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José Saramago
Die Stadt der Blinden
Hörbuch
(Ensaio sobre a Cegueira, 1995)

Hörbuch Verlag
1998
Übersetzt von Ray-Güde Mertin
€ 44,99


Von Alfred Ohswald am 24.09.2001

  Ein Autofahrer bleibt an einer grünen Ampel stehen. Es stellt sich heraus, dass er urplötzlich erblindet ist. Er wird nach Hause und dann zu einem Augenarzt gebracht. Doch auch der kennt diese eigenartige Blindheit nicht, bei der das Opfer nicht alles dunkel empfindet, sondern ein helles Weiß. Nicht lange danach erblindet auch der Arzt und teilt den offiziellen Stellen die Gefahr einer Epidemie mit. Er wird abgeholt und seiner Frau gelingt es, ihn zu begleiten, weil sie Blindheit vortäuscht.
  Der Arzt und seine Frau werden mit anderen, inzwischen ebenfalls Erblindeten in einem ehemaligen Irrenhaus interniert und streng bewacht. Militärs sorgen dafür, dass niemand das Gelände verlässt und hat Schießbefehl, falls es jemand versuchen sollte.
  Die Blinden beginnen sich einzurichten, doch ohne Hilfe stehen sie vor schier unlösbaren Problemen. Die Frau des Arztes wagt nicht, außer ihrem Mann noch jemand mitzuteilen, dass sie noch sehen kann. Die Gefahr, von Allen allzu sehr in Anspruch genommen zu werden, ist zu groß. Trotzdem versucht sie so gut als möglich zu helfen, ohne sich zu verraten. Die sanitären Verhältnisse sind katastrophal, es gibt keine medizinische Versorgung und bei der Essensverteilung kommt es auch zu Unregelmäßigkeiten.
  Dann taucht eine Gruppe Blinder auf, die das Essen mit Gewalt an sich nehmen und etwas davon nur gegen sämtliche Wertsachen der Internierten herausgibt. Ihr Anführer hat eine Pistole und so wagt niemand Widerstand. Bald gibt es keine Wertsachen mehr, und die niederträchtigen Blinden verlangen, dass ihnen die Frauen im Austausch gegen essen zu Willen sind. Und so wird die allgemeine Situation immer unerträglicher.
 
  Der portugiesische Nobelpreisträger in Literatur beschreibt diese extreme Grenzsituation in einer klaren, unverschnörkelten Sprache. Eine stilistische Besonderheit fällt auf, er verwendet keinen einzigen Namen in dieser Erzählung. Da gibt es nur „den Arzt“ und „die Frau des Arztes“, „den ersten Blinden“ und „die Frau des ersten Blinden“, „den kleinen, schielenden Jungen“, „die Frau mit der dunklen Brille“ und selbst „den Hund der Tränen“.
  Das gewählte Thema bietet dem Autor die Möglichkeit tief in den Menschen hineinzublicken. Er tut dies aber nicht in gedanklichen Selbstreflektionen der Protagonisten, sondern lässt allein ihre Dialoge und Handlungen auf den Leser wirken.
  Mit dem selbst seit Geburt blinden Reiner Unglaub hat sich ein Sprecher für dieses Hörbuch gefunden, wie er besser eigentlich nicht denkbar ist. Wobei weniger seine eigene Blindheit eine Rolle spielt, sondern seine perfekt zum Text passende, besonders akzentuierte Sprechweise hervorsticht. Jedes Wort wirkt wie in Schönschrift sorgsam exakt hingemalt. Dankenswerterweise gibt es beim Hörbuch Verlag nicht die Unart der gekürzten Hörbuchfassung. Bei diesem Buch und diesem Sprecher wäre das nahezu ein Sakrelig.
 
 670 Minuten (6 MCs)
 Regie: Hans Eckardt

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