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Marcus Hammerschmitt
Der Zensor

Argument Verlag
2001
221 Seiten
€ 12,-


Von Alfred Ohswald am 11.10.2001

  In Südamerika haben die unterdrückten Indios bei einem Aufstand die Macht an sich gerissen und ein Regime in der Tradition der alten Mayakultur errichtet. Später eroberten sie Spanien und die hier entstandenen Stadtstaaten überholten bald die mittel- und südamerikanischen Ursprungsländer. Ihre Überlegenheit gründet sich auf ihrer fortgeschrittenen Nano-Technologie. Mit ihrer Hilfe beherrschen ihre Könige ihre Untertanen und unterdrücken sie Spanier. Wie ein Mantel hüllt diese hochtechnisierte Gesellschaft ein ins Extrem übersteigerter Traditionalismus ein. Jeder Aspekt wird mit alten Maya-Mythen ausstaffiert. Ihren Göttern bringen sie noch immer Menschenopfer dar und ihre Schriftzeichen sind die der antiken Mayakultur. Ihr bedeutenster Gegenspieler ist die katholische Kirche, die den Verlust Spaniens für ihren Glauben unbedingt rückgängig machen möchte.
  Yaqui ist als Zensor einer der mächtigsten Männer in der Hierarchie des Stadtstaates Tikal und eine Art Chef des Geheimdienstes. Doch durch die ständigen Intrigen unter den Mayaadligen ist niemand sicher. Abgefangene eMails mit einer subtilen Verschlüsselung, die er nicht knacken kann, weisen Yaqui auf eine unbekannte Verschwörung hin. Doch das ist nicht die Einzige und auch nicht die bedrohlichste für ihn.
  Enrique ist führendes Mitglied der FPLE, der im Untergrund tätigen Widerstandsbewegung gegen die Mayas in Spanien. Wegen der technologischen Überlegenheit der Mayas sind sie keine wirkliche Gefahr für sie. Er bekommt den Auftrag, einen geheimnisvollen Gegenstand von einem Ort zu einem anderen zu transportieren. Es ist eine furchtbare Waffe, wie er später erfahren soll. Doch auch ihm droht Gefahr von seinen eigenen Kampfgenossen.
  Beide werden nach vielen Umwegen am Ende vom Schicksal zusammengeführt.
 
  Dieser Roman Hammerschmitts behandelt eine zukünftige Geschichte im 22. Jahrhundert und spielt im Gegensatz zu seinen beiden Vorgängern „Target“ und „Der Opal“ auf der Erde. Sowohl stilistisch als auch bei der Handlung ist „Der Zensor“ etwas geradliniger und unkomplizierter als „Der Opal“. Was aber noch lange nicht bedeuten soll, dass „Der Zensor“ eine simple Handlung hat. Durch die zwei Hauptfiguren gibt es bis gegen Ende zwei parallele Handlungsstränge und die zahlreichen, konkurrierenden Interessensgruppen oder Personen sorgen für reichliche Komplexität. Aber der ganze Hintergrund ist nicht so fremdartig wie in „Der Opal“.
  Ganz hinten ist dem Autor dann ein kleiner Irrtum unterlaufen. Ein Heuschober ist nämlich keineswegs eine Heuscheune und kann nur sehr eingeschränkt als Unterschlupf dienen. Aber eine solche Kleinigkeit stört weder den Lesegenuss bei diesem hervorragenden SF-Roman noch wird es die Meisten auch nur interessieren. Wenn nicht alles täuscht, wird „Der Zensor“ der erfolgreichste Roman Hammerschmitts werden, was er auch verdienen würde.

Von Patrick Borer am 31.10.2001

  "Target" ist wunderbare SF, geizt aber leider mit Überraschendem. Wer einige klassische Werke von Lem (ich denke an Solaris, Der Unbesiegbare, Eden) kennt, vermutet schnell, in welche Richtung sich "Target" entwickelt und wird auch bestätigt.
  "Der Opal" ist praktisch das Gegenteil. An Überraschungen fehlt es ganz und gar nicht; das Buch ist schrill, rasant; der gefesselte Leser torkelt, saust und stürzt mit der Hauptfigur von einer bizarren Situation zur nächsten... der "Opal" selbst ist eine faszinierende Vision... aber
 als *Science* Fiction ist "Der Opal" eher schwach (allerdings heißt die Reihe des Argument-Verlags ja auch "Social Fantasies").
 
  "Der Zensor" vereint die Vorzüge von "Target" und "Der Opal". Es handelt sich um interessante, originelle Science Fiction, ausgesprochen spannend und gut geschrieben. Das Nano-Maya-Spanien des 22. Jahrhunderts ist erstaunlich glaubwürdig; ich hatte mich ruckzuck an die Umgebung gewöhnt, als hätte ich schon ein Dutzend dort spielende Romane gelesen. Die Hauptfiguren werden lebendig geschildert, die Handlung ist straff; wieder einmal hat Hammerschmitt in einem verhältnismäßig schmalen Buch Ideen komprimiert, aus denen man einen umfangreichen Zyklus machen könnte. Aufgefallen ist mir wieder eine markante künstliche Intelligenz; im Gegensatz zur VED und der "Passage englouti" entpuppt sich Wacah Chan als rechter Unsympath...

Von Till Westermayer am 16.12.2001

  Was wäre, wenn? - mit dieser Frage beschäftigen sich nicht wenige Sciencefictionromane, eigentlich alle. Im „Zensor“ von Hammerschmitt geht die Frage weiter mit: Was wäre, wenn die Nachkommen der Mayas und Azteken gegen Ende des 21. Jahrhunderts dank Nano-Technologie zu einer beherrschenden Weltmacht werden, die Spanien, Portugal und Teile von Frankreich erobert? Wir haben es hierbei nicht mit einem einfachen Rückspiel zu tun, sondern mit einer technologisch angepassten Form der Kolonisation, bei der die Nano-Mayas die iberische Halbinsel - in Stadtstaaten und Königreiche aufgeteilt - zur beherrschenden Macht in ihrem Weltreich machen: Mittelamerika bleibt ausgebeutet. Mystizismus und Technologie verbinden sich aufs großartigste (symbolisiert u.a. durch die für Informationsgesellschaft und Mythos zugleich stehende Figur der Glyphe).
  Das von Hammerschmitt dargestellte Szenario gründet massiv auf drei Technologien: auf der einen Seite Nano-Technologie, gedacht als universelle Materiemaschine, beliebig programmierbar, und auf der anderen Seite, dadurch möglich geworden, künstliche Intelligenz, für die nanotechnisch verformbare Materialien zum Körper werden sowie erst durch die Beherrschung von Materie auf dem elementaren Level ermöglichte Biotechnologie - alles drei gekoppelt mit einer feudalen Gesellschaft, die aus europäischer Sicht als blutrünstig und irritierend erscheint.
 
  Politisch ist das Reich der Nano-Mayas alles andere als heterogen und friedlich. Wir erleben diese Welt einerseits durch die Augen eines hohen, gottgleichen Beamten - des titelgebenden Zensors, der dem Nachrichtendienst von Nano-Tikal vorsteht, und der unerfreuliche Entdeckungen macht, und andererseits durch die Augen eines Halbspaniers, Teil der Rebellenbewegung, in der AnarchistInnen, KommunistInnen und konservative Katholiken gemeinsam gegen die Mayaherrschaft kämpfen - zwei Handlungsfäden, die irgendwann zusammenkommen.
  Wie immer verläuft nicht alles nach Plan, und wenn auch das letzte Viertel des Romans etwas überhitzt und gewollt wirkt, ist er insgesamt einer erfreulich ideenreiche und spannende Lektüre (dass hier nicht übersetzt werden musste, macht durchaus was aus). Während die Mayagesellschaft realistisch wirkt, lässt sich das über den Weg dorthin nicht unbedingt sagen. Wenn es auch den einen oder anderen Hinweis etwa auf die Zapatistenaufstände gibt, so erklärt Hammerschmitt nicht, wieso gerade in Ländern der Peripherie mit ihren internen Spaltungen in diesem Jahrhundert die großen technischen Fortschritte passieren sollen. Insofern bleibt es beim was wäre wenn, und bei allem Realismus in der Darstellung wirkt das mayanisierte Westeuropa eigentümlich unwirklich.

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