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Marcus Hammerschmitt
Der Glasmensch
und andere Science-fiction Erzählungen

Suhrkamp
1995
188 Seiten
DM 14,80 öS 110,-


Von Alfred Ohswald am 21.06.2001

  Die sechs Erzählungen und Kurzgeschichten „Der Sturmwart“, „Biosphere IV“, „Der Glasmensch“, „Die Sonde“, „Lizzy X“ und „Charly 2000“, kommen mit Ausnahme von „Der Sturmwart“ ohne Außerirdische aus. Es sind allesamt Blicke in eine düstere Zukunft, meist mit einer Erde, deren Umwelt weitgehend zerstört ist. Das klassische Motiv in der Science-Fiction, zur pointierten Gesellschaftskritik. Komplexe und experimentierfreudige Science Fiction und teilweise sprachlich keine leichte Kost.
  Am Ende des Buches findet sich noch ein Essay Hammerschmitts mit dem Titel „White Light/White Heat“, indem er auf die Bedeutung der Science Fiction heute im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen, eingeht. Den Titel hat er sich von einem legendären Album der von Andy Warhol ins Leben gerufenen Gruppe „Velvet Underground“ (Lou Reed, John Cale, tlw. Nico usw.) geborgt.
 
  „Der Sturmwart“ beschreibt einen Mann, der auf einem Gasriesen jahrelang allein in einem blasenförmigen Wesen lebt um Fracht, die Rohstoffe für die Erde von dort holen, rechtzeitig vor den häufigen Stürmen in der Atmosphäre zu warnen.
  Eine Geschichte in der Tradition Lems mit ihrer Mischung aus Kontakt mit einer fremdartiger Lebensform und innerer Befindlichkeit des Helden.
 
  In „Biosphere IV“ gibt es eine Neuauflage der gescheiterten Versuche von Biosphere 1&2 in einer Zukunft, in der die Umwelt vor dem entgültigen Kollaps steht.
  Mit den Biospheren wurde versucht, in einem geschlossenen Raum eine funktionierende Umwelt zu installieren und erhalten. Biosphere II ist zwar gescheitert, wird aber weiterbetrieben, weil die Wissenschaftler hoffen, etwas aus den immer stärker zutage tretenden Fehlentwicklungen zu lernen.
  Die Biosphere IV in der Erzählung besteht aus lebendigen Material und ihr Scheitern ist natürlich dramatischer als bei der realen Biosphere II.
 
  In „Der Glasmensch“ schufen die Menschen mit Hilfe eines Teilchenbeschleunigers einen Tunnel, von dem niemand recht wusste, wohin er führt. Doch egal was sie reinschickten, ob Ding, Tier oder Mensch, nie kam etwas wieder heraus.
  Nachdem dem Computerkünstler Jonathan seine Rechner von der Regierung beschlagnahmt wurden, beschließt er frustriert, in diesen Tunnel zu gehen. Doch als erster Mensch kommt er auch wieder zurück. Allerdings hat er sich äußerlich dramatisch verändert.
  Der einzelne Mensch als ohnmächtiges Opfer der korrupten Obrigkeit. Selbst die entgültige Flucht gelingt nicht und auch ein Wunder ändert nicht an seinem Status als Opfer.
 
  Die Hauptfigur „Die Sonde“ bekommt eine solche in sein Gehirn eingepflanzt. Er ist ein Kandidat für den ersten, bemannten Flug zum Mars und dafür benötigt er sie. Doch die vermeintliche Expedition läuft bald immer mehr aus dem Ruder.
  Ein stark an das Cyberpunk-Subgenre angelehnte Geschichte. Auch an Philip K. Dicks „Total Recall“ (durch die Verfilmung mit Schwarzenegger wohl weitgehend bekannt) fühlt man sich teilweise stark erinnert. Die Grenze zwischen Realität und künstlicher Realität und Wahrheiten hinter der künstlichen Realität sind das Hauptthema. Allerdings erfährt man das erst gegen das Ende.
 
  „Lizzy X“ ist eine beklemmende Geschichte über Klone, die als „Materialspeicher“ für das „Original“ gleichsam wie Nutzvieh gehalten werden. Eine scharfe und treffsichere Kritik an die Biotechniker und sicher noch für lange Zeit brandaktuell.
  Im Gegensatz zu den vorhergehenden Geschichten, benutzt Hammerschmitt hier einen sehr deutlichen, stilistischen Kunstgriff um die Atmosphäre noch zu verdichten. In der Art von Daniel Keyes bei „Charly“, schreibt er den Text in der mangels Schulung und Übung unterentwickelten Sprache der Hauptfigur. „Lizzy X“ hinterlässt einen sehr nachdrücklichen Eindruck und stellt für mich den Höhepunkt in dem Buch dar.
 
  „Charly 2000“ handelt von gleichnamigen Underdog, der sich in einer überaus düsteren Welt notgedrungen mit illegalen Mitteln durchs Leben schlägt. Ständig in Gefahr, von der Polizei erschossen zu werden, besorgt er für zweifelhafte Kunden ebenso zweifelhafte Dinge aus verseuchten Zonen.
  Hier benutzt Hammerschmitt die Sprache noch stärker als stilistisches Mittel als in „Lizzy X“. Wieder erzählt die Hauptfigur in ihrer Sprache, einem Stakkato aus sehr kurzen Sätzen, Satzfragmenten und einzelnen Wörtern mit zahllosen Kraftausdrücken durchsetzt. Der Text fliegt dem Leser wie eine auf ihn abgefeuerte Schrottladung um die Ohren. Sicher nicht jedermanns Sache, aber überaus lebendig.

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