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Oliver Tolmein
RAF. Das war für uns Befreiung'

Konkret Literatur-Verlag
1997
270 Seiten
DM 32,-


Von Volker Frick am 20.08.2001

  In seinem Interviewband mit Irmgard Möller, welcher über einen längeren Zeitraum entstand – Irmgard Möller wurde 1994 nach fast 23 Jahren Haft entlassen - , lockt Tolmein mit der nationalen Frage, holt sich aber eine geharnischte Abfuhr. In vier Abschnitten, überschrieben ‚Die ersten Jahre der RAF’, ‚Der Deutsche Herbst’, ‚Neukonstituierung und Kampf um Zusammenlegung’ und ‚Auseinandersetzung um die Zäsur’, reißt Tolmein den zeitgeschichtlichen Hintergrund auf, dann folgen jeweils Interviewpassagen, die wiederum durch Zwischenüberschriften strukturiert sind.
  Also sehr gut lesbar, inhaltsreich auch für jemanden, der meint, er wüsste schon allerhand, und für alle anderen sowieso Pflichtlektüre: Zwar wird hier nicht die Geschichte der RAF geschrieben, aber es werden entlang dieser jahrelangen Konfrontation die wechselseitigen Bedingungen einer Auseinandersetzung aufgezeigt, die eben nicht nur bis auf’s Messer ging, sondern weit darüber hinaus die politische Dimension des Lebens in diesem Land paralysierte.
  Es bringt doch nichts. Und somit geht die Ökonomie der Verwertung, Verwurstung und Verdummung weiter. In Uruguay sitzen die Tupamaros im Parlament. Irmgard Möller sagt: „Die richtigen Fragen sind solche, die ums Verständnis für und nicht ums Be- oder Verurteilen des anderen bemüht sind. Also Bewegung in die Gedanken zu bringen, Entwicklungen anzustoßen und nicht durch ein ‚Urteil’ eine Frage, einen Widerspruch, einen Zustand erstarren zu lassen.“ Urteil gegen Irmgard Möller: lebenslang und fünfzehn Jahre. Und sie sagt: „Über diese verelendete politische Kultur in diesem Land muss ich dir ja wohl nicht viel erklären...“
  Oliver Tolmein fängt die staatliche Zuspitzung hin auf die Eskalation ein, mit der auf die Entführung des früheren SS-Offiziers Hanns-Martin Schleyer agiert wurde. Und Irmgard Möller erzählt ihre Nacht. Dann kritisiert sie Birgit Hogefeld: „Diese Perspektive, dass das ein Befreiungskampf war, dass mit dem bewaffneten Kampf ein Versuch verbunden war, die Verhältnisse hier zu überwinden, dass also eine Hoffnung und etwas Positives damit verbunden waren, scheint bei ihr gar nicht auf. Statt dessen redet sie von Ohnmachtserfahrungen und dem Gefühl von Unveränderbarkeit. Oder sie beklagt bei Befreiungsbewegungen deren Schwierigkeiten beim Aufbau demokratischer Zivilgesellschaften – das hat mit dem, worum es uns als RAF ging, nichts zu tun. Das liegt voll im systemkonformen Mainstream, auch wenn man Birgit dort nicht haben will. Oder wenn sie feststellt: Wir sind geworden wie die, die wir bekämpfen wollten. Sie unterscheidet nicht mehr zwischen revolutionärer Gewalt und Brutalität; und Brutalität allein ist es, die angleicht. Das ist bürgerliche Moral. Da verlieren Begriffe und politische Analysen jede Schärfe. Alles wirkt nur noch grau und falsch, irgendwie bedauernswert. (...) So wie Birgit und mit diesen Bezugspunkten, die sie präsentiert, kann nur jemand reden, der eigentlich nichts mehr wiedererkennt. Und das unterscheidet uns.“
  Horst Mahler in einem Interview in der ZEIT vom 2.5.1997: „Ich bin heute der Auffassung, dass das Konzept Stadtguerilla Zukunft ist.“ Also, Oliver Tolmein spricht von einer wahren RAF-Bewältigungswelle, eben Büchern, Interviews, Reden, Filmen, Rezensionen... dieser mediale ‚push’, um’s noch mal abzuklatschen. Darauf Irmgard Möller: „Jede und jeder erzählt Anekdoten aus dem Leben. Was dabei fehlt, ist das Interesse an der gegenwärtigen Situation. Was haben die Geschichten von damals damit zu tun? Das wird gar nicht erst gefragt. Für mich ist das die schlimmste Variante von ‚einen Schlussstrich ziehen’: Das haben wir versucht, es hat nicht geklappt, also arrangieren wir uns mit dem, was ist. (...) Wie gehen wir damit um, dass wir nicht erreicht haben, was wir wollten? Was müssen wir heute tun, um nicht einfach mitzuschwimmen? Die Diskussion unserer Geschichte lässt sich nicht von der Diskussion über die Gegenwart loslösen.“
  Schon klar. Klar auch, wenn sie sagt, „Papiere sind immer Notlösungen. Du musst was erklären, willst was vermitteln, hast keine Gelegenheit, direkt mit den Leuten so und so zu diskutieren – also schreibst du ein Papier. Aber das ist dann eben nur ein Ausschnitt aus einer Diskussion und keine festgelegte Wahrheit.“ Und so folgt dann konsequent ein paar Seiten weiter: „Die, die heute gefangen sind, haben im Prinzip immer noch die gleichen Probleme. Also das sind alles keine Fragen, über die man reden könnte, als handele es sich dabei um Vergangenheit.“
  Kleine Anmerkung noch. Oliver Tolmein spricht auf Seite 157 vom 1981er Hungerstreik („Am 18. April 1981 begann der achte kollektive Hungerstreik, in dessen Verlauf Sigurd Debus unterernährt wurde und starb.“) und Irmgard Möller geht auf Seite 174 darauf ein („1981 war ein sehr harter Streik, der von Februar bis April 1981 dauerte. Damals ist Sigurd Debus ermordet worden“). Am 18.4. 1981 starb Sigurd Debus, der kein Mitglied der RAF war.

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