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textdiebe – die erste Anthologie
24 Tracks angehender Autoren, gesammelt aus dem Netz

2000
131 Seiten


Von Volker Frick am 13.02.2002

  Die teXtdiebe. Welch‘ komischer Name. Aber sprechend. Sagt was ist. Ist eine Internet-Seite. Literatur und so. Und so ist Auftritt. Ach ja: und Geld, vielleicht auch. Also erschien die erste Anthologie mit Texten von Autoren und Autorinnen, die sich in die cyberWelt der teXtdiebe eingeklinkt und Spuren, Zeichen, schlicht Worte hinterlassen haben, als BOD, als book on demand. Und “da die Geschmäcker bekannlich verschieden sind, sind das auch die Geschichten und Gedichte unserer Autoren”, so vorab bemerkt, und tatsächlich besticht diese Auswahl durch ihre Zusammenstellung. Gegen die Geschichte “Waschpulverschwanz” von Mone Hartmann ist natürlich nichts einzuwenden, obwohl, Frauen sind natürlich unterrepräsentiert (ein einfacher Abzählreim). Drei Gedichte von Marjana Gaponenko. “Der Stier” von Ariadne von Schirach kommt frisch und leicht daher, nur mal ebenso nebenbei aus der Welt geschaffen. Wie auch die Geschichte von Sina Lehnert, deren Titel allein schon jede Winterdepression, falls es so etwas gibt, hinwegfegt: “Ulta Violent Sun Block”. Aber ist das alles Literatur? Ich meine nicht, obwohl, und das ist dann wirklich herauszustellen, eine nicht unerkleckliche Zahl von Texten in dieser ersten Anthologie der teXtdiebe sich einschreibt auf ein Niveau sprachlicher Bewußtheit, welches sich abhebt von dem Großteil des Textes jener Menschen, die mit Entdeckung des Internet [seit vielen Jahrzehnten existent] sich erinnern, das sie seit dem sechsten Lebensjahr schreiben können, und dies auch tun. Was Interessierte u.a. dann auch bestschlimmstenfalls auf den virtuellen Seiten der teXtdiebe sich vor Augen führen können mittels 455 Texten von 160 Autorinnen und Autoren [Stand: 12.02.2002], wobei klar ist: auch hier durchaus Erfreuliches.
  Zurück zum Buch. Wenn also eine Anzahl der Texte – in der Regel kurze Geschichten, immerhin sind in diesem Band 24 Beiträge, sogenannte tracks, aus dem Netz auf’s Papier gesetzt – durchaus ansprechend daherkommt, so bleibt doch die Frage, ob dies alles Literatur sei, virulent, denn bei aller Gekonntheit des Schreibens hie und da [des Lebens Handwerk], ist doch leider grundsätzlich die Verhaftung des Subjekts, jenseits des Individuums, in der eigenen Biographik unüberlesbar. Und das interessiert mich nicht. Denn alle große Literatur ist das Erzählen des Leidens, des selbst erlittenen, des erfahrenen, des immer wiederkehrenden Leidens. Dostojevskij, Kafka, Beckett. Vielleicht ein zu buddhistischer Ansatz von Kritik. Aber Namen sind Schall und Rauch. Und Sie wollen neue Namen. Bitte gerne. Die Idee Adam und Eva als Zeitreisende, eher: Gefangene in einer Zeitschleife, als “Time Soldiers” durch seine Geschichte zu schicken, stammt von Paul Frühauf und überzeugt trotz der überbordenden Phantasie, oder gar ob ihr, nicht. Die Geschichte “Der Eindringling” von Heiko Paulheim trägt ja schon einen spielerischen Titel, und man weiss am Schluß nicht, welches Gespenst der Vergangenheit durch die Protagonistin die Kugel sich einfängt. “Mit dem Tageslicht verging auch die Einsamkeit”, so beginnt diese Geschichte, und ihr vorletzter Satz “Mit dem Tageslicht kehrte auch die Einsamkeit zurück” klärt die Lektüre und das, was da geschehen ist: Das ist nur im Kopf so. “Aus der Kurve” ist der Titel der Geschichte von Frank Fischer, eine Geschichte, in der einfach nur jemand neben sich steht.
  In der Geschichte “Ausgangsskizze” wird ein Ende beschrieben, wie es trauriger nicht sein könnte. Die Trauer des Endes, skizziert mit hervorstechenden Schnitttechnik in einer gewaltigen Sprache, die an eine Kategorie wie psychischen Masochismus gemahnt. Ultra violent und nur im Kopf so. Der Ausgang ist offen. Ein Duft von Zärtlichkeit atmet hinter der Misogynie. Der Name des Autors ist Florian Brugger.
 Eine Anmerkung: Im Zeitalter der Schreibmaschine waren Tippfehler lästig, häut‘! Zu Tage! sind sie unverstehbar. Eine weitere Anmerkung: “Schall und Rauch” ist der Titel der angekündigten zweiten Anthologie der teXtdiebe. Sie wird wahrscheinlich ebenso untergehen wie diese erste Anthologie. Warum? Niemand wird in einer Buchhandlung über dieses Buch stolpern und es dann in die Hand nehmen können. Da bliebe dann nur die Möglichkeit der Werbung. Coup geglückt!

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