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John Irving
Witwe für ein Jahr
(A Widow for One Year, 1998)

Diogenes
2000
Übersetzt von Irene Rumler
761 Seiten
DM 24,90


Von Alfred Ohswald am 21.08.2001

  Die vierjährige Ruth Cole wächst in einer problematischen Situation auf. Bereits vor ihrer Zeugung starben ihre beiden Brüder bei einem Autounfall. Ihre Mutter Marion kam nie über dieses Unglück hinweg und ist unfähig, zu ihr eine enge Beziehung aufzubauen. Ted, ihr Vater, war und ist ständig hinter anderen Frauen her. Sie beschließen, es einige Zeit mit einer Trennung auf Probe zu versuchen, wobei immer einer von ihnen bei Ruth bleibt.
  In dieser Situation taucht Eddie in ihrem Leben auf. Eddie bekommt von ihrem Vater einen Ferienjob als Assistent. Eigentlich soll er hauptsächlich Teds Chauffeur sein, weil der seinen Führerschein wegen seiner Trinkerei für einige Zeit los ist. Eddie wird auf eher unkonventionellem Weg Marions Liebhaber, was Ted nicht unrecht ist, weil er so die von ihm geplante Scheidung besser über die Bühne zu bringen hofft. Doch Marion dreht den Spieß um und verlässt ihrerseits ihre Familie völlig überraschend. Damit ist auch Eddies Ferienjob zu Ende.
  Jahrzehnte später treffen Eddie, inzwischen mittelmäßiger Schriftsteller, und Ruth, gefeierte Bestsellerautorin wieder aufeinander. Eddie soll bei einer Lesung Ruth ankündigen und vorstellen. Es bleibt aber bei einem intensiven Gespräch, vor allem über Ruths Mutter, in die Eddie noch immer verliebt ist. Ein Besuch bei ihrem Vater beschert Ruth zwei äußerst unangenehme Erlebnisse. Darum ist sie über eine anstehende Promotion-Tour in Europa nicht unglücklich. Nach einem Aufenthalt in Deutschland fährt sie weiter nach Holland. Eine neue Romanidee veranlasst sie, bei Prostituierten zu recherchieren, wodurch sie in beträchtliche Schwierigkeiten geraten soll.
 
  Irvings erster Roman mit einer Frau als Hauptfigur enthält nicht so viel Witz wie z.B. sein Vorgänger „Zirkuskind“, obwohl ihn natürlich auch hier sein Gespür für absurde Situationen nicht vollkommen verlässt. Obwohl die Schriftstellerin Ruth die Hauptfigur ist, ist der erste, ziemlich lange Teil über ihre Kindheit und den Konflikt ihrer Eltern vorwiegend aus Eddies Sicht erzählt. Wie meistens, kann man sich auf Irvings Erzähltalent verlassen, das auch hier wieder glänzend zur Geltung kommt, zumindest was etwa die erste Hälfte des Buches betrifft. Dort beginnt sich die Geschichte langsam etwas hinzuziehen und auch der Spannungsbogen verliert sich zeitweise. Auch die Ausflüge zu den Lebensläufen von Nebencharakteren, die sonst oft bei Irving in der Tradition von Charles Dickens zu finden sind, gibt es seltener, wenn auch ausführlich. Vielleicht wäre das Buch sonst zu umfangreich geraten.
  Insgesamt gehen die Meinungen über diesen Roman oft weit auseinander. Halten es manche für das beste Buch Irvings, so meinen viele seiner Fans, „Witwe für ein Jahr“ käme an keinen seiner Romane seit „Garp“ wirklich heran. Die zahlreichen Irving-Fans verschlingen meist ohnehin alles von ihm. Wer Irvings Romane kennen lernen will, sollte mit eher mit einem anderen der Romane beginnen, die er seit Garp geschrieben hat.
  „Witwe für ein Jahr“ ist in mancher Hinsicht kein typischer Roman für ihn. Hat er schon im Vorgänger „Zirkuskind“ auf seine typischen Zugaben, wie Ringen, Bären usw. weitgehend verzichtet, sind auch hier nicht anzutreffen. Aber ein noch wichtigerer Unterschied ist die weibliche Hauptfigur. Die Passagen mit ihr sind schwächer, als die mit Ausflügen zu Nebenfiguren. Und irgendwie greifen die verschiedenen Handlungsstränge nicht so recht ineinander, und die dadurch entstehenden, abrupten Szenenwechsel wirken sich negativ auf die Spannung aus.
  Irving zitiert sich auch selbst gerne indirekt in den fiktiven Texten Ruths. Das Thema Abtreibung in Ruths dritten Roman hat z.B. einige Bezüge zu seinem „Gottes Werk und Teufels Beitrag“. Aber auch sonst lassen sich einige Anspielungen finden. Der vollständige Name des Vaters von Ruth klingt sehr nach einer Anspielung auf den Autor T. C. Boyle, der einst Irvings Kurse an der Universität besuchte. Kleine Fehler, wie das verwechseln von Mai- mit Marienkäfern sind in der insgesamt guten Übersetzung nicht wirklich ein Problem.

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