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John Irving
Zirkuskind
(A Son of the Circus, 1994)

Diogenes
1997
Übersetzt von Irene Rumler
970 Seiten
DM 24,90 öS 182,- sFr 24,90


Von Alfred Ohswald am 08.06.2001

  Der aus Bombay stammende aber in Totonto mit seiner Wiener Frau lebende Orthopäde Dr. Daruwalla kehrt immer wieder für längere Zeit in sein Heimatland zurück, obwohl er sich auch dort nicht richtig heimisch fühlt. Dort arbeitet er in einer Klinik für verkrüppelte Kinder mit, verfolgt sein Lieblingsprojekt, das für Zwergenwuchs verantwortliche Gen zu entdecken und betätigt sich inkognito als erfolgreicher Drehbuchautor.
  Der Hauptdarsteller seiner Filme ist der einst von seinem Vater adoptierte John D., der einen Zwillingsbruder hat, von dem er nichts weis. Dieser weiß auch nicht, dass er einen Zwillingsbruder, ist Jesuit und kurz davor Priester zu werden. Er soll in nächster Zeit in Bombay auftauchen. Daruwalla weiß davon und soll John D. darüber informieren, schiebt es aber immer wieder hinaus. Der geradezu fanatisch Gläubige Zwillingsbruder sollte dann bei seinem Auftauchen für ein ordentliches Durcheinander sorgen und Daruwalla an den Rand des Wahnsinns treiben.
  Daruwalla ist Mitglied im exklusiven Club der Duckworthianer. Eines Tages geschieht dort ein Mord und eine Nachricht bei der Leiche richtet sich gegen John D., so dass befürchtet werden muss, dass er ebenfalls gefährdet ist. Es stellt sich heraus, dass der Mord auf das Konto eines Serienmörders geht, der seine Opfer immer mit der Zeichnung eines Elefantenkopfes auf ihrem Bauch kennzeichnet.
 
  Die Faustregel, dass man mit einem dicken Buch von Irving nicht daneben liegen kann, bestätigt sich auch hier wieder überzeugend. Nicht das seine weniger voluminösen Romane durchwegs nicht so gut sein würden.
  Irving schreibt in der Tradition von Dickens und weist schon mit der Form seiner Kapitelüberschriften in „Zirkuskind“ deutlich darauf hin. Seine Nebenfiguren sind fast immer sehr ausführlich beschrieben. Allein schon der alles und jedes heftig missbilligende Butler Mr. Sethna in Daruwallas Club geben Irving die Gelegenheit, viele Situationen aus dessen ins absurde überzogenen, intoleranten Sicht zu beschreiben. Und natürlich gibt eine solche Figur Irving eine Unzahl von Möglichkeiten in die Hand, schier aberwitzige Missverständnisse geschehen zu lassen.
  Der glaubensfeste Zwillingsbruder ist ebenso eine Quelle für so manche verrückte Situation. Wenn er etwas ratlos einen eher ungewöhnlichen Verwendungszweck für Papiertücher auf der Toilette findet, weil er nicht weiß, wozu die üblicherweise dienen und nicht unangenehm auffallen will, weil er sie nicht benutzt und ihn dabei der danebenstehende Mr. Sethna fassungslos zusieht, werden sich die meisten Leser kaum ein lautes Auflachen verkneifen können.
  Daruwalla selbst, die Hauptfigur, ist ein biederer, leicht schrulliger Durchschnittsmensch. Seine zunehmend aus den Fugen geratende Umgebung und die Eigenheiten mancher Zeitgenossen sorgen allerdings für reichlich Turbulenz und lassen ihn schon manches Mal die Ruhe verlieren.
  Ein relativ häufig auftauchendes Thema ist auch das Masturbieren, ob „von Hand“ oder mit Hilfsmittel. Ein Dildo spielt eine wichtige Rolle als Mittel um Geld nach Indien durch den Zoll zu schmuggeln. Dr. Daruwalla soll in seinem Hotelzimmer eine junge Frau versorgen, die sich verletzt hat. Während sie sich zuvor badet, bemerken er und seine Frau das imposant große Ding in ihrem Rucksack. Die junge Frau bittet um den Rucksack und versucht unter ächzen und fluchen vergeblich den Dildo aufzubekommen um an das Geld heranzukommen. Daruwalla und seine Frau hören zutiefst irritiert diese Geräusche aus ihrem Badezimmer.
  Das Hauptthema des Buches ist aber das Außenseitertum. Daruwalla ist überall fremd, ob in Bombay oder in Toronto und merkt das auch. Dieses Außenseitertum gilt auch für einige homosexuelle Protagonisten, die Zwerge und in gewissem Sinne auch für den „Bösewicht“ in dem Roman.

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