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Johann Wolfgang von Goethe
Die Leiden des jungen Werther
(1774)

dtv
1997
227 Seiten
DM 14,50


Von Oliver Wältermann am 13.12.2001

 Die Rezension bezieht sich nicht auf eine bestimmte Ausgabe
 
  Goethes Werther. Diese Figur löste nach erscheinen des Romans 1774 eine Modewelle aus. Alle jungen Männer, die etwas auf sich hielten, trugen nun blauen Frack und gelbe Weste. Das sogenannte „Wertherfieber“ machte die Runde. Und in diesem „Fieber“ ahmten die Männer diese Romanfigur nicht nur in Sachen Mode nach. Denn mit dem „Werther“ ist bekanntlich einer der berühmtesten Suizide der Weltliteratur verbunden. Und auch hier sind die jungen Männer des 18. Jahrhunderts ihrem Vorbild gefolgt und haben sich geradezu epidemieartig suizidiert. Eine literarische Selbsttötung mit weitreichenden Folgen also.
  So prägte dieser Roman auch den Begriff des „Werther-Syndroms“. Gemeint ist das (wissenschaftlich sehr gut belegte) Phänomen, dass durch die Thematisierung von Suiziden und Suizidversuchen in der Öffentlichkeit, viele Menschen dazu veranlasst werden können, ihren Suizidgedanken nachzugeben.
  Goethe traf mir seinem „Werther“ also den Geschmack der damaligen Zeit. Sein Roman wurde zum Bestseller, machte den Autor selbst fast über Nacht berühmt.
 
  Aber wie kommt es denn nun zu dem tragischen Ende des Protagonisten?
  Ein junger Mann (Werther) verliebt sich in eine Frau (Lotte), die ihrerseits jedoch bereits (mit Albert) verlobt ist. Eine Veränderung der Situation zugunsten Werthers ist nicht zu erwarten. Und die Option, eine flotte Dreierbeziehung zu führen und durch Publikmachen derselben, z.B. in nachmittäglichen Talk-Shows, das gemeinsame Konto aufzubessern, existierte damals freilich nicht. Also bliebe unserem jungen Heißsporn nur der Rückzug. Aber der Unglückliche unternimmt das Gegenteil. Er beginnt, sich über alles vernünftige Maß in seine Liebe hineinzusteigern. Sie wird (wie so oft in der Literatur) zu krankhafter Besessenheit.
  Dabei begann alles so harmlos. Nach dem Tode seines Vaters war Werther in ein Dorf gekommen, um dort im Auftrage seiner Mutter mit der Tante Erbschaftsangelegenheiten zu regeln. In diesem Fleckchen Erde ergeht er sich nun aber in der Natur, läst sich fallen, stürzt sich ganz und gar in sein Inneres, in seine Empfindungen, findet gleichsam pantheistische Momente des Glückes, indem Seele und Natur sich vereinigen, er so nahezu eine Art von „unio mystica“ erlebt. Er liest seinen Homer und kehrt allem Bürgerlichen, und dem Adel sowieso, angewidert den Rücken. Werther verweigert sich der Gesellschaftsordnung, findet nur in Kontakten zum einfachen Landvolke und zu Kindern sein Ergötzen. Eine Stellung annehmen und in geregelten Verhältnissen leben, stößt ihn natürlich ab. Auch eine Portion Rousseau’scher Bildungskritik darf nicht fehlen. Also kommt die ganze Palette, mit der Inhalte von Aufklärung und Empfindsamkeit weitergeführt werden, zur Sprache: typisch Sturm und Drang eben. So zumindest das Klischee. Aber wir wollen uns hier nicht weiter mit literaturwissenschaftlichen Spitzfindigkeiten befassen.
  Jedenfalls lernt Werther nach einiger Zeit Lotte kennen und verliebt sich in sie, obwohl er um ihre Verlobung mit Albert weiß. Mit tiefster Ergebenheit stürzt Werther sich also auch in sein Liebe zu Lotte. Er ist dabei, wie schon bei seinem Naturempfinden, ganz auf sein Inneres, seine Emotionen fixiert. Die Natur und auch Lotte sind eigentlich nur Spiegel seines innersten Selbst. Fast egozentrisch kreisen Werthers Gedanken nur um seine eigenen Gefühle.
  Als dann Albert, der Verlobte Lottens, von einer Geschäftsreise zurückkehrt, kann er die Situation aber nicht mehr ertragen. Er nimmt nun doch eine Stellung an und zieht fort. Wie zu erwarten, quält ihn die Amtsstube genauso, wie sein pedantischer Vorgesetzter. Als dann auch noch eine gesellschaftliche Bloßstellung Werthers erfolgt, in dem sich Adelige über seine Anwesenheit, also die eines Bürgerlichen, bei einem Bankett echauffieren (was aufgrund der höfischen Spielregeln de facto ein „einfach vor die Tür setzten“ bedeutet), bittet er um seine Entlassung, die er auch bekommt. Er folgt der Einladung eines Gönners, eines Fürsten, und begleitet diesen auf dessen Gut. Dort langweilt er sich jedoch ebenso, da der Fürst Kunst und Natur nur akademisch und intellektuell, aber eben nicht „ungefiltert“ und emotional auffassen kann. Er folgt seinem Herzen und kehrt zu Lotte und Albert zurück.
  Nun erleben wir, wie quälend seine Liebe wird, wie exzessiv, ja rauschhaft er fühlt und sich immer tiefer in seine Gefühle hineinsteigert, sich gleichsam hineinbohrt. So wechselt auch, passend zum Einbruch des Herbstes, seine Lektüre: Ossian, statt Homer. Er liest also nun diese dunklen, schwulstigen, schwermütigen, uralten, archaischen Heldenlieder aus den dichtesten Nebeln der Inseln Britanniens. Heute wissen wir natürlich, wie dicht diese Nebelschwaden waren, denn diese Werke sind ausnahmslos Fälschungen und alles andere als uralt, dafür sind sie jedoch um so larmoyanter. Und in dieser Gefühlsduselei ergeht sich Werther. Er trägt Lotte diese Texte schließlich auch ergriffen und ergreifend vor und reißt sich und nun auch sie in den Strudel der aufwallenden, überkochenden Emotionen. Dadurch gelingt es ihm endlich, sie fest zu umarmen, wenn sie auch, zumindest halbherzig, widerstrebt. Und schließlich schafft er es sogar, wie schon lange ersehnt, ihre Lippen mit „wütenden Küssen“ zu „decken“. Sicherlich, sie gewinnt sogleich ihre Contenance zurück, weist Werther mit verwirrter Ambivalenz zwischen Liebe und Zorn von sich: „Das ist das letzte Mal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder.“ Werther sieht jetzt nur noch den Ausweg, sich „totzuschießen“. Er leiht sich die Waffe von Albert. Lotte ist diejenige, die sie dem Boten übergibt. Das freut Werther, denn nun ist sie es, die ihm das Werkzeug reicht. Sein Entschluss steht fest. Er schießt sich alsdann in den Kopf; das geschieht um Mitternacht.
  Nun ist auch heute der Schuss in den Kopf nicht der aller sicherste Weg, seinem Leben schnell und sicher ein Ende zu setzen. Und damals, mit einem Vorderlader, schon gar nicht. So findet man den Armen um sechs Uhr morgens noch lebend. „Der Puls schlug, die Glieder waren gelähmt. Über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehirn war herausgetrieben.“ Der Todeskampf dauert noch bis „um zwölfe mittags“ an. Seine Beerdigung findet noch am Abend ohne Priester statt.
 
  Diese Geschichte wird uns in der damals durchaus üblichen Form des Briefromans erzählt. Allerdings wird kein Briefwechsel dargestellt, sondern es finden sich nur die Briefe Werthers an einen dem Leser unbekannten Freund namens Wilhelm; bis auf zwei Briefe, die direkt an Lotte adressiert sind. Es fehlt also an jeglicher Dialogstruktur, bis auf die Gespräche, über welche Werther berichtet. Der Roman wird zur Ich-Erzählung, ja, zum Monolog Werthers, durch den der Leser den Gefühlen und Gedanken des Protagonisten hautnah nachspüren kann. Einzig gen Ende wird dies durch Eingreifen eines fiktiven Herausgebers durchbrochen, der die Begebenheiten recherchiert hat und diese dann darstellt. Dies zwingt den Leser, der ja zuvor sozusagen „live“, die leidenschaftliche Aufruhr des Werther miterlebt hat und dort hineingezogen wurde, nun eine gewisse Distanz zum Geschehen einzunehmen.
  Im 18. Jahrhundert war es zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, sich in emotionalen Rausch zu lesen. Allerdings hatten die Romane trotzdem die Aufgabe, erzieherisch die bürgerlichen Ideale hochzuhalten, also eine sehr deutliche und klare Perspektive einzunehmen. Diese fehlte nun hier beim Werther. Das war schon unerhört und neu. Und daran, dass es wohl vielen Nachahmern an kritischer Distanz mangelte, sieht man schon, wie sehr sich die Leser in das Empfinden des Werther hineinsteigerten. Doch hätten sie merken können, dass durch die Distanz des fiktiven Herausgebers, doch wohl eher aufgezeigt werden sollte, wohin solch übersteigertes Empfinden führt, nämlich zum Leiden, wie der Titel uns ja auch schon sagt. Das Prinzip, den Leser aus tiefster Emotion, in die man ihn mühsam mit allerlei subtilen Tricks befördert hat, plötzlich herauszureißen und in die kritische Distanz zu stoßen, damit ihm gleichsam die Gefahr bewusst werde, ist damals demzufolge nicht so ganz geglückt. An solch unterschwellige Botschaften war die Leserschaft wohl einfach noch nicht gewöhnt. Und der Hauptgrund für die große Aufruhr, die der Roman verursachte, war ja ohnehin auch eher der (spektakuläre) Selbstmord des Werther, als die neuen künstlerischen Elemente, wie z.B. die Darstellung der inneren Befindlichkeiten durch symbolhafte Beschreibungen der Natur. Sensationsgier hat es halt zu allen Zeiten gegeben.
 
  Heutzutage freilich, braucht sich niemand Gedanken darüber zu machen, dass jemand beim Lesen des Werther in einen emotionalen Sog gerät, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Uns ist dieses extrem gefühlsbetonte Getue des Werther doch etwas zu dick aufgetragen. Insofern hat der moderne Leser fast immer eine kritische Distanz. So ringen uns Werthers Schilderungen nicht selten ein verständnisloses Kopfschütteln ab. Die Ansicht, dass er es jetzt aber doch übertreibt, stellt sich oft zwischen uns und den Protagonisten. Wir müssen uns beim Lesen da schon auf diesen Werther einlassen, wenn wir ihn verstehen oder ihm zumindest ein wenig nachspüren wollen. Aber tiefe Sympathie zu empfinden oder uns mit ihm gar zu identifizieren, das gelingt uns heute nicht mehr. Eher blicken wir schon etwas mitleidig auf diesen jungen Mann und sehen ihn in seiner übersteigerten Gefühlswelt in sein Ende laufen.
  „Trost aus seinem Leiden“ zu schöpfen, wenn wir „den Drang fühlen wie er“, wie es uns die Vorbemerkung zum Roman empfiehlt, also gleichsam durch das tragische Fühlen des Werther eine Art von Katharsis zu erleben, indem wir Werther stellvertretend für uns Leiden und die Konsequenzen tragen lassen, um dann, innerlich von Spannung befreit, zu bemerken, dass es besser ist, dem „Drang“ nicht so tiefgründig und intensiv nachzugeben, dürfte folglich für uns obsolet sein.
 
  Und dennoch. Dieses Büchlein hat etwas. Zumindest für diejenigen, welche die Literatur und die deutsche Sprache lieben. Denn trotzt der Distanz und trotz allen Kopfschüttelns, ist es einfach ein schönes Lesevergnügen. Hat man sich erst einmal in die für uns etwas ungewohnte Sprache eingelesen, so offenbart sie uns durch den einzigartigen Sprachrhythmus, durch die geschwungene Form, die Ästhetik des Ausdrucks und durch die sich steigernde Intensität, ihre ganze tiefe Schönheit. Und nicht zuletzt ist der Werther natürlich schon aus literaturgeschichtlichen und kulturhistorischen Gründen unverzichtbarer Bestandteil der persönlichen Leseerfahrung von Literaturliebhabern.
 
  Glücklicherweise ist dieses Lesevergnügen auch leicht zu bekommen. Ganz gleich, ob man sich dazu nun mit einer Ausgabe der Hamburger Lesehefte für 3 Mark 20 (ISBN 3872911147) begnügt, oder ob man sich gar die in Leder gebundene und ausführlichst kommentierte Ausgabe aus dem Deutschen Klassiker Verlag für 298 Mark (INSB 3618602855) zulegt. Die Frage ist eben, was gefällt, was benötigt und gewünscht wird und natürlich, was der Geldbeutel hergibt. Will man den Werther lediglich zur Freude lesen, ohne darüber zu arbeiten, so ist sicherlich eine knapp kommentierte Ausgabe ausreichend, welche die wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge darstellt, die zum vernünftigen Leseverständnis und -vergnügen des Textes notwendig sind. Wenn dann noch schöne zeitgenössische Illustrationen enthalten sind, hebt dies natürlich die Freude am Buch. Und da Lesen auch ein haptisches Erlebnis ist, schadet auch ein „Werther“ als gebundenes Leinenbändchen nichts. Vielleicht stößt man ja auch zufällig beim Antiquar auf ein schönes und dennoch preiswertes Exemplar.

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