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Paul Bowles
Der ferne Kontinent

Goldmann
1995
Übersetzt von Pociao
156 Seiten
ISBN-13: 978-3442421480


Von Volker Frick am 11.08.2001

  Doch da, noch immer, dieser Himmel. Im Mai 1969 unterzeichnet er mit dem New Yorker Verleger Putnam einen Vertrag über seine Autobiographie. 1971 beendet er diese Arbeit. !972 wird ‚Without stopping’ veröffentlicht. Um 21 Uhr des 4. Mai 1973 stirbt Jane Bowles in der Clínica de los Angeles in Málaga. “Danach schien es ihm, als geschähe nichts mehr.“ Die Rede ist nun also von Paul Bowles. Gertrude Stein sagte ihm, dass er kein Dichter sei. Er komponierte, doch seine Musik mochte sie auch nicht. Er schrieb Musik für Orson Welles, Tennessee Williams. Mit Dalí schrieb er ein Ballet. Ein Verleger wollte einen Roman von ihm, sagte aber dann, das sei kein Roman. ‚Himmel über der Wüste’ erschien 1952 auf deutsch, wie auch sein zweiter Roman ‚So mag er fallen’. Zwei weitere Romane folgten, und Erzählungen. Und fast alle Erzählungen, die Paul Bowles bis dato veröffentlichte, liegen auf deutsch vor, und fast alle übersetzt von: Pociao. So auch jene des kleinen feinen Bandes ‚Der ferne Kontinent’. Eine der Erzählungen, ein Traum, überschrieben ‚Leuchtender Horizont’, trug im Original den Titel ‚A 1977 Dream (The New Continent)’ und erschien 1981 in der Zeitschrift ‚Dreamworks’. Und traumhaft sind diese Erzählungen. Paul Bowles. 1958 übersetzte er ‚Huit clos’ von Sartre ins Englische (‚No Exit’). Aus dem Spanischen/ Französischen übersetzte er Isabelle Eberhardt, Rodrigo Rey Rosa, André Pieyre de Mandiargues, Ramón Gómez de la Serna, Georgio de Chirico, Jorge Luis Borges und Francis Ponge..., aus dem Arabischen Mohamed Choukri; der aber sagt heute: „Er kann kein Arabisch, es sind die Fremden, die diesen Mythos geschaffen haben, dass Paul Bowles aus dem Arabischen übersetzt.“ Und ‚taped & translated by Paul Bowles’: Layachi, Mrabet, aber auch Abdeslam Boulaich und Ahmed Yacoubi.
  ‚Der ferne Kontinent’ enthält acht Erzählungen aus den Jahren 1968 (‚Sylvie Ann’, ‚Der Boogie-Mann’) bis 1990 (‚Sekou’). Nach dem Tod seiner Frau Jane Bowles, deren Bücher sehr gelobt wurden von Tennessee Williams, hörte Paul Bowles nicht auf mit dem Schreiben, aber er war kein Reisender mehr. Bis zu seinem Tod lebte er in Tanger. Er übersetzte eine Welt da draußen, transformierte sie durch seine innere Geographie – ein Amerikaner in Tanger, eine Zeit der Freundschaft. Er eröffnete einen transkulturellen Diskurs, der in der Bejahung der tatsächlichen Stille zwischen den Aspekten des Selbst (Statik) und der Disintegration der Persönlichkeit (Terror) oszilliert, letztlich vielleicht aber nur den mythischen ‚thrill’ repetiert – ein unheimlicher Unterton wendet die Rede ins gar Schreckliche (Poe, Wells, Nabokov)... Freud definierte das Unheimliche als eine Ausdrucksform, in der zwei entgegengesetzte Gefühle, z.B. das Vertraute und das Fremde zum Ausdruck gelangen... Doch was bleibt, sind geschliffenen Landschaften und die gefrorenen Felder der Vision eines Weltbürgers, der die Welt hinter sich gelassen hat und der erzählt von der Zivilisation als einem Atavismus. Die letzten zwei Sätze des letzten Textes (‚Biographie’, 1986) in diesem Buch: „Es gab mehr und mehr Menschen auf der Welt. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.“ Inch’allah.

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