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Rolf Krauss
Das Moses Rätsel

Ullstein
2001
351 Seiten
€ 24,-


Von Klaus Bachmann am 21.09.2001

  Ich habe "den Krauss" schon durch, daher - in Kürze und, da ich das Buch jetzt nicht dabeihabe, auch ohne genaue Zitate:
  Krauss ist lt. Klappentext Ägyptologe, wiss. Mitarbeiter an einem deutschen ägyptologischen Museum und Privatdozent an einer Freien Universität.
  Die Grundthese "Amenmesses = Moses" ist nicht neu, Krauss hat bislang in zwei Publikationen in wiss. Medien darüber gearbeitet. Um zu seiner Gleichsetzung zu kommen, muß er nicht zwei, sondern vier personenbezogene Quellengruppen in Einklang bringen:
 1. den Pharao Amenmesses
 2. einen Vizekönig von Nubien desselben Namens
 3. einen "Mase-ja" aus einem Papyrus juristischen Inhalts aus der Zeit Sethos II
 4. Moses
 dafür muße er aufgrund der Quellenlage zwangsläufig die schlagenden Beweise schuldig bleiben. Seine, m.E. noch immer hypothetische Rekonstruktion der Ereignisse sieht dann etwa wie folgt aus:
 
 1. Amenmesses, Sohn Sethos II und Enkel Ramses II, wird in jungen Jahren Vizekönig von Nubien/Kusch - Parallele zum jungen Moses in außerbiblischen, jüdischen Quellen (Josephus, Antiquitates, Sefer HaYashar, und andere)
 
 2. derselbe Amenmesses revoltiert, dabei seine kuschitischen Provinzen als Operationsbasis nutzend, gegen Papa Sethos, ist kurzfristig erfolgreich und herrscht im Süden als Gegenpharao.
 
 3. Schlußendlich wird er aber geschlagen und verschwindet in der Wüste Sinai, vielleicht mit ein paar Habiru im Schlepptau, die vielleicht irgendwann nach Israel kommen aber dort auch nicht besonders auffallen.
 
  Jetzt aber wird es problematisch: Krauss ist ein schon fast extremer Minimalist, also einer von der "die-Bibel-hat-überhaupt nicht recht"-Fraktion. Dementsprechend fällt dann der zweite, recht epische Teil des Buches auf, der der Israelischen Ethnogenese gewidmet wird. Dabei geht er mit den Quellen überdurchschnittlich selektiv um, um sein Credo: "Bibel aus den letzten. Jh v.Chr. und sowieso alles Erfindung" zu stützen. Bereits bei der Behandlung der vier biblischen Hauptquellen nach Wellhausen muß er eine (E) unterschlagen, um seine Spätdatierung halbwegs unterzubringen.
  Recht anachronistisch mutet auch Krauss´ Bemühen an, die Israeliten als ausschließlich autochthon im Gebirge Ephraim entstanden darzustellen (sie sog: "Vom-Zelt-zum-Palast" - Theorie,)was im Lichte neuerer Forschungen (etwa M. Görg, E: A. Knauf) die durchaus auch nomadische Elemente (Schasu, Hapiru) in die israelische Ethnogenese einbezieht, eher antiquiert wirkt.
 
  Der Eindruck einer extrem selektiven Quellenbehandlung wird im ganzen, breiten Argumentationsspektrum für mich spürbar. Ein Beispiel dazu: Krauss meint, daß es die Oase Kadesch nicht gegeben hat, weil am Ort A (Namen hab ich jetzt leider nicht im Kopf) keine archäologischen Funde vor dem 10.Jh v.Chr. gemacht wurden. Ok, schlüssig. Daß aber Kadesch nicht nur mit A gleichgesetzt wird und auch B, C, und D noch immer diskutiert werden, wird leider nicht angesprochen.
  Somit wird zugegebenermaßen Befundetes und Bewiesenes, indem man Befundetes und Bewiesenes, welches auch antithetische Argumentationen stützen könnte, nicht mitdiskutiert, zu einem fast schlüpfrig-glatten, einheitlichen Bild von Nicht-Dagewesenem. Der Methode begegnet man oft, aber selten so konsequent. Darüber hinaus, das ist aber ein sehr persönliches Gefühl meinerseits, scheint mir sein Minimalismus auch durchaus ideologisch motiviert zu sein. Ein wenig Ideologiekritik kann daher beim kritischen Lesen von Krauss´Buch durchaus vorteilhaft sein.
  Dementsprechend bemüht und handgestrickt wirkt dann auf mich der der argumentative Showdown: Der Endredakteur der Bibel, J, sucht verzweifelt nach einem Protagonisten für seine Nationalisraelische-Monotheismus-Ideologie, veranstaltet mit Hilfe ägyptischer Priester ein historisches Casting und findet - siehe da - unseren alten Freund Amenmesses, bastelt ein wenig der Performance, verpasst ihm ein zielgruppenorientiertes Image (hebräische Eltern, natürlich aus dem Stamm Levi, ein bißchen Sozialrevolutionär), stellt ihm den alten JHWH vor und: "Ladies an Gentlemen, Bible Productions inc. proudly presents: Moses!" ) - o.k. das war jetzt sehr polemisch, aber diese letzte Kapitel hats in sich.
 
 Zusammengefaßt:
  Krauss hat meiner Meinung ein gut lesbares Buch geschrieben, daß ich persönlich durchaus schätze, weil es gestattet, andere/eigene Thesen anhand seiner extremen Antithesen zu überprüfen und es gibt einen guten, professionell wirkenden Überblick über die Gesamtargumentation der minimalistischen Gruppierungen innerhalb der Bibelwissenschaften. Ein Buch, dessen Fragen man für sich zu beantworten suchen kann, um neue Fragen stellen zu können.

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