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Mohamed Choukri
Jean Genet und Tennessee Williams in Tanger


Von Volker Frick am 11.08.2001

  1973 lernt Paul Bowles den Schriftsteller und Lehrer an der Ibn-Batuta-Oberschule in Tanger, Mohamed Choukri, kennen und übersetzt dessen Buch ins Englische. Ins Französische übersetzte es Tahar Ben Jelloun. ‚Das nackte Brot’ (dt. 1990), 1994 dann ‚Zeit der Fehler’, im folgenden Jahr ‚Jean Genet und Tennessee Williams in Tanger’. „’Monsieur Genet, nicht wahr?’ frage ich. Er zögert. ‚Wer sind Sie? – Ein marokkanischer Schriftsteller.’“ So spricht Mohamed Choukri am 18.11.1968 in Tanger Jean Genet an. Ein literarisches Tagebuch der Gespräche zwischen Literaten über Literatur, über andere Literaten, über das Gefängnis und die Polizei, über die Westsahara und Tanger, Passprobleme, Alkohol und ‚Das Sein und das Nichts’, und Schweigen. „Paul Bowles erklärte mir eines Tages, dass er, wenn er Genet lese, nicht sonderlich viel lerne. Aber sein Stil sei der wunderbarste von allen gegenwärtig lebenden französischen Autoren, vergleichbar mit dem von François Villon.“ Nun starb Jean Genet am 15. April 1986. „Nach Genets Tod verbreitete die Presse, dass er sich unbedingt gewünscht hätte, in Larache begraben zu werden.“ Wir erfahren nun aber, dass er sagte, „dass er überall, nur nicht in Larache beerdigt werden möchte.“ Choukri schreibt stringent, beschreibt Glanzlichter, erzählt... und ich lerne, erfahre lesend doch einiges, über Jean Genet, vieles andere, über Tennessee Williams, der immer schallend loslacht im Tanger des Jahres 1973. „Ich muß daran denken, dass Larbi Layachi, der unter dem Pseudonym Driss Ben Charhadi das Buch ‚Ein Leben voller Fallgruben’ veröffentlicht hat, als Koch bei Tennessee arbeitete, als er 1962 im Haus von Baron de Favier wohnte.“ Nun sucht Tennessee eine weiße, glatte Badekappe, „kauft dann eine blaue Badekappe, die auch ein Mann aufsetzen kann.“ Hatte Genet morgens, mittags und abends Nembutal eingeworfen, Tennessee: „Ich nehme auch Nembutal, allerdings nur eine Tablette zum Einschlafen.“ Von Arthur Miller wird gesprochen, Mohamed Mrabet taucht leibhaftig auf, wie auch der Maler Yacoubi. Von Brion Gysin wird gesprochen. Von Rimbaud wird gesprochen, und Tennessee sagt: „Ich habe ein großartiges Buch über ihn gelesen, von einer Engländerin ... Enid Starkie heißt sie.“ Von Genet wird gesprochen, vom ersten Teil dieser Tagebuchaufzeichnungen, dann sitzt Choukri im Café de Paris und macht sich „Notizen über Tennessee“, der kommt vorbei, und lacht schallend los. Gemeinsam holen sie ein Paket von der Post, es wird geöffnet, der ‚Playboy’ (Belegexemplar!) wird konfisziert, aber Tennessee darf die Seiten mit seiner Erzählung herausreißen. Er regt sich sehr auf, ist hernach aber auch wieder sehr amüsiert. Nein, Genet mochte Tanger nicht mehr, und Tennessee Williams, gefällt ihm das Leben noch, in dieser Stadt? „Eigentlich nicht. Tanger hat sich sehr verändert. Und früher waren hier auch viele Freunde, jetzt ist mir nur noch Paul Bowles geblieben.“ Mohamed Choukri wurde 1935 im marokkanischen Rif-Gebirge geboren. Sein Vater tötet seinen jüngeren Bruder, Choukri reißt aus, lebt auf der Straße. Schuhputzer, Kellner, Taschendieb. Im Alter von zwanzig Jahren beschließt er, lesen und schreiben zu lernen. Dieses Kleinod von Buch, diese Gespräche, geschrieben, gelesen, wunderbar.

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