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Helmuth Gericke
Mathematik in Antike und Orient / Mathematik im Abendland
(1984)

Fourier Verlag
1993
644 Seiten
DM 49.80 sFr 46.- öS 364.-


Von Bruno Hopp am 09.05.2001

  Dieses gewichtige Buch ist ein Sonderdruck: den ersten Teil bildet "Mathematik in Antike und Orient" auf 292 Seiten, der zweite Teil "Mathematik im Abendland" trägt den Untertitel: "Von den römischen Feldmessern bis zu Descartes" und umfasst 352 Seiten. Beide Teile sind
 früher als eigenständige Bücher erschienen und hier zusammengefaßt.
  Entstanden als Grundlage bzw. Begleitung zu einer zweisemestrigen Vorlesung, bietet Gericke hier eine wahrhaft tiefreichende Darstellung der Geschichte der Mathematik. Mit Präzision werden Details interpretiert, Abbildungen archäologischer Fundstücke und
 Übersetzungen erläutern die Fragestellung. So geht aus zahlreichen Quellen hervor, wie mathematisches Wissen für praktische Zwecke (Vermessung von Feldern, kaufmännische Berechnungen, Architektur, Zeitmessung und Astronomie) erworben und angewendet wurde.
 Geometrie, die Struktur der Materie, die Kugelgestalt der Erde etwa. Abstrakte Methoden, z.B. die Entwicklung der deduktiven Methode werden immer in den Zusammenhang gestellt - etwa Thales (von Milet) und Aristoteles werden hier als Gründerväter angeführt. Dass eine
 Geschichte der Mathematik nicht auskommt ohne Betrachtung der modischen Strömungen ist offensichtlich: nicht erst seit Phytagoras zogen einflußreiche Denker eine ganze Schar von ebenfalls Gebildeten an. Die phytagoreische Lehre von den Schwingungen (Harmonischen), den geraden und ungeraden Zahlen sind einige Beispiele.
  Gericke steigt tief ein in zahlreiche Fachgebiete: seien es nun die Geometrie (Scheitelgleichungen von Kegelschnitten scheinen heute kein beliebtes Thema im Schulunterricht mehr) oder Zahlentheorie – immer vermittelt Gericke sehr fundiert und doch anschaulich mit Diagrammen und Abbildungen das Thema. Zwangsläufig ein wenig die Einzelpersonen der Antike heraushebend, wird das Denken in Mathematik hier sehr
 anschaulich. Besonders für Wissenschaftler nützlich dürften am Ende des ersten Bandes die "Biographisch-bibliographischen Notizen" sein: Hier werden Darstellungen allgemeiner Natur, verstreut erschienene Einzeldarstellungen und andere Nachschlagewerke
 zusammengestellt. Personen der Antike werden mit den wichtigsten (soweit bekannt) Daten erwähnt (auch Übersetzungen!). Zeitliche Übersichten und Kartenskizzen erleichtern dem Laien anhand von Tabellen die zeitliche und räumliche Einordnung. Ebenso nützlich eine
 Übersicht der Zahlzeichen, von Ägypten über Babylon und China bis zu den indischen Sanskrit-Zeichen erlauben Vergleiche.
  Der Teil 2: "Mathematik im Abendland" beginnt mit der Römerzeit und deren Auseinandersetzung mit dem griechischen Bildungserbe. Nach einige Seiten muß dank der für das Mittelalter typischen einseitigen Quellenlage ein ziemlicher Sprung vollzogen werden: die Scholastik beginnt sich von ihren kirchlich-religiösen Wurzeln zu entfernen, es kommen Übersetzungen aus dem arabischen Sprachraum hinzu. Gerickes' Schlußkapitel endet mit der Zeit von Pierre de Fermat, also ca. 1637. Auch der zweite Teilband bietet wieder eine reiche Fundgrube: Bibliographisches, Notizen zu erwähnten Personen usw. bilden einen wertvollen Anhang, der durch ein Sachwortregister noch wertvoller weil nützlicher wird.
 
  Insgesamt: Gericke hat hier eine beeindruckende Darstellung der Geschichte der Mathematik vorgestellt. Sicher dürfte aus diesem Material mancher Soziologe oder Wissenschaftshistoriker noch wertvolle Erkenntnisse beziehen. Wer die heutige Bedeutung
 mathematischer Erkenntnisse auf zahlreiche Lebensbereiche - angefangen vom Bürocomputer über Stadtplanung bis hin zum Gesundheits- und Sozialwesen ganzer Nationen - verstehen will, wird um die Geschichte der Mathematik von Gericke nicht herum kommen.
  Kurz: allen die etwas näher mit Mathematik in Berührung kommen - als Studenten oder Lehrer in Naturwissenschaften etwa - sollte dies eine absolute Leseempfehlung sein!

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