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Wolfgang Jeschke (Hrsg.)
Das Wägen von Luft
Internationale Science Fiction Storys

Heyne
2000
556 Seiten
DM 24,90


Von Alfred Ohswald am 21.11.2001

  Jeschke hat, neben bekannten internationalen Namen, einen beachtlichen Anteil an deutschen Autoren in dieser Sammlung von Erzählungen und Kurzgeschichten aufgenommen. Außerirdische kommen nur selten vor, das Thema der meisten Storys ist die Zukunft in mehr oder weniger düsteren Farben. Dazu finden sich noch drei Geschichten mit einer „alternativen Geschichte“, einer Vergangenheit, wie sie nie war aber sein hätte können.
 
 M. SHAYNE BELL
 Die Dunkelheit zwischen den Sternen
 Dark between the Stars
 1984
 Übersetzt von Isabella Bruckmaier
 16 Seiten
 
  Eine Kurzgeschichte um einen galaktischen Krieg und das Trauma eines dabei mitkämpfenden Soldaten.
 
 STEPHEN BAXTER
 Kriegsvögel
 War Birds
 1997
 Übersetzt von Martin Gilbert
 27 Seiten
 
  Bei der Mondlandung eskaliert der Konflikt zwischen den USA und der Sowjetunion. In Amerika treiben die extremistische Führung den Konflikt immer weiter und fördern die militärische Raumfahrt. Burdick ist von Anfang an als Astronaut und später als führende Kraft im Raumfahrtprogramm tätig. Er steht voll auf der Seite der Administration. Die Begegnung mit einem russischen Kosmonauten sollte aber, spät aber doch, ein Umdenken bei ihm bewirken. Doch viel ist nicht mehr zu retten ...
  In dieser Geschichte lässt der Autor die Geschichte ab der Mondlandung in eine andere Richtung mit fatalem Ausgang laufen. Kurz und kompromisslos lässt er die Welt auf den Untergang zusteuern. Und dass die Hauptfigur die längste Zeit dem Irrsinn anhängt, verstärkt die Wirkung noch.
 
 ALASTAIR REYNOLDS
 BL6
 Bird Land Six
 1994
 Übersetzt von Ingrid Herrmann-Nykto
 28 Seiten
 
  Die Menschheit hat den Mond erobert und beutet ihn wirtschaftlich aus. Das funktioniert nur wegen der extremen Umweltbedingungen nur durch ferngesteuerte Roboter. Die lange Zeit, die Funksignale zum Mars und zurück brauchen, verhindern das selbe Vorgehen für diesen Planeten. Eine neue Entdeckung könnte Abhilfe schaffen. Doch als es experimentell zwischen Erde und Mond versucht wird, geht etwas fatal schief.
  Die hier beschriebene Zukunft bietet nur den Hintergrund der Geschichte. Das Hauptaugenmerk des Autors gilt der Entdeckung selbst und noch mehr den Umgang der dabei in eine Extremsituation geratenden Protagonisten.
 
 DAVID HUTCHINSON
 Der Trauma-Jockey
 The Trauma-Jockey
 1996
 Übersetzt von Thomas Haufschild
 28 Seiten
 
  Eine Erfindung erlaubt es, negative, durch traumatische Erlebnisse hervorgerufene Emotionen auf andere Menschen zu übertragen und damit aus dem eigenen Gedächtnis zu löschen. Manche Menschen verdienen ihr Geld damit, dass sie diese Emotionen auf sich übertragen lassen. Sie sind dann nicht mehr so intensiv, wie ursprünglich. Trotzdem müssen sie nach einigen Patienten wiederum Leute finden, denen sie gegen Bezahlung diese angesammelten Emotionen „überspielen“ können. So macht es auch Derek. Immer, wenn sich zu viel in seinem Kopf angesammelt hat, sucht er Theo, einen heruntergekommen, ausgeflippten Typen auf, dem er seinen „Gedankenmüll“ überspielen kann. Doch eines Tages bekommt Derek einen seltsamen Kunden, der ihn in den Wahnsinn zu treiben droht...
  Ein Science Fiction-Thriller mit einer gelungenen Grundidee und Pointe. Geradelinig steuert die Geschichte auf dieses Ende zu und hält dabei auch die Spannung aufrecht.
 
 RAINER ERLER
 Das Gelübde
 31 Seiten
 
  Eine Kurzgeschichte um einen jungen buddhistischen Mönch in einem extrem abgelegenen Tal in Japan. Seine Eltern bringen ihn als schwer kranken Säugling zu dem alten Mönch in dem zwar schwer zugänglichen, aber für seine Heilfähigkeiten berühmten alten Mönch in den Tempel. Sie versprechen, das Kind bei dem Mönch zurückzulassen, falls es geheilt wird. Es soll einen Tunnel durch die umliegenden Berge graben, damit der Tempel für die Hilfesuchenden weniger beschwerlich erreichbar wird. Als junger Mann beginnt er, sein Gelübde zu erfüllen, obwohl es gar nicht von ihm selbst gegen wurde.
  Es ist eigentlich keine Science Fiction-Story. Aber das stört in diesem Fall nicht wirklich, weil es schlicht eine gute Geschichte ist und von Erler auch sehr schön erzählt wird.
 
 HOLGER ECKHARDT
 Über allen Gipfeln ist Ruh
 6 Seiten
 
  Eine SF-Story nach klassischen Muster. Goethe und sein Faust werden etwas fürs Genre umgemodelt. Mephisto ist nicht mehr der Teufel, sondern eine außerirdische Rasse und sie erweisen dem Meister einen Bärendienst.
 
 VIT HAŠKOVEC
 Das unwiderrufliche Ende der Kindheit
 Navždy konec Detstvi
 2000
 Übersetzt von Karl von Wetzky
 7 Seiten
 
  Eine kurze Geschichte über den traumatischen Abschied von der Kindheit in einer Welt, in der die Kinder eine ungewöhnliche Fähigkeit besitzen. Die verlieren sie plötzlich, sobald sie erwachsen werden.
 
 OCTAVIA E. BUTLER
 Der Abend, der Morgen und die Nacht
 The Evening and the Morning and the Night
 1987
 Übersetzt von Franz Rottensteiner
 35 Seiten
 
  Eine unheimliche, gentisch bedingte Krankheit ist bei manchen Menschen ausgebrochen. Alle, die davon betroffen sind, beginnen irgendwann, sich selbst regelrecht zu zerfleischen. Eine strenge Diät kann den Ausbruch zwar hinauszögern, aber irgendwann hilft auch das nicht mehr. Lynn ist davon betroffen und wie viele andere wird sie von ihrer Umwelt mit Argwohn und Ablehnung betrachtet. Sie zieht bei einer Wohngemeinschaft Betroffener ein und lernt dort Alan kennen. Eines Tages erfährt Alan, dass seine lange vermisste Mutter in einem speziellen Pflegeheim für diese Krankheit untergebracht ist und will sie besuchen. Lynn begleitet ihn und sie erfahren einige erstaunliche Dinge und lernen die ungewöhnliche Leiterin dieses Pflegeheims kennen.
  Eine eindringliche Geschichte über Menschen, die von einer unheilbaren Krankheit betroffen sind. Sicher spielte AIDS eine große Rolle bei ihrer Entstehung und auch Kritik zu potenziellen Gefahren bei der Genforschung klingt deutlich durch.
 
 ROBERT CHARIOT
 Ahasvers Alltag
 Sterngucker
 Ausflüge
 Hotel hinter dem Mond
 12 Seiten
 
  Die vier sehr kurzen Texte haben alle irgendwas mit Sehnsucht zu tun. Sehnsucht nach den Sternen, nach dem Tod oder nach Einsamkeit.
 
 DAVID GARNETT
 Stilleben
 Still Life
 1986
 Übersetzt von Isabella Bruckmaier
 31 Seiten
 
  Die knapp 40jährige Corinne ist eine sehr erfolgreiche Künstlerin und glücklich verheiratet. Sie malt Portraits, was ihr zwar keine besondere künstlerische Befriedigung bietet, aber reichlich Ruhm und Wohlstand. Eines Tages wird ihr unter dem Mantel der Geheimhaltung eine Behandlung angeboten, die den Alterungsprozess komplett stoppt und damit die Unsterblichkeit bietet. Doch es wird nur ihr und nicht auch ihrem Mann gewährt. Darum lehnt sie ab. Doch dann sieht sie bald darauf ihren Mann mit einer anderen, viel jüngeren Frau ...
  Von der Idee und der Handlung hat diese Geschichte wenig Aufregendes zu bieten. Die Thematik ist alles andere als neu und bis zum Ende passieren keine wirklichen Überraschungen. Aber Garnett kann erzählen, und darum ist sie trotz dieser auffälligen Mängel eine gutes Stück Lesestoff.
 
 GREGORY FEELEY
 Das Wägen von Luft
 The Weighing of Ayre
 1996
 Übersetzt von Ingrid Herrmann-Nytko
 65 Seiten
 
  England und Holland befinden sich im 16. Jahrhundert im Krieg miteinander. Malcolm ist Engländer, hat aber eine holländische Mutter. Deshalb schlägt ihm in seiner Heimat oft Ablehnung, Misstrauen und Hass entgegen. Dann wird er eines Tages dazu auserkoren, als Spion in Holland tätig zu werden. Er soll die überlegene Kunst der Linsen für Ferngläser und Mikroskope in Holland ausforschen. Dort muss er dann mit Schrecken feststellen, dass die Engländer eine neue, verheerende Art der Kriegführung in die Tat umsetzen wollen.
  Wieder eine Geschichte, die eigentlich nicht unbedingt zur Science Fiction zu zählen ist. Man würde sie eher in einer Sammlung historischer Erzählung vermuten. Aber auch hier tut das der guten Qualität der Geschichte keinen Abbruch.
 
 MARCUS HAMMERSCHMITT
 Troubadoure
 153 Seiten
 
  In Deutschland herrscht der Hohe Rat mit harter Hand und mit Hilfe der mit modernster Bewaffnung ausgestatteten Engel. Eine wahre Unzahl an verschiedenen, mehr oder weniger obskuren Religionen und Sekten werben um Gläubige und bekämpfen sich oft auch gegenseitig. Jürgen ist ein Troubadour, ein von Stadt zu Stadt ziehender Performancekünstler. Aber er gehört auch zu den sich im Untergrund haltenden Geheimgruppe der Pythagoräer. Anhänger eines angeblich toten Mannes, der sich Pythagoras nannte. Die Pythagoräer stehen in Opposition zum herrschenden Hohen Rat und werden deshalb von den Engeln gejagt. Bei einem Auftritt in Passau lernt Jürgen eine faszinierende Frau kennen und beginnt ein intensives Verhältnis mit ihr. Seine Exfrau bringt seinen Lebenslauf weiter durcheinander, indem sie ihn überzeugend bittet, sich einige Zeit ihrer gemeinsamen Tochter anzunehmen. Zu Dritt machen sie sich auf den Weg zu Jürgens nächsten Engagement, immer die drohende Entdeckung durch die Engel im Rücken.
  Ein diktatorisches Deutschland mit einer chaotischen Gesellschaft in nicht allzu ferner Zukunft ist ein von Hammerschmitt gerne gewählter, düsterer Hintergrund in seinen Geschichten. Der Text hätte vom Umfang her durchaus schon einen Roman abgegeben, hat aber schon einige typische Merkmale einer Erzählung. Die Länge entsteht mehr durch die Beschreibungen der ungewöhnlichen Zustände und Lebensumstände und des Lebens der Hauptfigur unter diesen Bedingungen. Es ist eine unter Hammerschmitts geradlinigen, stilistisch nicht experimentierenden Geschichten. Sie erinnert in einigen Punkten an seinen aktuellen Roman „Der Zensor“, nicht nur, weil auch hier Mayas eine gewisse Rolle spielen.
 
 IAN R. MACLEOD
 Die Sommerinseln
 The Summer Isles
 1998
 Übersetzt von Sascha Mamczak
 110 Seiten
 
  Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg erlebt Großbritannien einen wirtschaftlichen Niedergang, chaotische Verhältnisse in der Politik und den Verlust seines Empires. Bis Anfang der 30er Jahre ein charismatischer Faschist an die Macht kommt und dem Land sein verlorenes Selbstbewusstsein wiedergibt. Außenpolitisch stellen sich wieder erste Erfolge ein und im Inneren wird gnadenlos gegen alle Feinde des Vaterlandes vorgegangen. Politische Gegner, Juden, Zigeuner, Homosexuelle usw. werden mit aller Härte verfolgt und verschwinden in Gefängnissen oder auf abgelegen Inseln. Paul ist homosexuell und darum ein potenzielles Opfer dieses Systems. So lebt er offiziell als Historiker an einer Universität und trifft sich im Geheimen mit seinem Liebhaber. Doch Paul hatte auch eine Verbindung in der Vergangenheit mit dem charismatischen Führer John Arthur...
  Sieht diese Alternativgeschichte zuerst wie ein simples Überstülpen der Nazizeit auf England aus, entwickelt MacLeod daraus dann noch eine eigenständige Erzählung rund um seine Hauptfigur und entwickelt die Handlung in einer eigenständigen Weise weiter. Und diese Hauptfigur und ihre Geschichte und Entwicklung sind auch die Stärke dieser Erzählung.

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