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William S. Burroughs
Last Words

Last Words
2001
Übersetzt von Pociao und Walter Hartmann
326 Seiten


Von Volker Frick am 21.01.2002

  Letzte Worte von Lebenden, die dann Tote sind. Vielleicht Tote, deren letzte Knochen dann berühmte letzte Worte sind, und sie jeder kennt. Letzte Worte von Anbeginn. Der Logos tritt in Dein Leben ein, verfolgt Dich ein, dein Leben lang, und Du erkennst, die Worte sind die Waffen, und die Waffen müssen weg. William S. Burroughs II. war nach Timothy Leary der erste Textverarbeiter – zu einer Zeit, da es dieses Wort noch gar nicht gab. Er zerschnitt Texte, war junkie, unterwegs auf diesem Planeten, auf der Suche nach Zeichen einer intelligenten Spezies. Zeitlebens hat er sie nicht gefunden. Humanoider Schneematsch. Weiß-graues Bildschirmflirren. Er verachtet den Schelmenroman. Die Wissenschaft auf der Geisterstraße. Comic strips – im Grunde aus buddhistischem Beton. Es gibt nur die Beziehungen der Reisebücher. Sein Interesse ist ersehnte Vorstellung. Der Roman über die Straße hält seine Mühen klein. Hier drin ist alles weiß von Halbwüchsigen, dunkel erinnernd Schändung und Sucht. Das Interesse des Schriftstellers an allem anderen. Die geisterhafte Ejakulation des Steines; was folgte war Krieg, Privatkapital der kalten Unbewegten im systematischen Sprachraum. Er scheint im Gegensatz zu stehen zu den Erfindern der Amtsorgane. Experienced Fiction. Langer Zug zerbrechlicher Halluzinogene. Entfleischte Schlitze im genialen Denken in Bildern. Vielleicht ist es möglich das Wort zu benutzen. Jasper Johns hat gearbeitet. Galgengetriebenes Amerika. Die Wucht der stählernen Rede, gedacht und als Vorwand benutzt. Zeitreise, begierig auf irgendeinen Planeten. Bilder liefern, die die Stille abweisen. Eine Art Erzveredelung im Schottenpulli – aus den angestrichenen Tonnen Abraum torkelt ein Ex-Junkie aus den urchristlichen Stadtstaaten und schwenkt im einzigen Fenster eine sechsseitige Broschüre politischer Ansichten der Substanz des Dichters, den man im Jackett zu sehen wünscht. Die Vormacht aus Milchglas läßt den Affen heraus.
  Mythisches Datum, an dem die Zeit begann. Die eisige Stimme einer dürren Rocksängerin. Eine dünne bläuliche Spur liegt in der Luft. Hirn entleert nächtliche Himmel. Sätze sind Einwohner.
  Burroughs noch einmal zu Wort kommen lassen (aus ‚Ghost of Chance‘): ”Alles geht dahin, um Platz zu machen für immer degenerierteres menschliches Vieh, mit ständig abnehmenden wilden Lebensfunken, der unschätzbaren Zutat – Energie zu Materie. Eine ausgedehnte Schlammlawine seelenlosen Schlicks.” Notizen, die über diesen Planeten hinausblicken. Auf die erste Epidemie folgte unbewegt die zweite. Flüchtige Bilder in einer überaus bewußten Handschrift. Verschlossene Türen, die in der Gegenwart versagen. Attraktionen kräuseln sich um Fakten. Zufällige Geräusche von Gänsefüßchen. Erzählung derer, die aus dem Nichts hervortaten, imposant gemeißelt wie Städte in der Wüste. Was herrlich ist, ist kein Säugetier. Die Jungen auf den viktorianischen Bürgersteigen. Vogelhaft die Finger im Rauch, ledig während des ungeheuren Frierens, mit anderen körperlosen Künstlern der komplizierte Hinweis auf die Verwirrung, das die verfallende Stadt Kunstwerk sein kann. Humpelnde Bettler, die durch die Zeit eilen und Weinflaschen an der Wand zerschlagen. Ich lege die Hand an Metallfässer der Elendbemalten. Das Traumklinikum von der Straße aus aus dem Wagenfenster gesehen.
  Sehr spät nachts. Während des REM-Schlafes ist der Zielort seiner Erektion üppige Wärme. Die exotische Malaise Amerikas, muntere Paarungen der Heterosexuellen, explosive Pfarrer mit erhobenen Händen. Was kein anderer Liebe nennt. Sein komischer Großvater auf der imaginären Kanzel über die sexuellen Beziehungen eines reisenden Methodisten. Steinschlag. Auf der Straße gibt es vier Erkenntnisse. Wahllose Montage in Abschnitten. Gedankenfadheit. Der kalte Krieg auf allen Gesprächsebenen. Vage verbale Erzählungen aus dem Rußland eines eschatologischen Jahrhunderts. Großartige Künstler in Aix-en-Provence monopolisieren das experimentelle Schreiben. Mit einem Zwinkern fügen sich Fragmente zu lesbaren Texten. Schriftsteller werden durch die apokalyptische Gewalt der Nachrichten vernichtet. Bill ist noch nie irgendwo hineingekommen und hat gesagt, wer er ist. Bill now, pay later, denn am Ende der Western Lands schallt uns entgegen: “Der alte Schriftsteller konnte nichts mehr schreiben, denn er hatte das Ende aller Worte erreicht, das Ende dessen, was sich mit Worten sagen lässt. Und dann?... Die Parade Bar in Tanger war geschlossen. Schatten der Dämmerung senken sich auf den Berg. Beeilung bitte. Wir schließen.”
  Letzte Worte von Lebenden, die dann Tote sind. Lonesome Cowboy Bill.

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