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Catherine Breillat
Ein Mädchen

Kowalke
2001
163 Seiten
DM 39,-


Von Volker Frick am 28.08.2001

  Catherine Breillat, Jahrgang 1948, ist Schriftstellerin und Filmregisseurin. Sie wollte immer Filmregisseurin werden, wie sie in einem Interview erzählt, und da sie frühreif war, darob eingesperrt von ihren Eltern, blieb nur die Bibliothek sich zu erschliessen das Leben nicht vermittels der Wirklichkeit sondern mit Büchern. Der Film in Worten. Sie nennt Marquis de Sade - und sich maßgeblich von Lautreámonts ’Les chants de Maldoror’ beeinflusst. Zwei Filme prägten sie, Bergmans ’Abend der Gaukler’ und Bunuels ’Viridiana’. Sie schrieb am Drehbuch zu ’Bilities’ (1977) von David Hamilton mit. Ihr Debütfilm ‚Une vraie jeune fille’ (1976) wurde 1999 für die französischen Kinos freigegeben, und basiert auf ihrem gleichnamigen Roman, der in diesem Jahr auf deutsch erschien unter dem Titel ‚Ein Mädchen’. In diesem Monat erschien ihr neuester Roman ’Pornocratie’. Weitere Filme von ihr sind ’Tapage nocturen’ (1979), ’36 fillette’ (1987), ’Sale comme un ange’ (1991), ’Parfait amour !’ (1996) - ’Romance’ (1998) lief 1999 in den deutschen Kinos, ihr neuester Film ’A ma sœur’ auf der Berlinale 2000.
  Ihr erster Roman ‚L’homme facile’ (1968), den sie 17jährig schrieb wurde bei Erscheinen für unter 18jährige nicht freigegeben. Man (sic) mag sie eine Anthropologin weiblicher Sexualität nennen, im eigenen Kopf spazieren gehen: Die Suche ihrer weiblichen Protagonisten nach Identität ist identisch mit ihrer Suche nach sexueller Identität. Dazwischen: Junge Mädchen sind Beute, sehen sich aber nicht so. Zwischen Begehren und Bedrohung der Charme der Angst. Tauschgeschäft der schönen Worten gegen dreckigen Sex, Geschlechterverhältnisse. Frauen, Männer. Dazwischen: Stream of sexual codes, and secrets… Alles ist sexuell konnotiert, wenn auch in der kargen Sprache überschäumender Phantasie. Zwischen Ekel und Ekstase der Triebtiere Liebe zum Tod. Was ist schon die tatsächliche Unterdrückung bei solchen Phantasien der Unterwerfung?
  Ob Mann, ob Frau, ob Tier. Bewusstseinsschicht, kaum fassbar. Ungeduldig zögerlich, alle jungen Mädchen, Zuschauer rinnen... (Verachtet sei, wer Arges dabei denkt): „Das Ergebnis ist eine mentale Vergewaltigung, die fast schlimmer als die physische ist, weil das Mädchen aus Naivität an seiner eigenen Vergewaltigung teilnimmt. Damit verschwindet auch ihre Selbstachtung. Ich bin davon überzeugt, dass das vielen Mädchen passiert und immer wieder passiert.“ So Catherine Breillat in einem Interview mit Katja Nicodemus in der taz vom 12.2. diesen Jahres, und dort sagt sie dann auch: „Wenn man nicht vorgeführt werden will, wenn man nicht das ewige Opfer sein will, muss man alles abstreiten.“ Natürlich hat das Buch, das gesamte Werk dieser Autorin einen Überbau, de Sade, Bataille, Foucault, aber es scheint unvermeidlich weibliche Stärke nur über die Position des Leidens, des Opfers zu geben. Der Roman „Ein Mädchen“ ist eine Gratwanderung zwischen ungeduldiger Lust und zögerlicher Scham, die Dualität von Gefühlen jedoch verborgen hinter einer Maske. Ein kleiner Roman mit einem unscheinbaren Titel. Vielleicht nur ein unausgeglichene junge Frau mit etwas neurotischem Verhalten. Doch überzeugend als Ganzes, schlicht große Literatur.

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