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Marie-Sissi Labrèche
Borderline

2002


Von Volker Frick am 14.03.2002

  Ein Roman betitelt “Borderline”, dessen Protagonistin den Namen der kanadischen Autorin trägt. Also ein Roman mit durchaus autobiographischen Bezügen. Ein wütender Roman der Angst nebst Pro- und Epilog, und dazwischen neun kurze Kapitel, mit jeweils einem vorangestellten Zitat von Literaten (Marguerite Duras, Howard Buten) oder Musikern (Sylph, Radiohead, und natürlich Tori Amos), die nun eher die eigene Kindheit beleuchten in aller Grausamkeit, weniger jedoch deren Auswirkung darzustellen vermögen. Diese Persönlichkeitsstörung tritt im frühen Erwachsenenalter zutage, und sie ist im Zunehmen begriffen. Die Protagonistin Sissi streckt die Beine in den Himmel. Sie lässt sich ficken, die Leere aufzufüllen. Sie will geliebt werden, oder zumindest das Gefühl haben gebraucht zu werden. Sie will überhaupt etwas fühlen, und sei es Schmerz, der ihr zeigt, das sie lebt. Es braucht sie nur jmd mit Hundeblick anzuschauen. Ihre Mutter depressiv abwesend, ihre Großmutter grenzenlos gefühllos und intrigant. Nichts woran Kind sich halten könnte und doch muss. Emotionaler Mißbrauch klingt an, und ein Konzept von Bindung, wo Nähe in Wut und Ekel umschlägt, dann wiederum in die Angst allein zu sein. Das Empfinden der Fragmentarisierung. Ein paar Gläser Rotwein, und dann geht der Sex, ist er gerade ertragbar. Dann Wut, sie zerschlägt Spiegel. Blut an den Glasscherben auf dem Boden in denen sie sich stückweis’ sieht. Auch Schaufenster reichen qua Blick zum Existenznachweis. Saffie ist die erste Frau mit der Sissi schläft, in einem Hotelzimmer, doch da geschieht es : “Ich habe ein kleines blondes Mädchen durch das Hotelzimmer gehen sehen.” In projektiver Identifizierung konstatiert Sissi “Mir fehlt was. Ihr fehlt auch was.”
  Zwei Kapiteln vorweg sind Originalzitate aus der amerikanischen DSM-IV [Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders] gestellt, deren Übersetzung ich hier nachtragen möchte: “Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten, sowie von deutlicher Impulsivität. Sie beginnt im frühen Erwachsenenalter und zeigt sich in verschiedenen Situationen.”(Kap. 5) und “Menschen mit einer Borderline Persönlichkeitsstörung bemühen sich verzweifelt, tatsächliches oder erwartetes Verlassenwerden zu vermeiden. Die Wahrnehmung drohender Trennung oder Zurückweisung oder der Verlust äußerer Struktur kann zu grundlegenden Veränderungen des Selbstbildes, der Affekte, des Denkens und des Verhaltens führen.”(Kap. 7) Letzteres ist eines von insgesamt neun diagnostischen Kriterien für diese Persönlichkeitsstörung. Dann bringt sich die Mutter zu Tode und die Großmutter stirbt.
  Diesem Buch ist durchaus Respekt zu zollen, weniger durch die Befriedigung des allerorten und -zeiten grassierenden voyeuristischen Interesses, als vielmehr dem literarischen Versuch der Darstellung. Ein Roman, eine Erzählung, der und die sich nicht überhebt, durchaus einfängt, sich darob im Kreise dreht, und die Frage bleibt tatsächlich, kann man denn alles erzählen? Der Versuch war es wert, womit nichts anderes gemeint ist denn: dieses Buch ist gelungen. Und, psychische Störungen sind längst in die Literatur eingesickert... Aber, nach all der Faction, dem Porno-Style, ist es Zeit diesem PsyChic das Wort zu reden.
  DSM-IV: “Ab dem 30. oder 40. Lebensjahr erlangt die Mehrzahl der Personen mit dieser Störung eine größere Stabilität in ihren Beziehungen und beruflichen Funktionen.” Marie-Sissi Labrèche ist Jahrgang 1969, und sie schreibt auch schon mal über Literatinnen und Musikerinnen.

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