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Antonio Lobo Antunes
Handbuch der Inquisitoren
(O manual dos inquisidores, 1996)

Luchterhand
1997
Übersetzt von Maralde Meyer-Minnemann
457 Seiten


Von Darko Spoljar

  Wer mal ein richtiges sarkastisches, jedoch auch sehr trauriges Buch lesen will, sollte mal Antonio Lobo Antunes "Handbuch der Inquisitoren" lesen. In diesem Roman des portugiesischen Schriftstellers wird der Aufstieg und Fall eines Großgrundbesitzers (oder wie die Portugiesen und auch andere spanisch-sprechene Länder sagen: Patron) geschildert inmitten der Zeit des kommunistischen Aufstiegs.
  Keine Angst, der Roman ist nur peripher politisch. Man braucht nicht unbedingt Hintergrundwissen über Portugal, der wahre Lesegenuß entwickelt sich von selbst. Antunes, der seine Romane immer noch "zu Fuß" (mit Stiften und: Kein PC!) schreibt, hat hier einen ganz eigensinnigen Schreibstil entworfen, an den man sich zuerst einmal gewöhnen muß.
  Seine Geschichte wird nämlich von jedem Beteiligten die Geschichte aus seiner Sicht erzählt (Vom Stallburschen, zur Köchin bis zum Patron selber) und dies in wechselnder Weise. Doch hat man dies erst einmal im Griff, hat man also den Kniff heraus, wem man gerade lauscht, bereitet es einem ganz großes Lesevergnügen. Auch wird die Sicht einer aus dem asozialen Milieu stammenden Alten geschildert, die in ihrer Ironie, in ihrem Witz (fast) unschlagbar wird. Doch auch der Hauptheld der Geschichte (falls man von einem solchen überhaupt sprechen kann), dieser Doktor, verkommt zu einem kränklichen, alten Kerl, der von den Schwestern immer genervt wird, daß er doch endlich sein Urin ablassen soll ("Pippi, Herr Doktor, Pippi!")
  Was mir noch an dem Buch gefällt, ist der Verfall (den ansonsten G.G. Marquez so genial beschreibt), der hier die ganze Zeit über geschildert wird (und wohl als Symbol für den Verfall des einstigen Regimes von Portugal steht), wobei ich zugeben muß, daß ich eine Schwäche habe, für Geschichten der Vergänglichkeit.
  Hier ein kleiner Auszug aus Antunes' Roman (damit man weiß, was ich meine!)
  "Und als ich in Lissabon das Gericht betrat, dachte ich nicht an das Landgut. Nicht an das Landgut von heute mit den zerbrochenen Statuen im Garten, dem leeren Schwimmbecken, dem Gras, das die Hundezwinger allmählich überwucherte und die Beete zerstört hatte, nicht an das große Haus ohne Dachpfannne, in dem es auf das Piano mit dem signierten Foto der Königen regnete, an den Tisch mit dem Schachspiel, dem ein paar Figuren fehlten, an die Risse im Teppichboden und an das Aluminiumbett, das ich in der Küche gleich neben dem Herd aufgebaut hatte für einen Schlaf, der die ganze Nacht lang vom Gelächter der Raben zermartert wurde..."
  Und? Auf den Geschmack gekommen?
  Wirklich: Nicht verzweifeln wegen seiner Erzähltechnik. Man braucht nur eine kleine Gewöhnungszeit, aber danach wirds' hammermäßig.

Von Alfred Ohswald am 09.02.2000

  Das Leben und Schicksal eines Gutsbesitzers und Ministers im Regime Salazars und zahlreicher mit ihm zu tun habender Personen aus der Sicht dieser ist das Thema des Romans. Dabei werden auch die persönlichen Anschauungen des jeweiligen "Erzählers" deutlich.
  Das Spektrum reicht dabei vom Grundbesitzer und seinen Verwandten bis zu Mägden und anderen Untergebenen, und deckt dadurch verschiedenste gesellschaftliche Schichten ab. Vegetieren die einen am Rande der Existenz dahin oder biedern sich hemmungslos den Mächtigen an, um auch ein Stück vom Kuchen zu ergattern, leben andere in einer geradezu absurden Abgehobenheit.
  Ein Regierungswechsel und später die Revolution bringen manche Turbulenzen. Aber noch mehr spielen private Schicksale und fast immer zum Scheitern verurteilte Beziehungen die Hauptrolle im Leben der vielen Protagonisten.
 
  Antunes hat einen sehr eigenartigen Schreibstil, der mit seinen zahllosen Wiederholungen und Gedankensprüngen sehr an tatsächliche, mündliche Erzählungen erinnert. Die Sätze ziehen sich mit wenig Satzzeichen schier endlos dahin, sind aber durch typographische und grammatische Gliederung trotzdem gut lesbar. Gerade dieser Stil macht das Buch oft besonders Eindringlich und zieht den Leser ganz besonders stark in seine Atmosphäre und das jeweils geschilderte Schicksal.
  Den meisten Personen wird nur ein bis zwei Kapitel Platz gewidmet, um ihnen einen mehr oder weniger ausführlichen Teil ihres Lebens erzählen zu lassen. Viele Ereignisse werden so aus verschiedenen Blickwinkel erzählt, aber der Leser erfährt auch zunehmend neue Dinge. Eine Handlung mit einem Spannungsbogen im herkömmlichen Sinn gibt es aber kaum.
  So entsteht eine Art eindringliche, weitschweifige Familiensaga mit einer unglaublich dichten Milieuschilderung verschiedenster Gesellschaftsschichten im Portugal von der Zeit Salazars bis nach der Revolution. Manchmal bleiben die Protagonisten dabei seltsam unpersönlich und man fühlt sich wie in einer ungewöhnlich langen Geisterbahn namens Portugal.

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