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Larbi Layachi
Gestern und heute


Von Volker Frick am 11.08.2001

  Paul Bowles steht am Hafen von Tanger, er hebt die Hand, zum Abschied. Ohne seine ‚Vermittlung’ wäre die Anzahl Bücher marokkanischer Autoren in deutscher Übertragung geringer als ohnehin. Maroc-Lit: Natürlich Tahar Ben Jelloun, Abdellatif Laabi, Leila Houari, nicht zu vergessen die Soziologin Fatima Mernissi, natürlich Driss Chraibi, Abdelhak Serhane, Mohamed Mrabet, Mohammed Khair-Eddine, und Mohamed Choukri.
  „Selbst ein Leben voller Fallgruben, ein Leben, das nur aus Warten besteht, ist besser als gar kein Leben.“ Aus diesem Warten wurden Worte, und so ist das auch der Titel seiner 1967 erstmals als ‚Schuldlos schuldig’ erschienenen und im Februar 1985 auf deutsch neu aufgelegten Erzählung: ‚Ein Leben voller Fallgruben’. Die Rede ist von Driss Ben Hamed Charhadi. Trotz dieses Pseudonyms verlässt er 1964 vor Erscheinen seines Buches an Bord der ‚Independence’ in Begleitung von William S. Burroughs endgültig Marokko, um sich in den USA niederzulassen. Im April des Vorjahres lässt Paul Bowles sich für sechs Monate in Asilah nieder, mit ihm. Die Rede ist also von Larbi Layachi, geboren 1937 im Norden Marokkos, dann Tanger, dann Haft wg. Diebstahl/ Kif-Handel, lernt er die Bowles 1961 kennen. ‚Gestern und heute’ erzählt aus dieser Zeit in Tanger und Asilah. Lebensbedingungen im Marokko der frühen 60er Jahre. Einige nicht wenige Sätze in diesem Buch finden ihren Ausklang in den Worten ‚heute und morgen’. Weniger resignativ, eher fatalistisch. Inch’allah. Immer wieder nach Arbeit fragen – seine Frau fragt nur ‚Warum habe ich dich geheiratet?’ –, nach Essen. Dann schläft er, geht zum Hafen (wir sind noch in Tanger), die Avenue d’Espagne, der Strand. Er kauft eine Lastwagenladung Wassermelonen (in Asilah). Der Verkauf geht weiter, heute und morgen. Tag für Tag. Neben den Wassermelonen sind da noch der einmal sehr wütende Mr. Miles, die Moghrebi sprechende Nazarenerin Lalla Ann Weston und ihr Dienstmädchen Habiba: „Ich wusste, dass Habiba Lalla Ann für ihre eigenen, selbstsüchtigen Zwecke missbrauchte.“ Und der König kommt nach Tanger, und an der Straße stehen Polizisten und Soldaten. Es ist unmöglich, die Straße zu überqueren. Eine Hochzeit wird besucht, ebenso ein Moussem (der nur einmal im Jahr stattfindet). Dann ein Kapitel betitelt ‚Die Kongreßbibliothek’: „Ich glaube, Mr. Miles will, dass ich meinen Namen ändere, sagte ich zu mir. Es ist wohl besser, ich tue, was er verlangt. ‚Driss Ben Hamed Charhadi’, sagte ich.“ Gen Ende des Buches der Ruf nach Gerechtigkeit, und ein Heiliger, der verkündet „Coca Cola ist aus Schweineblut gemacht.“ Ein ‚Time’-Reporter mit Kamera: „Auf diesen Bildern, die er machte, goß ich Luft aus einer Teekanne.“ Locker lakonisch beendet Larbi Layachi auch sein Buch. „Mach dir nichts daraus, sagte ich zu mir. Es spielt keine Rolle. Ich bin nie wichtig gewesen.“ Das alles ist ‚Gestern und heute’, geschrieben in den USA, ebenda starb Larbi Layachi am 31. Dezember 1992.

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