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Emmanuel Bove
Flucht in der Nacht


Von Volker Frick am 07.08.2001

 Flucht ohne Ende
  Wenige Monate vor seinem Tod notiert Emmanuel Bove Merkwürdig, noch nie in meinem Leben habe ich einen Menschen getroffen, der wirklich verbittert ist, einen Menschen, dem ich mein Herz ausschütten könnte, dem ich all das sagen könnte, was ich über die Welt denke, einen Menschen, der so tief verletzt ist wie ich. Emmanuel Bove ist vielen Lesern kein Unbekannter mehr, und doch ist es eine Freude auf einen Autoren zu verweisen, der am 20.April 1898 in Paris geboren wurde, und ebenda zwei Monate nach dem Ende des WK II am 13.7.1945 an Sumpffieber verschied, da er von Zeichnern und Malern wie Bram van Velde, Pierre Alechinsky oder Maurice Utrillo geschätzt wurde, und gar Rilke in einem Brief an Maurice Betz, den Übersetzer des Malte Laurids Brigge, schrieb: Bestellen Sie, bitte, meine Empfehlungen an Emmanuel Bove; ich trachte immer, ihm zu folgen... eine Freude, da es in Frankreich 1977 zu einer Neuausgabe von Mes amis(1924) kam, und Le Monde zu recht fragen konnte Avez-vous lu Emmanuel Bove?
  Sie aber kennen Peter Handke, der Mes amis, Armand und Bécon-les-Bruyères ins Deutsche übertrug und somit hierzulande Anfang der 80er erst die Rezeption eines Autors ermöglichte, der mit Dostojewski verglichen wurde - auch die Namen Green, Proust und Kafka fallen - und über den Samuel Beckett (maître in absentia) sagte: Wie niemand sonst verfügt er über das treffende Detail. Und so ließe sich eine Tagebucheintragung von Emmanuel Bove (eigentlich Bobovnikoff) vom 25.10.1936 zitieren - Letztlich gibt es auch gar kein Thema, es gibt nur das, was man empfindet. Das Nicht-Handeln zum Beispiel, das ich so stark empfinde, kann Handlung eines Buches sein - oder ein Satz aus der Erzählung Monsieur Thorpe von 1930: Es sind immer die scheinbar unbedeutenden Ereignisse, die die Katastrophen auslösen.
  Jene Bücher von Emmanuel Bove, die ins Deutsche übertragen wurden, sind in sieben verschiedenen Verlagen veröffentlicht und von zehn verschiedenen Übersetzern erschlossen worden. Nun sind im vergangenen Jahr zwei Romane in einem Buch des Deuticke Verlages in der Übersetzung von Thomas Laux, der schon andere Bücher von Bove in den deutschen Sprachraum hob, erschienen. Der genannte Verlag hat 1995 die maßgebliche Biographie zu Emmanuel Bove von Jean-Luc Bitton und Raymond Cousse, welcher Bove als den Prototyp des einsamen Schriftstellers bezeichnete, der geneigten deutschen Leserschaft vor's Auge gestellt.
  Emmanuel Bove als Biograph einsamer Schicksale. Seine entschlußlosen Helden, umhergetriebene Wesen der Fremde, denn egal wo sie sind, sind sie nicht bei sich, diese unglücklich-hilflosen Figuren voller Zweifel und infantiler Ängste, eingefangen von einem existenziellen Horror, diese unschlüssigen Zauderer, erlegen der Verweigerung jeglicher Handlung, denn es könnte eine verbrecherische Tat sein, oszillieren sie nicht nur dilemmanah zwischen den Aversionen unmöglicher Gemeinschaft und(!) hoffnungsloser Einsamkeit, nein, sie wollen immer allen ein guter Mensch sein, und, wie mensch sagt, es allen recht machen, obwohl doch gleichgültig, bildet sich ihnen eine Furcht ein, der keine reale Gefahr gewachsen ist, sich allenfalls umschreiben ließe mit einer Unzulänglickeit von Sensibilität. Die subtilen Einzelheiten des menschlichen Chamäleons, diese natürlichen und schlichten Sätze, diese verstörende Einfachheit des erzählerischen Gestus, diese Bovesche écriture...

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