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Wolfgang Jeschke (Hrsg.)
Das Jahr der Maus
Internationale Science Fiction Stories

Heyne
2000
556 Seiten
DM 24,90


Von Alfred Ohswald am 22.07.2001

  Die drei Beiträge deutscher Autoren in dieser Sammlung mit zwölf Kurzgeschichten und Erzählungen zeigen auf der einen Seite das Engagement von Jeschke für deutschsprachige SF-Autoren aber durch ihre Qualität auch, dass diese Autoren, vor allem im Bereich der SF-Erzählungen, durchaus international mithalten können. Gerade die Beiträge der deutschen Autoren hätten aber auch manchmal ein gründlicheres Lektorat vertragen können.
 
 David Garnett (England)
 LESEN SIE WEITER
 Now read on
 1990
 Übersetzt von Thomas Haufschild (2000)
 20 Seiten
 
  Ein Fantasy-Autor wird als sein eigener Held in die fiktive Welt seiner phantastischen Geschichten versetzt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, glaubt er, ganz gut zurechtkommen zu können, weil er den Verlauf der Handlung ja schließlich kennt. Doch er hat nicht mit seinem Lektor gerechnet...
  Garnett packt in seine Kurzgeschichte neben der witzigen Handlung und der Pointe noch eine Menge Seitenhiebe auf Autoren und Leser des Fantasy-Genres.
 
 Dirk Strasser (Australien)
 DER DOPPELGÄNGER-EFFEKT
 The Doppelgänger Effekt
 2000
 Übersetzt von Franz Rottensteiner
 17 Seiten
 
  Eines Tages taucht das „Netz“ auf. Niemand weiß, woher es kam, aber es ermöglicht das Reisen bis knapp an die Lichtgeschwindigkeit heran. Beim ersten Versuch gehört auch ein Schriftsteller zur Mannschaft, der ständig Berichte über den Fortgang des Versuches liefern soll. Bei zunehmender Beschleunigung tritt aber ein unerwarteter Effekt auf...
  Eine gute Idee für eine SF-Kurzgeschichte. Die Umsetzung schafft aber im ersten Teil der Erzählung eher Verwirrung beim Leser.
 
 Marcus Hammerschmitt (Deutschland)
 DIE HELFER
 2000
 129 Seiten
 
  Ein junger Mann wird eines Tages von einer geheimnisvollen Organisation namens „Die Helfer“ als eine besondere Art Killer angeheuert. Er soll sieben besonders unangenehme Zeitgenossen eliminieren. Dafür wird er mit schier übermenschlichen Fähigkeiten ausgestattet. Er kann sein äußeres Erscheinungsbild ändern. Nach dem siebenten Anschlag wird er von einem anderen Killer der „Helfer“ getötet werden. Er versucht eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren und lehnt dann auch einmal einen Auftrag ab. Doch er bleibt immer ein Werkzeug der überaus geschickten Manipulationen der „Helfer“...
  Hammerschitt beschreibt eine wenig einnehmende Zukunft. Die Stärke dieser langen Erzählung ist die eindringliche Atmosphäre, die Charaktere und die originellen Details dieser nicht allzu weit entfernten Zukunft. Der Schwachpunkt ist der wenig Überraschungen bietende Handlungsablauf und der ebenso erwartungsgemäße Schluss.
 
 Françoise Bassand (Schweiz)
 GLIMMER
 2000
 91 Seiten
 
  Amber ist erfolgreiche Journalistin für das chinesische HanNet. Bei einer Untergrundparty, zu der sie von der Chefin der GAIAS eingeladen wurde, trifft sie den schönen und geheimnisvollen Huang. Die GAIAS sind der Konzern der Geishas, die es vor nicht allzu langer Zeit geschafft haben, aus dem niedrigen Status der Prostituierten auszubrechen und ins große Geschäft einzusteigen. Sie verbringt die Nacht mit Huang, doch ihre Wege trennen sich wieder, weil Amber für ihren nächsten Report in die Schweiz reisen muss. Dort erlebt sie bei einer Modepräsentation einen Aufruhr, weil unter den Models „Bios“ vermutet werden. „Bios“ sind als billige Arbeiter im Reagenzglas gezüchtete Menschen, die oft versuchen, vor ihren Ausbeutern in die Schweiz und ähnliche Länder zu flüchten. Besonders stark werden sie von religiösen Fundamentalisten abgelehnt. Zurück aus der Schweiz bietet ihr GAIAS einen attraktiven Posten an und als sie dort hinfährt, trifft sie wieder auf Huang. Und dieser Huang kann ihr etwas überraschendes über ihre Herkunft erzählen...
  Die Zukunft in Bassands Erzählung ist, wie bei Hammerschmitt, nicht extrem weit von unserer Gegenwart entfernt. Auch stilistisch, thematisch und durch den Hintergrund erinnert sie stark an einige Erzählungen Hammerschmitt. Ihr Hauptthema bezieht hier sich stark auf die Zuwandererproblematik.
 
 Michael K. Iwoleit (Deutschland)
 GLOBALER EFFEKT
 2000
 8 Seiten
 
  In einer unterirdischen Stadt zwingt eine Katastrophe die Bewohner zu einer Flucht an die verseuchte Oberfläche der Erde.
  Diese Kurzgeschichte ist vor allem stilistisch originell. Eine Art Erzählung in Briefen. Nur sind diese Briefe in der für E-Mails typischen Kürze und ihm dort üblichen, schlagwortartigen Stil gehalten.
 
 Robert Silverberg (USA)
 HEISSE ZEITEN IN MAGMA CITY
 Hot Times in Magma City
 1997
 Übersetzt von Peter Robert
 70 Seiten
 
  Los Angeles wird von Lavaausbrüchen heimgesucht. Weil die Feuerwehr allein mit der Situation nicht mehr zurechtkommt, werden ehemalige Drogensüchtige, die gerade einen Entzug durchmachen, zur Mithilfe verpflichtet. Mattison, ehemaliger Alkoholiker, ist der Boss einer solchen Gruppe und hat an besonders schwierigen Tagen mit den Eigenheiten ihrer oft problematischen Eigenheiten zu kämpfen.
  Robert Silverberg ist ja kein Unbekannter in der SF-Szene und zeigt auch bei dieser Geschichte, dass er sein Handwerk beherrscht.
 
 Stephen Baxter (England)
 GEORGE UND DER KOMET
 George and the Comet
 1990
 Übersetzt von Ingrid Herrmann
 22 Seiten
 
  Phil erwacht eines Tages auf einer fremdartigen, nur mit zwei riesigen Bäumen bewachsenen, sehr kleinen Welt. Zudem ist er selbst ein kleiner Halbaffe. Außer ihm befindet sich nur eine ehemaliger, englischer Lehrer namens George dort, der ebenfalls ein Affe ist. Sie scheinen beide ein nicht ganz gelungener Versuch einer fremden Intelligenz zu sein, zwei Exemplare der zu diesem Zeitpunkt schon ewig ausgestorbenen Menschen mit Hilfe uralten, genetischen Materials zu rekonstruieren. Und dann stellt Phil irgendwann fest, dass George ein weiblicher Affe ist...
  Eine originelle, einigermaßen skurrile Kurzgeschichte mit einer aberwitzigen Situation und einer nicht unwitzigen Überraschung. Und nicht übel geschrieben.
 
 Greg Egan (Australien)
 DER PLANCK-SPRUNG
 The Plank Dive
 1998
 Übersetzt von Isabella Bruckmaier
 51 Seiten
 
  Die Menschheit hat ihr fleischliches Dasein hinter sich gelassen und ist dadurch imstande riesige Entfernungen als reine Information zu überbrücken. Einige Besatzungsmitglieder kreisen in einer Station um ein Schwarzes Loch und planen, Klone ihrer Selbst dort hineinzuschicken um die letzten Geheimnisse der Quantenmechanik zu erforschen.
  Eine mit übermäßig viel physikalischen Fachausdrücken und Spekulationen gespickte Erzählung. Für viele Leser sicher trotz der eingeflochtenen Handlung um den schrulligen Dichter und seine Tochter, die von der Erde kommen, um das Ereignis selbst beobachten zu können, einigermaßen verwirrend.
 
 Ivana Holzbachová (Tschechien)
 EIN UNERWARTETES ANDENKEN
 Necekaná Památka
 2000
 Übersetzt von Karl von Wetzky
 35 Seiten
 
  Der Kommandant einer Mine auf einem Planeten hat alle Hände voll zu tun um das von seinen Herren, den „Eds“, den Bewohnern des Planten Eden, geforderte Soll zu erfüllen. Einer Untergebenen mit Namen Ev beginnt sich stark für die legendäre Erde zu interessieren und er ermöglicht ihr den Zugriff auf diese Daten, weil er sich auch selbst immer mehr dafür zu interessieren beginnt. Ev kommt dahinter, dass die Menschen nicht immer die Untergebenen der Eds waren und träumt davon, sich aus diesem Joch zu befreien. Als dringend ein Arzt benötigt wird, bekommt Ev diesen Posten und es stellt sich heraus, dass Ev zu den seltenen weiblichen Menschen gehört.
  Eine gut gelungene, in Logbuchform gehaltene Erzählung.
 
 Rainer Erler (Deutschland)
 EIN PLÄDOYER
 2000
 24 Seiten
 
  Ein Wissenschaftler, der Schimpansen und Bobonos (Zwergschimpansen) mittels Gentechnik zu intelligenten Wesen gemacht hat, steht in Texas vor Gericht. Er hält ein Plädoyer zu seiner Verteidigung, in dem er die Sachlage aus seiner Sicht beschreibt. Die Schimpansen haben sich keineswegs zu „besseren Menschen“ entwickelt, wie er es darzustellen versucht und das Plädoyer entwickelt sich immer mehr zur Selbstentlarvung.
  Geschickt lässt Erler die Geschichte von einer vermeintlichen, ungerechtfertigten Verfolgung der Wissenschaft in eine Entlarvung eines selbstgerechten Mannes übergehen. Das gelingt ihm sowohl bei der Zeichnung dieses Charakter als auch stilistisch überzeugend.
 
 Geoff Ryman (England)
 DER FAN
 Fan
 1994
 Übersetzt von Ingo Wiegand
 74 Seiten
 
  Billie hört als junges Mädchen eines Tages ein Lied in einer Musikbox und ist sofort fasziniert davon. Von ihrer Freundin Tora erfährt sie bald darauf, dass es sich um einen neuen Star namens Eamon Strafe handelt. Beide werden begeisterte Fans und sollten es auch in Zukunft bleiben. Billie schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Eine missglückte Beziehung hinterlässt ihr einen Sohn. Bei einem Kurs für Arbeitslose erlernt sie Grundfertigkeiten am Computer und sie arbeitet danach ehrenamtlich für eine Wohnungsgesellschaft. Als eine CD-ROM mit einem Cyber-Eamon Strafe herauskommt, kauft sie diese natürlich sofort. Eher skeptisch eingestellt, beginnt sie sich immer häufiger mit dieser Kunstfigur zu unterhalten. Gleichzeitig versucht sie zuerst brieflich, später mit Hilfe der Computernetzes mit Eamon in Kontakt zu kommen. Als ihre ehemalige Freundin Tora ein Treffen von Eamon-Fans organisiert, lädt sie natürlich auch Billie dazu ein. Als Billie den Eamon von Toras CD-ROM sieht, der sich völlig anders als ihrer benimmt, kommt ihr das eigenartig vor.
  Diese Erzählung beruht auf einer eigentlich recht einfachen, aber nicht schlechten Idee. Ihre bemerkenswerte Qualität bekommt sie durch die einfühlsame Beschreibung der Hauptfigur Billie. Diese wenig aufregende und durchschnittliche Frau wächst dem Leser im Laufe der Geschichte immer mehr ans Herz und macht das Verstehen ihrer eigenartigen Besessenheit für ihren Star so gut nachvollziehbar.
 
 Norman Spinrad (USA)
 DAS JAHR DER MAUS
 The Year of the Mouse
 1998
 Übersetzt von Peter Robert
 9 Seiten
 
  Disney produziert einen neuen Zeichentrickfilm über den Langen Marsch der chinesischen Revolution. Die Hauptfiguren sind als Tiere dargestellt und der Große Vorsitzende Mao ist ein wohlbeleibter Pandabär. Die chinesische Regierung ist davon wenig angetan und versucht mit allen Mitteln, dieses Vorhaben zu verhindern. Doch sie hat nicht mit der Macht der mehr oder weniger subtilen Mitteln des Disney-Konzerns gerechnet.
  Eine herrliche Satire über die Macht der Medienkonzerne, denen sich selbst mächtige Länder beugen müssen. Trotz ihrer Kürze ist diese Kurzgeschichte, die dem Buch den Titel gab, der Höhepunkt in dieser Sammlung. Satire ist oft die schärfste Klinge der Kritik, wie Spinrad hier eindrucksvoll vorführt.

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