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Bryan Talbot
Heart of Empire: The Adventures of Luther Arkwright

Dark Horse
2001
296 Seiten
$ 29,95


Von Michael Lehmeier am 28.11.2001

  Bryan Talbot ist die Art Autor/Zeichner, von der man nicht so viel Notiz nimmt. Den meisten Lesern amerikanischer Comics dürfte nur seine Arbeit als zeitweiliger Zeichner von "The Sandman" bekannt sein. Die Abschnitte zwischen den Episoden von "World's End" wurden von ihm gezeichnet.Aber Bryan Talbot ist jemand, dem mehr Aufmerksamkeit gebührt.
  "The Adventures of Luther Arkwright" ist mit Sicherheit eine Art von Epos, wie es Autoren/Zeichner nur einmal in ihrem Leben machen. Mit dem sie groß geworden sind, bei der sie geblieben sind durch alle Rückschläge (und mehreren Verlagen) hindurch. Nach ich-weiß-nicht-wie-vielen Jahren ist die Geschichte abgeschlossen und wird momentan von Dark Horse als Paperback veröffentlicht. "Heart of Empire" ist eine vor nicht allzu langer Zeit erschienene Fortsetzung.
  Um festzustellen, ob dieses Buch für euch geeignet ist, zunächst eine etwas grundsätzliche Frage: habt ihr schon mal Michael Moorcock gelesen? Damit meine ich eine Geschichte mit zahlreichen Realitäten, nicht immer verständlichen aber irgendwie faszinierenden Szenarien und ein paar Gemeinsamkeiten? Habt ihr damit was anfangen können? Wenn ja, dann lest weiter. Übrigens, Michael Moorcock hat das Vorwort zu dem Buch geschrieben. Das überrascht mich gar nicht.
 
  "The Adventures of Luther Arkwright" spielt in einem Multiversum, das nur wenige Konstanten aufweist. Eine Konstante ist Luther selbst, der nur ein einziges Mal existiert, die Parallelwelten aber nach belieben wechseln kann. Oder Rose Wylde, die zwar einmal auf jeder Parallele existiert, aber mit ihren anderen Selbsten jeweils in psychischer Verbindung steht. Sie sind Agenten mit dem Ziel, eine Organisation, die sie "Disruptors" nennen, zu ergründen und aufzuhalten. Aus irgendeinem Grund verbreiten diese Disruptors Chaos im ganzen Multiversum, meistens durch Mittelsmänner, die von ihrem Auftrag gar nichts wissen. Die meisten 39-45 Kriege gingen auf ihre Agenten zurück.
 
  "The Adventures of Luther Arkwright" ist hervorragend geschrieben und mit rauhen, schwarz/weißen Zeichnungen sehr realistisch, aber auch sehr künstlerisch umgesetzt ist. Ganz anders als bei seinen späteren Werken sind Talbots Zeichnungen sehr rauh und düster, ohne große stilistischen Kennzeichen. Je nach Situation arbeitet er auch mit eventuell etwas verwirrenden Panelfolgen und und ähnlichen Spielereien, wie sie bei solchen Leuten öfter vorkommen, die das Möglichste aus dem Comicmedium herausholen wollen. Wenn man sich daran gewöhnt hat, kommt man damit aber gut zurecht. Auch mit den ganzen Symboliken.
  Die Story selbst ist vor allem am Anfang kaum logisch und verständlich, weil die Handlung zwischen vielen Situationen auf unterschiedlichen Welten zu unterschiedlichen Zeitpunkten hin- und herspringt. Aber das bessert sich im Laufe der Geschichte. Ein zweites Mal durchlesen empfiehlt sich trotzdem sehr. Lustig und bemerkenswert ist eine Nebenfigur, die Talbot benutzt: Octobriana, eine russische Superheldin, die wohl die einzige Comicfigur ohne Copyright oder Trademark sein dürfte, sie ist sozusagen public-domain. Talbot hat sie nicht erfunden, benutzt sie aber als Freundin von Arkwright und Revoluzerin, die auf ihrer Parallelwelt endlich mit einer Oktoberrevolution den Zaren stürzen will.
 
  "Heart of Empire" spielt viel später und handelt vor allem von Luthers Tochter Victoria, aber auch alle anderen Nebenfiguren feiern ein Wiedersehen mit dem Leser. Den Unterschied zwischen Original und Fortsetzung würde ich ich etwa wie den Unterschied zwischen "2001 - Odyssee im Weltraum" und "2010" beschreiben: Nicht schlecht, sogar sehr gut, aber das wirklich ungewöhnliche, meisterhafte fehlt. Hier ist Talbot auf Farbe umgestiegen und einen klaren, hellen Zeichenstil und geradliniger, leicht verständlicher Story. Besonders gut finde ich die Splashpages mit Stadtansichten eines fiktiven, royalistischen Britannien. Die Detailverliebtheit erinnert an Möbius und ähnliche Meister. Außerdem habe ich großen Respekt von Bryan Talbots Entscheidung, ein sehr arrogantes, rassistisches, zur Magersucht neigendes Miststück als Heldin zu konstruieren. Ihre Kanten hat sie dann zwar am Ende verloren (Schwachpunkt: ohne Begründung) aber trotzdem... Irgendwie hat mir das Szenario und die Charaktere wesentlich besser gefallen als die etwas schwache Grundhandlung. Aber auf jeden fall ein lohnenswerter Kauf. Notfalls kann man es auch vor dem ersten Band lesen (ich hab es getan), aber dann werden einige Sachen ziemlich verwirrend sein.
  Ich jedenfalls hoffe, daß es noch weitere Fortsetzungen geben wird.
 
  Noch eine kleine Nachdenklichkeit zum Schluß. Es geht im ersten Band vor allem auch um Firefrost, eine Abschreckungswaffe, die eine ganze Galaxie auf allen Parallelwelten vernichten würde, wenn sie aktiviert wird. Und das wurde sie bereits einmal, da, so Talbot, jede Abschreckungswaffe irgendwann aktiviert wird. Leider hat er da nur zu recht. Ein Ereignis, dessen Wahrscheinlichkeit nicht gleich Null beträgt, wird zwangsläufig irgendwann eintreten, wenn man nur die Zeitachse lang genug macht. Mit anderen Worten: einfache Mathe besagt, daß es nicht die Frage ist *ob* es einen Atomkrieg geben wird, sondern nur *wann*. Alles was wir hoffen können ist, daß es nicht zu unseren Lebzeiten geschehen wird.

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