabriel Garcia Marquez
Die Erzählungen

dtv
350 Seiten
DM 16,90


Von Darko Spoljar am 15.08.1999

  Gabriel Garcia Marquez ist zwar durch seine großen Werke wie "100 Jahre Einsamkeit" und "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" bekannt geworden, doch dass der große Autor auch in Kurzgeschichten bestens bewandert ist, zeigt dieses Erzählband, welches mindestens genauso lesenswert ist, wie seine Romane. Wenn man schon einiges von Marquez gelesen hat, weiß man, dass des Autors Lieblingsthematik - neben der Vergänglichkeit und der Liebe - der Tod ist (was natürlich alles miteinander verwoben ist), mit welchem sich der Autor stets auf viele verschiedene Weisen beschäftigt.
  Auch dieses Band hat - nicht ausschließlich, jedoch fast immer - den Tod als Kern, oder berührt diesen zumindest peripher. Das Geniale an Marquez aber ist, dass seine Geschichten, auch wenn es eigentlich (und das "eigentlich" sollte hier mit Vorsicht betont werden) immer um dieselben Themen geht, sich in ihren Variationen völlig unterscheiden. Auch schert sich Marquez nicht um die Realität, seine Erzählungen verlassen die Realität sehr oft, so dass der Surrealismus die überhand nimmt und letztenendes nur noch Allegorien und Symbole der Schlüssel der Geschichten sind.
 
  Doch nun zu einigen Stücken dieses Erzählbandes. Den größten Teil (mit ca. 60 Seiten) nimmt die geniale Prosa "Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Erendira und ihrer herzlosen Großmutter" ein, in welcher es darum geht, dass die 14-jährige Erendira das Haus der Großmutter (ohne böse Absicht) in Brand steckt, und da das Mädchen kein Geld hat, um der alten Dame jenes versengte Haus zu ersetzen, muss das Mädchen mit unzähligen Männern schlafen, die allesamt dafür bezahlen. Doch eines Tages taucht ein Jüngling auf, der sich in Erendira verliebt und sie von ihrem Leid erlösen will, jedoch hat er nicht so viel Geld, wie von der Großmutter verlangt, so dass er sich entschließt sie umzubringen, was zunächst einmal mißlingt. So wird der Alten eine dicke Torte gebacken - vollgestopft mit soviel Rattengift, dass eine ganze Armee davon draufgehen könnte - doch stattdessen überlebt sie diesen Tötungsversuch und fühlt sich prächtiger als je zuvor, einziger Nachteil: Ihr fallen die Haare alle aus, so dass sie eine Perücke tragen muss. Auch die explodierende Bombe - versteckt im Klavier, auf jenem die Großmutter immer spielt - überlebt die unverwüstliche Alte, lediglich ihr Gesicht und ihre Perücke sind versengt. Wie es schließlich endet, und wie es zum grünen Blut der Großmutter kommt, wird hier nicht verraten.
  In dieser Geschichte zeigt sich die Irrwitzigkeit Marquez' sehr deutlich. Wenn so viele Männer mit der armen Erendira schlafen wollen, dass draußen Zelte und ganze Lager aufgeschlagen werden müssen, Taschenspieler, Gaukler und Jahrmarktstände auftauchen, ist dies maßlos übertrieben, doch gerade in dieser Überspitzung der Geschichten zeigt sich des Mannes Genialität (Wer kommt schon darauf?!?) und es bereitet einem ein höchstes Maß an Lesevergnügen, und wenn er die Unmenschlichkeit der Großmutter mit ihrem grünen Blut als Symbol einsetzt, so zeigt uns Marquez wieder einmal, dass seine Geschichten - wie eben schon erwähnt - auf den Realismus spucken, und es ihm nur um die Aussage geht, auch wenn er mit seinen Allegorien Grenzen sprengt, so verlassen sie nur das Herkömmliche, jedoch nie ohne Sinn und immer in einem Bezug zu dieser oder jener Thematik.
 
  In der Geschichte "Die Frau, die um sechs kam" zeigt der ansonsten in seinen Geschichten eher mit Dialogen sparende Marquez, dass er auch diese Kunst bestens beherrscht (ohne sie aber - das zeigen seine Romane und auch die anderen Prosa - zu brauchen). Jeder Satz in dieser Prosa, ist wohl durchdacht und liest sich kunstvoll, jedoch immer leicht herunter.
 
  In "Die dritte Entsagung" - eine meiner Lieblingsgeschichten dieses Bandes - zeigt uns der Autor, wie ein Mensch von junger Kindheit an bis ins Erwachsenenalter in einem Sarg aufwächst, weil er an einer Krankheit leidet, die unheilbar ist (Er kann sich weder bewegen noch sprechen) und der Sarg extra für ihn zu groß geschnitten wurde, damit er in diesen hineinwachsen kann und eben dieses Wachsen dient der Mutter als (fast) einziges Lebenszeichen ihres Sohnes. Was ein Mensch, der nicht sprechen oder sich bewegen kann, denkt, wie er fühlt, zeigt uns diese geniale Kurzgeschichte, für dessen Idee allein man Marquez um die Arme fallen könnte.
 
  Während die meisten Geschichten durchgehend gut zu lesen sind und einem ständig "Oh's" und "Ah's" abgehen, erreicht die eine oder andere Erzählung erst am Schluß diesen Effekt, so z.B. auch "Eva ist in ihrer Katze" wo ein Übergang von einem Körper in einen anderen beschrieben wird, und die Frau dies zuerst gar nicht merkt.
 
  Fantastisch wird's in "Das Meer der verlorenen Zeit", wo Marquez vollkommen die Realität verlässt und u.a. einen Priester zusammen mit seinem Kumpanen in ein versunkenes Dorf hinabtauchen lässt, wo sich Menschen befinden. Auch in dieser Geschichte wählt der Autor behutsam das Thema der Vergänglichkeit.
 
  In "Blacaman der Gute, Wunderverkäufer" stellt Marquez einen Haufen skurriler Figuren wie Wahrsager, die Schlangen um den Hals haben oder er zeigt Extremsituationen, wo ein Mensch gefoltert wird: "Er riss mir die letzten Fetzen vom Leib, wickelte mich in Stacheldraht, rieb mit Salpetersteinen über meine Wunden, legte mich in die Lauge meines eigenen Wassers, hängte mich an den Fußknöcheln auf, um mich in der Sonne zu beizen,..." Wie sich später der gemarterte rächt, übertrifft die obige Folter jedoch um einiges.
 
  Neben dem ganzen ernsten Hintergrund jedoch, verbirgt sich immer wieder wunderschön kranker, aberwitziger oft auch tiefschwarzer Humor, wie in "Nabo. Der Neger, der die Engel warten ließ..." wo ein Neger zwar tot ist, sich aber weigert "nach oben" zu ziehen, weil er erst sein Feuerzeug haben will (!).
 
  Oder in "Der schönste Ertrunkene der Welt" wo ein Toter an Land gespült wird und die Frauen anfangen sich in ihn zu verlieben, und damit beginnen ihm Geschichten zuzuschreiben, die nur aus ihrer Fantasie heraus kommen, was die Männer derart eifersüchtig werden lässt, dass sie ihn loswerden wollen. (!!) Gerade auch in dieser Geschichte macht sich Marquez (wohl mit einigem Augenzwinkern) äußerst lustig über so manche unbegründete Eifersucht und dämlichen Männerstolz.
 
  Nicht alle Geschichten können hier abgeklappert werden, doch bleibt als Fazit Folgendes zu sagen. Es gibt keine einzige schlechte Geschichte, höchstens 2 oder 3 mittelmäßige, der Rest bewegt sich von Gut bis Genial, was letztendlich dazu führt, dieses Erzählband nur wärmstens zu empfehlen. Für Marquez-Fans sowieso, für jene, die es werden wollen, natürlich auch. (Nur wird man nicht so den Spaß haben, wenn man die anderen Bücher nicht kennt, denn immer wieder tauchen Charaktere aus anderen Novellen oder Romanen auf, wie z.B. der unzerstörbare Oberst Aureliano Buendia aus "100 Jahre Einsamkeit").
  Die Sprache ist - wie von Marquez nicht anders gewohnt - höchst kunstvoll und poetisch, jedoch nie verschroben snobistisch, und wenn es in seinen Prosastücken mal wieder eine Überschwemmung gibt, und die Krebse wieder einmal in jeder Wohnung herumkrabbeln, serviert uns der Autor sein Land nicht auf penetrante Weise, sondern "so ganz nebenbei" und es bereitet einem - durchgehend - großes Vergnügen, dieses Land kennenzulernen, jedoch auch diesen großen Autor, der einem die Magie des Buches ständig vor Augen zu führen vermag.

Das Copyright © liegt beim jeweiligen Autor der Kritik. Ohne seine ausdrückliche Zustimmung darf seine Rezension nicht verwendet werden.

Wenn Sie zu diesem Buch auch eine Kritik schreiben wollen, senden Sie diese bitte per eMail. Diese Mail geht an den Betreiber dieser Seite!
Mails an den Autor der Kritik sind nur möglich, wenn dessen Name ein Link ist. Mit dem Link gelangen Sie zum Portrait des Rezensenten, wo meist auch seine eMail-Adresse zu finden ist. Andernfalls ist keine Kontaktaufnahme erwünscht oder möglich.