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Raymond Federman
Take It Or Leave It


Von Volker Frick am 21.08.2001

  IN ALLEN WORTEN ZUGLEICH. An der deutschen Veröffentlichung seines zweiten Romanes ‚Take It Or Leave It’ zu seinem Geburtstag am 15. Mai 1998 durch 2001 (Zweitausendeins) hatte Raymond Federman sicher seine Freude. TIOLI erschien im Original 1976 - im selben Jahr wie Walter Abishs ‚How German Is It’ - und trägt den, wenn's denn relevant sein darf, Untertitel ‚eine übertriebene Geschichte aus zweiter Hand im Stehen oder im Sitzen laut zu lesen’. Also Disgressionen, Korea-Krieg, der junge G.I. Raymond Federman bricht sich bei seiner Landung mit dem Fallschirm beide Beine - und dekonstruiert jegliches Erzählverfahren. Raymond Federman hält TIOLI für sein bestes und komplexestes Buch, und Charaktere braucht es nicht, die gehören in die Romane des 19ten Jahrhunderts. Es geht nur um Stimmen, oder wie er in einem Interview mit Mark Amerika, dem Editor der online-Zeitschrift Alt-X (http://www.altx.com) sagte: „ - all great fiction is music and therefore must be heard.“ Und dann spricht er über den Holocaust als einem universellen Ereignis, wie er an anderer Stelle schon anders sagte: „Wir müssen uns klar machen, dass wir nicht miteinander existieren können.“ Sein Erfolg in Deutschland? Nun ein Überlebender wird geliebt, zumal wenn er Optimist ist, der lacht und andere so zum Lachen bringt, bis sie Tränen lachen. Zumal er über Amerika schreibt (doch, auch), und die Deutschen ja am liebsten alle Amerikaner wären, damit sie ihre dumme Geschichte vergessen können. Der Roman ‚Alles oder Nichts’ von Raymond Federman hat sich seit 1986 in Deutschland immerhin annähernd 30.000 Mal verkauft. Die Veröffentlichung seines zweiten Romans ‚Take It Or Leave It’ dürfte vorerst eine der letzten Veröffentlichungen im deutschen Sprachraum sein, da nun fast sein gesamtes bisheriges Oeuvre in Übersetzung vorliegt (die eher theoretischen Bücher zu Samuel Beckett einmal ausgenommen).
  TIOLI, also diesem Roman fehlt es an nichts - außer an Seitenzahlen. Er schreckt ab durch die bekannten typographischen ernsthaften Spielereien, und er ist wunderbar zu lesen. Viel Raum für Verzerrungen, Übertreibungen, Deformationen und Irrtümer. Der Protagonist findet sich in Amerika wieder, drei Jahre lebt er in Detroit, ein Jahr in New York. Er ist Anfang 20, und ist in der 82sten Luftlandedivision, und dort finden sich nur Kretins, „als wenn die ganze Welt nur aus SEXUELLEN AKTIVITÄTEN und KARTEN bestünde“. Aber es soll in den Fernen Osten gehen, also gibt's dreißig Tage bezahlten Freigang zuvor, was heißt, die erste Reise, pronto!, die große Reise. Die Entdeckung Amerikas - durch Raymond Federman, „als ich immer noch naiv genug war nach den Worten zu suchen die es mir eines Tages erlauben würden meinen Zuhörern zu erklären was diese ganze Farce eigentlich bedeuten sollte“. Abschweifungen ohne Ende, klar: von kultureller Provokation zur erzählerischen Kooperation, von der Topographie des Schreibens über die (De-) Konstruktion von Erinnerungen zu den Fantasien des autobiographischen Selbst, in toto der Roadmovie als Performance. Eine Lesung von Raymond Federman aus seinem Roman findet sich online unter der URL http://www.math.buffalo.edu/~sww/ray/TIOLI.html
  Mir noch zu schreiben bleiben zwei Sätze: Die Poetik der Performance als parakritische Präsentation der Reflexion befindet sich diesseits des Rituals der Semiotik. Die Subversion des Selbst ist die Seele der Sprache, diesseits des Trends zur Tradition, jener Verschwendung der Zeichen zur Wirklichkeit.

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