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Umberto Eco
Baudolino
(Baudolino, 2000)

dtv
2004
Übersetzt von Burkhart Kroeber
632 Seiten
€ 12,50


Von Oliver Wältermann am 29.12.2001

 EIN MÜNCHHAUSEN DES MITTELALTERS
 
  Historische Romane scheinen ja wieder Konjunktur zu haben, und so hatte sich nun auch einer der „Altmeister“ dieses Genres wieder zu Wort gemeldet: Umberto Eco. Sein neuer Roman ist diesmal im Hohen Mittelalter angelegt, genauer in der Zeit von etwa 1150 bis 1204 A.D. Es scheint dabei, als habe Eco den am Ende dieses Jahres stattgefundenen Fantasy-Boom vorausgesehen, denn er hat, gleichsam als Vorwegnahme desselben, einen Roman geschrieben, in dem er die direkten Vorbilder und Inspirationen der Fantasy-Literatur, also Gestalten und Begebenheiten aus Fabeln, Legenden, Märchen und Sagen, aufleben lässt. Gerade das Mittelalter ist ja nun für seinen reichhaltigen Schatz an alten und neu geschaffenen Legenden berühmt und berüchtigt. Wir alle kennen noch aus dem Geschichtsunterricht die Legendenbildungen, um die Pilger und Ritter auf den Kreuzfahrten bei Laune zu halten. Sank die Moral, berief man sich auf eine mysteriöse Legende. Oft musste auch ein Zeichen, möglichst eine Reliquie her. Religiöse Symbolik und christliche Mythen als Maßnahme zur Motivation, gleichsam als Public Relation (PR) der „gerechten Sache“. Und es muss Menschen gegeben haben, die alte Sagen und den Glauben genutzt haben, um falsche Zeugnisse zu erfinden, damit sie so Einfluss auf den Gang der Geschichte nehmen konnten. Aber was waren das für Menschen? Wie habe sie ihr Handeln gerechtfertigt? Umberto Eco stellt uns in seinem neuen Roman die Lebensgeschichte eines solchen Menschen vor: sein Name ist Baudolino.
  Dieser Baudolino erzählt einem Griechen namens Kyrios Niketas seine Lebensgeschichte. Niketas, seines Zeichens Chronist im byzantinischen Reich, wurde von Baudolino aus den Fängen marodierender Kreuzfahrer gerettet. Denn wir befinden uns mitten in den Wirren des 4. Kreuzzuges. Byzanz im Jahre des Herrn 1204. Wie Baudolino hierher gelangt ist, wissen wir noch nicht, erfahren dies erst im späteren Verlauf des Romans. Wir dürfen aber darauf gespannt sein, denn es ist eine äußerst phantastische Art und Weise. Doch hat Baudolino einige Schwierigkeiten, sich an die Geschehnisse seines Lebens zu erinnern. So erzählt er dem Kyrios Niketas seine Geschichte, damit dieser ihm durch Zuhören helfe, seine Lebenserinnerungen zu ordnen. So beginnt Baudolino also zu erzählen, und dabei tischt er Niketas und uns Lesern gar phantastische Abenteuer und auch schöne (Liebes-) Geschichten auf. Abenteuer und Geschichten, die uns nicht selten anrühren oder köstlichst amüsieren. Aber Baudolino ist, wie wir noch sehen werden, ein Lügner. Ob wir ihm also glauben können? Wir mögen da unsere Zweifel haben!
  Er berichtet also, wie er als Sohn eines einfachen Bauern in Oberitalien aufwuchs, bei einem Eremiten das Lesen erlernte und wie er bemerkte, dass er sich fremde Sprachen durch reines Zuhören im Nu aneignen konnte. 1154 nächtigt ein alemannischer Ritter im Hause des Vaters. Diesem Ritter verhilft Baudolino mit einer eher unfreiwillig ausgeführten Lüge zu einem wichtigen Sieg. Baudolino täuscht nämlich dem Ritter und seinem Heer eine Vision vor, welche die Männer so siegessicher werden lässt, dass sie eine wichtige Schlacht gewinnen. Der Junge hat auf den Ritter einen so intelligenten Eindruck gemacht, dass er ihn, mit Einverständnis der Eltern, adoptiert. Dieser Ritter ist kein geringerer als Friedrich I., genannt Barbarossa, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Baudolino ist nun also nun Adoptivsohn des Kaisers. Der Junge bemerkt damit schon früh, dass er mit seinen Lügen oftmals anderen Menschen (und sich selbst) helfen kann. Das wird sich wiederholen, ja sogar zur Gewohnheit. Es kündigt sich also ein klassischer Schelmenroman an. Baudolino wird auf diese Weise sozusagen zum „PR-Fachmann“ des Mittelalters, der sogar zuweilen zugibt, dass er sich häufig selbst belügt. Dies nutzt Eco, um Seitenhiebe gegen die moderne Mediengesellschaft auszuteilen. Man denke dabei nur an Ecos Auseinandersetzungen mit Berlusconi, die er während des italienischen Wahlkampfes geführt hatte.
  Dabei ist es aber auch ganz lustig zu erfahren, welche historischen Tatsachen und Legenden hier auf Baudolino zurückgeführt werden. So ist er z.B. dafür verantwortlich, dass Karl der Große heiliggesprochen wird und dass die Gebeine der Hl. drei Könige gefunden werden. Doch wird dies auch irgendwann einmal langweilig und wirkt langatmig, länglich und zu sehr ausschweifend. Wobei es sicherlich problematisch ist, dass man als „normaler“ Leser nicht immer weiß, ob und wann Eco auf tatsächliche mittelalterliche Legenden, auch auf Werke der Weltliteratur oder sogar faktische, historisch gesicherte Tatsachen anspielt, um diese zu verfremden oder ironisch zu persiflieren. Es könnte also sein, dass es Lesern mit entsprechenden Kenntnissen nicht langatmig, sondern höchst amüsant erscheint, dass nur wir die Anspielungen nicht begreifen, weswegen uns da einfach der Genuss und das Amüsement entgeht. Vielleicht stuft uns Eco ja doch als gescheiter, bzw. gebildeter ein, als wir tatsächlich sind.
  Aber zurück zur Geschichte des Buches. Baudolino wird, als Adoptivsohn des Kaisers, auf den Dienst eines Ministerialen vorbereitet (eine Vorform des Beamtentums, in welches Unfreie berufen und auch zum Ritter ernannt werden konnten). Er bekommt also eine solide Ausbildung und wird zum Studium nach Paris geschickt. Hier trifft er auch seine Freunde, die uns durch den Rest des Buches begleiten werden. Denn dieser Roman ist auch eine Geschichte von Freundschaft und vom Zerbrechen derselben. Von Vertrauen und Misstrauen.
  In seiner Studienzeit ersinnt Baudolino, zusammen mit diesen Freunden, auch einen Brief des sagenumwobenen Priesters Johannes, der ein christliches Reich im Osten haben soll. Diese Legende um das Reich des Priesters Johannes, die eng mit der Sage um den Heiligen Gral (oder Gradal) verknüpft ist, bildet den roten Faden, der sich durch den weiteren Verlauf des Romans zieht. Denn der Priester Johannes mit seinem sagenhaften Reich, ist sozusagen die größte „PR-Ente“ und zugleich eine der großen Utopien des Mittelalters. Aber auch Baudolino wird dieser Utopie verfallen. Er wird tatsächlich eine große Reise unternehmen, um das sagenumwobene Reich des Priesters zu finden. Denn Baudolino wird uns als im tiefsten Herzen aufrichtig geschildert. Vielleicht sogar als einzigen Aufrichtigen des gesamten Buches. Nach seiner Auffassung schmückt er Dinge, die er für richtig oder wichtig hält, eben „nur“ etwas aus, um so einer gerechten Sache zu dienen. Allerdings setzte der Glaube in Baudolinos Aufrichtigkeit voraus, dass wir dem Erzähler mehr glauben könnten als Baudolino. Und auch da kommen Zweifel auf!
  Natürlich lässt es sich Eco auch in diesem Roman nicht nehmen, immer wieder seine Lieblingsthemen zur Sprache zu bringen. So wird die Erzählung regelmäßig angehalten, damit die Protagonisten viel über Philosophie, Religion, Religiosität und deren Auswüchse und Seltsamkeiten, sowie über Gott und Heilige sprechen und nicht selten diskutieren können. Genauso wie über die Rätsel, welche die Gelehrten und Studiosi im Mittelalter beschäftigten. Dabei lässt Eco unterschwellig oder subtil immer wieder seine kritische Haltung durchblicken. Und wieder einmal zeigt er uns, dass auch diejenigen, welche einen Glauben an sich ablehnen, ja, sich sogar von ihm zu befreien suchen, doch selbst wieder Glauben und diesen Glauben auch verteidigen.
  Oft beschreibt Eco die Geschehnisse des Romans in gewohnt geschliffener und bildhafter, im wahrsten Sinn des Wortes beschreibender Sprache. Jedoch wird dies (leider) recht häufig durch Umgangssprache durchbrochen, denn schließlich stehen diesmal sog. „einfache“ Menschen im Blickpunkt, die eben eine andere Sprache benutzen, als hoch-gebildete Mönche. Somit geht es zuweilen also auch sprachlich recht derb zu.
  Bei allen geschilderten Begebenheiten des Romans, wird die eigentlich zu erwartende Ich-Perspektive, die sich hier aber auf kurze Episoden der wörtlichen Rede an Kyrios Niketas beschränken, zugunsten längerer Episoden in der auktorialen und perspektivischen Erzählhaltung aufgegeben, die mit Dialogen zwischen den Figuren angereichert wird, was dem Ganzen dann doch einen abwechslungsreichen Rhythmus gibt, der merkliche Längen zumindest etwas abmildert.
  Die Romanhandlung schreitet voran, und die Jahre gehen dahin. So jedenfalls fährt Baudolino fort, über sich, seine Liebe, sein Leben und sein Leiden zu fabulieren. Er schildert uns Ränke und Intrigen, Kriege und Schlachten. Baudolino greift in diese nicht selten mit aberwitzigen Ideen, Tricks und Lügen ein.
  Es kommt dann der Moment, den wir noch aus den Geschichtsbüchern kennen. Friedrich Barbarossa bricht in den 3. Kreuzzug auf. Und er wird auf dem Wege dorthin in einem Fluss ertrinken. So die Geschichtsbücher. Baudolino behauptet jedoch, der Kaiser sei auf mysteriöse Weise vergiftet worden. Wer aber nun glaubt (oder hofft) es käme so doch noch zu einem Remake des „Namens der Rose“, es drehe sich nun also alles um die Aufklärung dieser mysteriösen Tat, der irrt. Zwar wird sich diese Begebenheit aufklären, jedoch nicht so spektakulär wie im „Namen der Rose“, dennoch mit gewissen Überraschungseffekten, also alles durchaus theatralisch inszeniert, in der für Eco üblichen Art, erst Verwirrung zu stiften, Ablenkungsmanöver zu starten und dann die so aufgebaute „Seifenblase“ ... nein, eben nicht zerplatzen zu lassen, sondern die Luft langsam, nach und nach, herauszulassen.
  Bevor es aber dazu kommt, machen sich Baudolino und seine Freunde zunächst nach Friedrichs Tod auf, um das Reich des Priesters Johannes zu finden, und so geht Baudolino also mit seinen Freunden auf eine (im wahrsten Sinne des Wortes) phantastische Abenteuerreise. Eco führt uns über orientalische Märkte und Basare und schließlich in ein märchenhaftes Reich im Osten, wo wir seltsamsten Fabelwesen begegnen. Der Aufenthalt hier wird einige Jahre dauern, es wird viel geschehen und auch die Rückreise wird, wie ja schon angedeutet, äußerst abenteuerlich werden. Doch bis dahin ist es ein oft länglicher Weg durch den Fortgang der Romanhandlung.
  Haben wir dies dann (endlich) hinter uns gelassen, ist Baudolino durch das Erzählen einiges klargeworden. Es kommt sogar dazu, dass er dann tatsächlich einmal die Wahrheit spricht, doch wird er daraufhin beinahe gesteinigt. Noch etwas Ironie zum Ende des Buches also.
  Aber können wir Baudolino glauben? Wohl kaum. Und dem Erzähler? Es bleiben Zweifel, denn das Buch endet mit folgendem Ausspruch einer der Romanfiguren: „Früher oder später wird sie [die Geschichte Baudolinos] jemand erzählen, der noch verlogener ist als Baudolino.“ Eine Geschichte, die uns dann über ein fast 600 Seiten dickes Buch begleitet hat. Ein durchaus amüsanter Roman, welcher über weite Strecken gut und flüssig zu lesen ist, der aber insgesamt dennoch keinen Grund zur Euphorie bietet. Er bleibt deutlich hinter Ecos (beiden) großen Erfolgen zurück.

Von Alemanno Partenopeo am 29.08.2006

  „Veramente“ ein Schelmenroman wie er schelmiger nicht sein könnte. Baudolino ist nicht nur ein Lebenskünstler, sondern der persönliche Berater Friedrichs II. und erzählt seine Geschichte vor dem Hintergrund des brennenden Konstantinopel im Jahre 1204. Der Doge Dandolo aus Venedig hatte im vierten Kreuzzug die Stadt niederbrennen lassen und alle Reichtümer der Stadt mit sich gehen lassen, unter anderem auch die vier Bronzepferde, die heute noch die Vorderfront der Basilica San Marco in Venedig schmücken. Aber dazu später. Vorerst gilt es die Geschichte von Friedrich Barbarossa zu erzählen, dem unser Schelm mit Rat und Tat - und nicht ganz ohne Eigennutz – zur Seite steht. „Was immer ich sage ist wahr, weil ich es gesagt habe!“ ist nur eine seiner Lügen, obwohl es sind ja vielmehr Halbwahrheiten, denn lügen würde Baudolino niemals!
  Umberto Eco lässt seinen Romanhelden die süßesten Früchte und Abenteuer des damaligen Orients und Okzidents kosten. Nicht nur dass er sich in die Kaiserin Beatrix, die Frau seines Gebieters, verliebt und ihr einen Kuss abtrotzt, nein, er kostet auch den süßlich grünen Honig seines Freundes Abdul und gebiert prächtige Ideen zur Machterhaltung seines Kaisers. So schreiben sie etwa einen Brief aus dem sagenhaften Reich des Priesters Johannes, der sich mit Barbarossa vereinigen wolle, um die beiden Reiche zu größerem Reichtum zu bringen. Nur dumm, dass auch die Gegner Barbarossas einen weiteren Brief des Priesters Johannes schreiben, der sich an den Basileus von Byzanz richtet. Der Hof ist vor diesen Fälschungen bald nicht mehr sicher und es entsteht eine unheimlich Verwirrung, die sich allein Baudolino zu Nutze machen weiß.
  Auch andere (All-)Gemeinplätze der Geschichte wie die Asassini, die Heiligen Drei Könige, der Heilige Gral oder Sindbad, der Seefahrer werden in diesem Roman von Umberto Eco bemüht und in einer appetitlichen Mischung kredenzt. Sein Abenteurer und lieb gewonnener Schelm lenkt dabei ganz nebenbei die Geschicke der Weltgeschichte und wird nicht müde, seine Geschichten mit einem Touch Wahrheit zu würzen, die sich später doch als versalzene Suppe herausstellen. Es ist dies ein unterhaltsamer, amüsanter Roman und man erfährt - ebenso nebenbei - auch ein paar Fakten über die Weltgeschichte, die für jeden Abendländer interessant sein dürften: nämlich dass der Okzident vom Orient alles klaute, was nicht niet- und nagelfest war, um so seinen eigenen Ruhm zu vergrößern. Hier erzählt Baudolino ausnahmsweise die Wahrheit. Und bleibt doch ein Schelm!

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