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Jan Assmann
Tod und Jenseits im alten Ägypten
(2001)

C. H. Beck Verlag
624 Seiten
DM 78,-


Von Gitta Warnemünde am 30.12.2001

  Der Autor ist Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg. Er leitet seit 1978 ein Forschungsprojekt in Luxor und lehrte als Gastprofessor zum Beispiel in Paris, Yale und Jerusalem. 1998 erhielt er den Preis des Historischen Kollegs, der als deutscher Historikerpreis vergeben wird.
 
  "Ein Meilenstein auf dem Buchmarkt" - so überschreibt ein Freund auf seiner Homepage dieses Werk. Das klingt euphorisch und zeugt von seiner tiefen Verehrung für Assmann, die ich mit ihm und vielen Anderen teile.
 
  Assmann liefert mit seinem Buch eine sehr genaue und detaillierte Analyse der altägyptischen Jenseitsvorstellungen. Man kann beinahe sagen, er seziert sie. Schon der Aufbau des Buches macht deutlich, wie umfassend sich der Autor des Themas angenommen hat. Im ersten Teil beschreibt er den Tod in allen seinen Ausprägungen, wie ihn die Ägypter sahen, erlebten und erwarteten. Ganz deutlich wird herausgearbeitet, dass die landläufige Meinung, für die Ägypter sei der Tod ein eher freudig erwartetes Ereignis gewesen, denn er führe sie hinüber in das ewige Leben, auf einem gründlichen Missverständnis beruht. Ebenso wie alle Menschen von Anbeginn fürchteten sich auch die Ägypter vor dem Tod. Assmann führt dies anhand einen großen Zahl von Beispielen der altägyptischen Literatur und bildlicher Darstellungen deutlich vor Augen und erklärt auf diese Weise die in der Tat zahlreich existierenden vermeintlichen Widersprüche zwischen dem altägyptischen Totenkult und den teilweise angsterfüllten Texten und Liedern, in denen sich die Furcht vor dem Tod ausdrückt. Wiederum zieht er auch Parallelen zu christlichen Vorstellungen vom Tod. Den sündigen Ägypter erwartete zwar keine Höllenglut, aber ein ähnlich schreckliches Schicksal in einer Jenseitswelt, in der die Toten Leiden erdulden und letztendlich vergänglich und einfach nur tot sind.
 
  Um ihre Todesängste zu überwinden oder um überhaupt damit leben zu können, erschufen sich die Ägypter ihren ausgeklügelten Kult des Fortbestehens nach dem Tode. So wurde der Tod denn auch nicht nur als "Zerrissenheit, soziale Isolation und Feind" betrachtet, sondern man wünschte ihn sich auch als "Aufbruch und Übergang" und als "Heimkehr" bis zum ewigen, sorglosen Leben im schönen Jenseits. Um dieses letzte Ziel zu erreichen, unternahmen sie jede Anstrengung und vereinten letztendlich ihren im Laufe der Zeit bis zur Perfektion getriebenen Totenkult untrennbar mit ihrer Kultur, die heute oberflächlich so erscheint, als bestünde sie ausschließlich aus Jenseitsglauben. Triebfeder dafür schien jedoch nichts Anderes zu sein als die jedem menschlichen Wesen anhaftende Angst vor dem Tod und die damit einhergehende Unwissenheit und Ohnmacht.
 
  Assmann beschreibt, erklärt und beweist dieses in seiner Komplexität historisch einzigartige Phänomen detailgenau. Er schärft den Blick für Zusammenhänge, greift Enden auf und führt diese zusammen, ohne dabei den Pfad des Wissenschaftlers zu verlassen.
 
  Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit den Riten des ägyptischen Totenkultes: Grablege, Rechtfertigung, Opferspeisung. Hier wird dem Leser durch überlieferte Rezitationen und Handlungen zugunsten des Toten und Darstellungen des Lebens nach dem Tode zum wiederholten Male deutlich vor Augen geführt, welche geistigen Fähigkeiten nicht nur mit dem Totenkult einhergingen, sondern hinter der Erschaffung der ganzen Kultur gestanden haben müssen. Dieser zweite Teil des Buches lässt sich nicht in einigen wenigen Worten zusammenfassen. Er beinhaltet alle Ansprüche, die die Ägypter an sich selbst und ihre Hinterbliebenen stellten, um den Übergang in das ewige Leben zu bewältigen und das Verweilen sicherzustellen. Auch hier zeigt sich einmal mehr, wie analytisch und kenntnisreich Assmann mit diesem äußerst vielschichtigenen Thema umzugehen weiß und den Leser durch authentische Texte und deren Erläuterung durch die Materie führt.
 
  Assmanns Buch ist sowohl was die Struktur angeht als auch vom Inhalt her uneingeschränkt zu empfehlen. Es bietet in kompakter aber sehr detaillierter Form einen tiefen und fundierten Einblick in den altägyptischen Toten- und Jenseitsglauben und wird die Kenntnisse vieler auch entsprechend vorgebildeter Leser ergänzen und bereichern.

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