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Milan Kundera
Die Unwissenheit

Hanser
2001
179 Seiten
DM 35,-


Von Claudine Borries am 17.05.2001

  In diesem mit Leichtigkeit geschriebenen Roman hat Kundera die "Unwissenheit" zu seinem Thema gemacht.
 
  Die Protagonisten der Erzählung sind Irena und Josef. Erst ist im Verlauf der Geschichte berühren sich die Lebenswege von beiden für einen kurzen Augenblick.
 
  Nach der russischen Besetzung 1969 ist Irena mit ihrem Mann von Prag nach Paris emigriert, und Josef hat es nach Skandinavien verschlagen.
  1989 kommen beide nach Prag zurück, um sich auf Spurensuche zu begeben. Irena muß erleben, daß niemand von denen, die zu Hause geblieben sind, sich wirklich für ihr Leben in den vergangenen zwanzig Jahren interessiert. Man hört dem, der fortgezogen ist , nicht zu. Nur durch Zuhören könnten die Zurückgebliebenen etwas vom Leben in der Fremde erfahren. Keiner will es wissen. So bleibt ihr vergangenes Leben für die Freunde in der Heimat durch Unwissenheit verhüllt.
  Verpackt in die Lebensgeschichte von Irena und Josef ersteht vor dem Auge des Lesers eine philosophische Weltbetrachtung, die voller Erkenntnisse und Lebensweisheiten ist. Aus den Erfahrungen der beiden Hauptfiguren ersinnt der Autor Spielregeln des Lebens , die der Leser in seinem eigenen Leben wiederfinden könnte.
  Die Unwissenheit ist es ,mit der wir im Leben manches tun, erfahren und erleben . Ob in der Liebe, in den Beziehungen von Kindheit an, ob im Beruf , auf der Flucht oder in der Heimat ,-- es ist die Unwissenheit, die uns für vieles blind und unempfindlich macht.
 
  Da es um Emigration und Heimkehr geht, wird Odysseus als Symbolfigur für die beiden extremen Lebenssituationen angeführt. Seine Reisen ins Abenteuer als Ausdruck der Suche nach dem Unbekannten, und seine Heimkehr " als Versöhnung mit der Endlichkeit des Lebens" werden in einer schönen und poetischen Sprache beschrieben.
 
  Irena hat nichts von dem Glück des Odysseus erlebt. Sie mußte sich schwer durchkämpfen. Männer als Helfer in der Not, --so hat sie die Liebe erfahren. Als Retter vor der erdrückenden Mutter half die Heirat mit dem ersten Mann; aus wirtschaftlicher Not nach dem Tod des ersten bedurfte sie des zweiten Mannes. Die Liebe hat sie nicht gefunden.
 
  Josef findet bei der Heimkehr das gleiche brüchige Verhältnis zum Bruder und zur Schwägerin wieder, wie er es in Erinnerung hatte. Im Gegensatz zu Irena hat er sein Glück mit einer geliebten Frau in Dänemark gefunden, die jedoch verstorben ist. Das Glück mit ihr ist ihm allgegenwärtig durch das Haus, das ihm Heimat geworden ist, und in dem er seine Frau weiter bei sich wähnt.
 
  Zufälle führten Irena und Josef einst zusammen. Sie erinnerte sich seiner bei einer neuerlichen Begegnung sehr genau, er aber hatte sie vergessen. Es kommt zu einer kurzen Affäre. Er erkennt sie nicht, während sie Erwartungen hat, die sich nicht erfüllen werden.
 
  In melancholischen , flüchtigen Szenen erfahren wir in diesem Buch, wie unterschiedlich Glück und Leid verteilt sind.
 
  Es bleibt der Eindruck , daß hier ein weises und lebensreifes Werk entstanden ist.
 
  Ich empfehle das Buch sehr!

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