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Alfred Döblin
Berge Meere und Giganten
(1924)

Suhrkamp
2001
539 Seiten
DM 34,90


Von Alfred Ohswald am 02.06.2001

  Alfred Döblin ist vor allem durch seinen Roman „Berlin Alexanderplatz“ bekannt, der bereits 1931 zum ersten Mal verfilmt wurde. In „Berge, Meere und Giganten“ beschreibt er seine eher pessimistische Zukunftssicht. Allerdings beschränkt er sich nicht, wie die meisten Utopien, auf die Beschreibung einer zukünftigen Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sein Buch ist eine Art Geschichtsbuch der nächsten Jahrhunderte und ist auch in dieser Form gehalten. Nirgends verweilt er besonders lange. Wie ein Historiker geht er von fiktiven Ereignissen und Personen bald zu den Nächsten.
  Seine Zukünftige Welt ist eine, die vom technologischen Fortschritt geprägt ist, und in der gleichzeitig versucht wird, diesen Fortschritt unter Kontrolle zu halten. Immer wieder tauchen charismatische Persönlichkeiten auf, die politische Umschwünge oder Erschütterungen hervorrufen. Kriege und Despoten sind eher die weiderkehrende Regel, als die Ausnahme. Die Nationen sind von Stadt-Staaten abgelöst worden. Später drängt ein Krieg die westliche Kultur nach Grönland zurück, wo Eingriffe in die Natur einen gefährlichen Nebeneffekt bringen. Weitere Versuche, mit Hilfe der Technik, die Umwelt in den Griff zu bekommen, wirken sich meist negativ aus. Nur eine diesbezügliche Genügsamkeit ermöglicht ein Überleben.
 
  Döblin ist ein wichtiger Vertreter der expressionistischen Literatur, und dieser Schreibstil ist ziemlich gewöhnungsbedürftig. Die durch keinerlei Zeichensetzung unterbrochene Aneinanderreihung von Wörtern erleichtert nicht unbedingt die Lesbarkeit. Als ein Beispiel mag der Satz „Am Rand der kleinen Klippen Inseln Festländer nahm es sich hundert Meter Tiefe zum Hinwogen und Wühlen, dann stieg es tausende Meter in das Lichtlose herab, hing an den Rändern der Steinsockel der Erde herunter, gleichmäßiges rieselndes schiebendes Wasser, vom dünnen Wind überzogen, gekräuselt gedrängt, von fliegenden pfeifenden Tieren überflattert, von Fahrzeugen geritzt, von Schrauben Rudern Rädern gestreichelt.“ dienen.
  Das Buch steckt randvoll mit Ideen, fast wie ein neuer Nostradamus. Science Fiction-Autoren fänden hier eine wahre Fundgrube vor. Der durchschnittliche Leser ist aber wegen der zahlreichen Ereignisse und des erwähnten Stiles vielleicht oft überfordert.

Von Claire Hilber am 05.04.2005

  Der Roman "Berge Meere und Giganten" wurde von dem in Stettin geborenen Arzt und Autor Alfred Döblin 1924 im Fischer Verlag veröffentlicht. Mit der Intention die ihn umgebende Wirklichkeit darzustellen ("Ich wollte diese heutige Zeit"), schrieb Döblin ein über 500 Seiten langes Erzählwerk, in dem die technisch-industrielle Gesellschaft und ihre Entwicklung bis ins 27. Jahrhundert dargestellt wird. Das fiktive Modell einer zukünftigen Universalgeschichte sollte eine Antwort geben auf die Leitfrage des Autors: „Was geschieht aus dem Menschen, wenn er so weiterlebt wie bisher?".
  Der Roman antizipiert noch heute aktuelle Themen wie Verstädterung, Vermassung, Naturentfremdung und Dehumanisierung. Die Giganten, die gegen Schluss des Romans auftreten, verkörpern in potenzierter Form was Döblin als gefährliche Tendenz in der modernen Gesellschaft angelegt sah. Die hemmungslose und unreflektierte Technisierung und Industrialisierung der Welt verband Döblin mit einem unersättlichen Expansions- und Eroberungstrieb des technisch versierten Menschen. Die Giganten treten in der erzählten Welt des Romans als ein in Versuchslaboratorien gezüchtetes Herrschergeschlecht auf, das die Weltherrschaft des Menschen und seine Autonomie von der Natur endgültig etablieren soll.
  Neben dem Thema Mensch und Technik spielt die Natur eine überragende Rolle, wie der Titel schon suggeriert. Berge und Meere treten im Roman als elementare Naturwesen auf, die zum Teil personifiziert ihr Dasein, besonders ihr Leiden an den Eingriffen des Menschen, kundtun. Seitenlange Naturschilderungen führen den Leser weg von der Menschenwelt hinein in ein Naturdasein, das unabhängig vom Menschen Sinn und Ordnung aufweist. Durch diese Perspektivenwechsel wird das menschliche Geschehen gleichsam relativiert und in seiner Bedeutung korrigiert. Neben der kosmischen Sphäre, dem Himmel, den Meerestiefen und Vulkanausbrüchen erscheint das Treiben der Menschen belanglos und unwichtig.
  Döblin wurde angesichts dieser Darstellung vielfach Geschichtspessimismus vorgeworfen. Dieser Kritik ist entgegenzuhalten, dass Döblin in „Berge Meere und Giganten" durchaus positive Perspektiven der Problembewältigung entwirft. So endet der Roman mit dem Sturz der Giganten und der Etablierung einer neuen Gemeinschaft, die ihre naturwissenschaftlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten freiwillig zurücknimmt zugunsten eines Lebens im Einklang mit der Natur. In dieser Gemeinschaft ist die Natur wieder Geheimnis geworden, sie wird verehrt und geschätzt. Die hemmungslos ausgelebte Technisierung und Industrialisierung der Welt hat sich als sinnlos und leiderfüllt erwiesen und der Mensch findet letztendlich nur dadurch zurück zu Sinn und Ordnung, indem er seine Subjektzentrierung aufgibt und sich dem natürlichen Weltgeschehen zuwendet.
  Mit diesem Pathos der Hingegebenheit an die natürliche Welt endet der Roman. Diese Schlussutopie spricht der westlichen Gesellschaft prinzipiell die Möglichkeit zu, sich hin zu einem besseren Dasein zu entwickeln – auch wenn dies erst nach knapp fünfhundert Seiten mehr oder weniger katastrophaler Ereignisse geschieht.
 
  Das Buch ist für den durchschnittlichen Leser kaum lesbar. Dies liegt einerseits an der ausufernden Phantasie des Autors, andererseits an der Gedrängtheit und Dichte der Informationen. Über längere Passagen hinweg ist die Erzählung kaum nachvollziehbar und nimmt den Charakter einer abstrakten Abhandlung an, anstatt anschaulich und plastisch zu sein. Im Bewusstsein dieser Schwierigkeiten veröffentlichte Döblin 1932 eine stark vereinfachte Version des Romans unter dem Titel „Giganten. Ein Abenteuerbuch" – allerdings um den Preis einer deutlichen künstlerischen Verflachung.

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